Ellie (Sophia Hawkshaw, links) und Abbie (Zoe Terakes) gehen auf dieselbe Schule. Foto: Salzgeber
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Lesbische Romantikkomödie „Ellie & Abbie“ Wenn die tote Tante beim Flirten hilft

Die 17-jährige Ellie ist in eine Mitschülerin verliebt. Doch weil lesbische Liebe auch im 21. Jahrhundert noch nicht einfach ist, bekommt sie Hilfe aus dem Jenseits.

Ellie (Sophia Hawkshaw) sitzt auf der Toilette und scrollt bedachtsam durch das Instagram-Profil von Abbie (Zoe Terakes). Doch trotz oder vielleicht auch gerade wegen der übermäßigen Vorsicht rutscht der 17-Jährigen das Mobiltelefon aus den Händen und landet auf ihrem Schoß.

Ellie atmet einmal tief durch, bevor sie das Universum darum bittet, nicht gerade aus Versehen ein sechs Monate altes Foto von Abbie gelikt zu haben. Sie hat Glück: Die Peinlichkeit bleibt ihr erspart. Kurze Erklärung für alle, die nicht der Generation Instagram angehören: Um ein altes Foto einer Person zu liken, muss man eine längere Zeit auf deren Profil verbracht haben. Heutzutage kann das schon als Liebesbekundung interpretiert werden.

Die Mutter reagiert konsterniert auf Ellies Coming-Out

Und genau deshalb ist Ellie so erleichtert, als sie sieht, dass sich ihr Handy nicht verselbstständigt hat. Denn noch weiß niemand, dass Ellie in ihre Klassenkameradin Abbie verknallt ist. Dass die Schülerin auf eine junge Frau steht, scheint für die ungeschickte, aber smarte Australierin selbst kein großes Problem darzustellen.

So kommt es, dass Ellie ihrer Mutter Erica (Marta Dusseldorp) eben mal nebenbei erzählt, dass sie Abbie gerne zum Abschlussball einladen würde. Weil die Mutter darauf nur mit einem irritierten Blick reagiert, schiebt Ellie hinterher: “Ich bin lesbisch”. Ericas Gesicht wandelt sich nun von irritiert zu geschockt. Und weil sie sonst nicht anderweitig auf das Coming-Out ihrer Tochter reagiert, wirft Ellie ihrer Mutter Engstirnigkeit vor und stürmt aus dem Zimmer. 

Dass Regisseurin und Drehbuchautorin Monica Zanetti in ihrem Langfilmdebüt „Ellie & Abbie“ das Coming-Out der Hauptdarstellerin und die daraus resultierenden Schwierigkeiten in den Mittelpunkt des Films rückt, scheint erstmal aus der Zeit gefallen.

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Zwar ist es bis heute für homosexuelle Teenager immer noch kein Spaziergang, mit den Eltern über die eigene Sexualität zu sprechen. Doch missglückte und tragische Coming-Out-Geschichten wurden bereits zuhauf erzählt. Inzwischen lassen Filmemacher*innen das Coming-Out immer häufiger ganz weg und erzählen einfach in Coming-of-Age-Geschichten von jungem queeren Begehren. Zuletzt haben das etwa Leonie Krippendorff mit „Kokon“ und Monja Art mit „Siebzehn“ vorgemacht.

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Ericas Reaktion auf die Ansage ihrer Tochter ist allerdings nicht auf plumpe Homofeindlichkeit zurückzuführen. Und auch Ellies Vorwurf der Engstirnigkeit greift in diesem Fall nicht ganz. Vielmehr hat die Reaktion etwas mit ihrer verstorbenen Schwester Tara (Julia Bellington) zu tun, die in den 80er Jahren eine lesbische Aktivistin war. 

Und als wäre ein missglücktes Coming-Out für eine Teenagerin nicht schon überwältigend genug, taucht die tote Tara plötzlich auch noch als selbsternannte “fairy godmother” auf, also als gute Fee.

Ellie ist die Einzige, die sie sehen kann. Und das hat einen Grund: Tara mischt sich nur deshalb unter die irdischen Bewohner*innen, um ihrer Nichte beim Dating zu helfen. Denn Ellies Schwarm zum Abschlussball einzuladen, erweist sich als komplizierte Herausforderung.

Was sich zunächst einmal nach albernem Klamauk anhört, entpuppt sich an vielen Stellen als wirklich lustige Komödie. Zwar zündet in der Tennie-Rom-Com nicht jeder Gag. Aber vor allem die missglückten Annäherungsversuche an Abbie halten einige Lacher parat. Dass genau diese Witze so gut funktionieren, liegt vor allem an Hawkshaws komödiantischem Talent. Dass ein von Tara verursachter Streit zwischen Ellie und Abbie, für den beide zum Nachsitzen verdonnert werden, derart lustig gerät, ist vor allem Hawkshaws Verdienst. 

“Ellie & Abbie” hat allerdings auch ernste Seiten, die in die queere Bewegungsgeschichte Australiens zurückgehen. All diese Handlungsstränge unverkrampft miteinander zu verbinden, gelingt dem Film zwar nicht immer. Dass Ellie beispielsweise durch ein Referat ihres Schwarms erfährt, wie ihre Aktivistinnen-Tante Tara ums Leben gekommen ist, wirkt konstruiert.

Darüber lässt sich jedoch leicht hinwegsehen angesichts der charmant-mitreißenden Performance der Schauspielerinnen. Männer kommen übrigens fast keine vor in „Ellie & Abbie“.  Als romantische Jugendkomödie funktioniert der Film jedenfalls. Denn die Figuren sind tiefgründig und unkonventionell genug, um anschließend nicht sofort in Vergessenheit zu geraten. Und über australische LGBTI-Geschichte lernt man nebenbei auch noch etwas.

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