Gendergrenzen verwischen, alles fließt

Der australische Sänger Troye Sivan. Foto: Universal
Musik Das Pop-Jahr war auffällig queer

Heute gehen queere Musikerinnen und Musiker viel direkter zu Werke – teils schon ab ihrem Karrierestart wie etwa der 23-jährige australische Sänger Troye Sivan, der in diesem Jahr sein zweites Album veröffentlichte. Bereits die Songs und Videos seines Elektropop-Debüts von 2015 thematisierten explizit Liebesglück und -leid aus schwuler Sicht. Im Titelstück seines neuen Werkes „Bloom“ (Universal) macht die Zeile „And, boy, I’ll meet you right there/ We’ll ride the rollercoaster“ klar, dass das in dem Text angebetete „Baby“ ein männliches ist. Im Videoclip zeigt sich Sivan mit knallrotem Lippenstift, Nagellack und in extravaganten Kostümen – sehr sexy und sehr ermutigend für queere Teenager.

Zu einer ähnlichen Direktheit konnte sich die britische Musikerin Anna Calvi erst bei ihrem dritten Album „Hunter“ (Domino) durchringen. Zwar hatte die 38-Jährige immer wieder homoerotische Andeutungen in ihren Songs und Videos gemacht, doch diesmal beschreibt sie in „Chain“ eine Verführungsszene mit einer Frau, sprach in Interviews offen über ihre neue Freundin und schrieb auf ihrer Website, dass es ihr mit dem Album darum gehe, „eine subversivere Sexualität zu erforschen, die über das hinausgeht, was von einer Frau in unserer patriarchalen heteronormativen Gesellschaft erwartet wird.“ Das ist ihr mit dem Avantgarde-Rock von „Hunter“ auf formidable Weise gelungen, es ist ihr bisher bestes Album.

Queer und massentauglich

Dass es beflügelnd und sogar massentauglich sein kann, eine Minderheiten-Identität offensiv in die Kunst einzubringen, hat auch die französische Musikerin Hélöise Letissier alias Christine And The Queens in diesem Jahr gezeigt. Wurde der heute 30-Jährigen bei ihrem Debüt vor vier Jahren noch nahegelegt, sich in Sachen Queerness zurückzuhalten, tat sie mit ihrem zweiten Album genau das Gegenteil: Sie hat es „Chris“ (Caroline) genannt und erforscht aus der Sicht dieser leicht machohaft angelegten Persona die Themen Gender, Sex und Sehnsucht. Dabei ist sowohl ihr eigenes Geschlecht als auch das des Gegenübers nicht immer klar auszumachen. Alles fließt, alles ist möglich. Was nicht nur Pansexuelle und andere Sternchenwesen anspricht: Das Berliner Konzert von Christine And The Queens in der Columbiahalle war schnell ausverkauft, und ihr stark achtzigerbeeinflusstes Elektropop-Album kam in der Metacritic-Bestenliste auf Platz neun.

Selbstredend glänzte auch in diesem Jahr nicht alles regenbogenfarben. Gerade im weltweit erfolgreichsten Genre, dem Hip-Hop, bleiben Frauenverachtung und Homofeindlichkeit weiter feste Größen. Man denke nur an die Düsseldorfer Hassrapper Kollegah und Farid Bang, die mit dem Skandal um ihr unsägliches Album „Jung, brutal und gutaussehend 3“ die Abschaffung des Echomusikpreises einleiteten. So zeugt der erhöhte Queernessfaktor im Pop einerseits von dessen fortschreitender Ausdifferenzierung und andererseits von der Ungleichzeitigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen: Die Emanzipation der Homo-, Bi- und Transsexuelle war noch nie so groß wie heute, gleichzeitig steigt die Zahl der physischen und verbalen Angriffe auf diese Gruppen.

Autotune und abstrakte Sounds

Dennoch ist eine eindeutige Bewegung zum Besseren erkennbar. Dazu gehört auch, dass immer mehr non-binäre, trans oder genderfluide Personen wie Anohni, Tash Sultana oder Sophie einen Platz in der Branche finden. Was wunderbar in das Jahr passt, an dessen Ende der Bundestag ein Gesetz zum dritten Geschlechtseintrag beschlossen hat. Dieser steht zwar nur Intersexuellen offen, allerdings ist damit staatlich anerkannt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.

Jenseits der Frau-Mann-Dichotomie sehen sich auch Planningtorock aus England und Lotic aus den USA, die beide in Berlin leben. Im Englischen bevorzugen sie das Pronomen „they“, im Deutschen kann man „sie“ als erste Person Plural benutzen. Planningtorock haben kürzlich ihr beeindruckendes viertes Album „Powerhouse“ (DFA) veröffentlicht, auf dem sie mit Autotune-verzerrter Stimme über ihre Familie und ihre Gefühlswelt singen. Der Text des Tracks „Non-binary femme“ etwa besteht nur aus diesen drei Worten, die eigentlich ein Paradox bilden, doch nach knapp fünfeinhalb Minuten und unzähligen Wiederholungen zu schneidenden Keyboardakkorden, sind sie im Kopf als neue Genderkategorie festgetackert.

Ebenso verstörend wie betörend war im Juli „Power“ (Tri Angle), das Debüt von Lotic. Collagiert aus abstrakten Sounds, Stolperbeats, Gesängen und Geflüster thematisiert es die Verletzlichkeit eines schwarzen, queeren Körpers – und dessen Selbstermächtigung. Am Ende dieses akustischen Trips bleibt neben der Ermutigung die Erkenntnis, dass Queerness weiterhin Angreifbarkeit bedeutet. Doch es hilft, davon erzählen zu können und davon zu hören. Du bist nicht allein – Popmusik war schon immer eine großer Trösterin. Dass sie jetzt noch mehr Menschen umarmt, ist die frohe Kunde dieses Jahres.

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