Gute Schule. In Berlin soll es an jeder Schule mindestens eine Kontaktperson für LGBTIQ-Anliegen geben. So hat es das Abgeordnetenhaus im Jahr 2010 beschlossen. Das Foto ist ein Symbolfoto zum Thema Schule. Foto: Patrick Seege/ picture alliance / dpa
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Diskriminierung in der Schule Lehrkräfte brauchen mehr Fortbildungen für Diversity

In den meisten Berliner Schulen gibt es LSBTIQ-Ansprechpersonen. Doch haben sie auch gelernt, auf Diskriminierungen zu reagieren?

Wie schätzt der Berliner Senat die Situation von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Jugendlichen ein? Und wie verbreitet sind Ansprechpersonen für Diversity und sexuelle Vielfalt an den Berliner Schulen? Das haben die Grünen-Abgeordneten Anja Kofbinger und Sebastian Walter die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in einer Kleinen Anfrage gefragt. Die Verwaltung antwortet ausführlich.

Eine umfassende Einschätzung zur Lage der LSBTIQ-Jugendlichen an den Berliner Schulen könne die Verwaltung nicht geben, erklärt der gerade entlassene Staatssekretär für Bildung Mark Rackles (SPD) in der jetzt bekannt gewordenen Antwort vom 28. März. Doch die Studie „Coming Out – und dann…?!“ des Deutschen Jugendinstituts von 2015 belege, dass acht von zehn befragten LSBT-Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit Diskriminierung erfahren haben.

Außerdem beobachte der Senat einen hohen Fortbildungsbedarf von pädagogischen Fachkräften zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Das zeige die hohe Nachfrage nach Fortbildungen und Beratungen bei den „relevanten Bildungsträgern“ und in der Senatsverwaltung. Besonders die Unterstützung von „transgeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen“ sei „ein wichtiges Thema für die Schulen“, wie von den Peer-Projekten für Jugendliche und von Kontaktpersonen in den Schulen berichtet werde.

An den meisten Schulen gibt es Ansprechpersonen für LSBTIQ

An den meisten Berliner Schulen gibt es dem Senat zufolge bereits Ansprechpersonen für Diversity und sexuelle Vielfalt: Von den 417 öffentlichen Grundschulen trifft das auf 392 zu. Bei den Integrierten Sekundarschulen gaben 109 von 119 an, eine Kontaktperson für den Bereich zu haben, bei den Gymnasien 90 von 92 und bei den Berufsschulen 45 von 51. Damit setzen die Schulen einen Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses vom Jahr 2010 um, die „Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt (ISV)“.

Allerdings haben längst nicht alle Ansprechpersonen bereits mindestens eine Fortbildung zu dem Thema gemacht: Das trifft demnach erst auf 62 Prozent zu.

Jedoch erhalten die Kontaktpersonen neuerdings das Angebot, eine Reihe von vier Fachgesprächen mit der Fachstelle Queere Bildung wahrzunehmen, erklärt die Bildungsverwaltung. Die Fachstelle ist erst Anfang dieses Jahres als Servicestelle eingerichtet worden. Sie soll Fortbildungen anbieten und Lehrmaterial entwickeln. Aktuell versendet sie bereits regelmäßig Newsletter und bietet Möglichkeiten zur Vernetzung an, wie die Senatsverwaltung erklärt.

Darüber hinaus arbeite die Bildungsverwaltung an einer übergreifenden Antidiskriminierungsstrategie, die auch intersektionale Maßnahmen enthalten soll, also Maßnahmen, die auf die Verwobenheit mehrerer Diskriminierungsmerkmale zielen. Rackles nennt neben Geschlecht und sexueller Orientierung etwa Nationalität, Religion, Alter oder soziale Herkunft. In diesem Rahmen werde auch eine systematische Erweiterung oder Verknüpfung von Zuständigkeiten der in Schulen tätigen Personen geprüft.

"Im besten Fall Sichtbarkeit von LSBTIQ an Schulen"

Wie bewertet der Senat die Arbeit der  Ansprechpersonen in der Schule?, wollten die beiden Grünen-Abgeordneten weiter wissen. Doch dazu hat die Verwaltung von den Schulen keine systematische Rückmeldung bekommen. „Die aktiven Ansprechpersonen an den Schulen bewirken im besten Fall Sichtbarkeit von LSBTIQ an den Schulen“, erklärt sie. In Fachgesprächen sei über verschiedene Aktivitäten berichtet worden, darunter AG Gründungen (für Vielfalt – gegen Diskriminierung, Respekt, Gay-Straight-Alliances oder ähnliches), Projekte und Projekttage, Plakataktionen, Bereitstellen von Materialeien im Kollegiums-Zimmer, Einrichtung von Unisex-Toiletten an der Schule, Hinweise auf gendersensible beziehungsweise diskriminierungsfreie Sprache, Anpassung von Schulordnungen und das Anstoßen von Schulentwicklungsmaßnahmen. Außerdem böten einige Kontaktpersonen Beratungszeit an und thematisierten auf Konferenzen etwa den Umgang mit Beschimpfungen. Über Aktivitäten an privaten Schulen ist der Senat nicht systematisch im Bilde, man kenne aber einzelne Initiativen.

"Man sieht, es funktioniert"

Die Abgeordneten Sebastian Walter und Anja Kofbinger sehen die vom Senat geschilderte Entwicklung im Wesentlichen positiv: „Man sieht, es funktioniert“, sagte Walter dem Queerspiegel auf Anfrage. Die noch bestehenden Lücken, von denen einige auch auf Personalwechsel an den Schulen zurückzuführen sein könnten, seien aber zu schließen. Insgesamt könne die Dichte an LSBTQ-Ansprechpartnern an den Schulen in Berlin aber wohl bundesweit als „ziemlich einmalig“ gelten. Anja Kofbinger hob das gewachsene Interesse an der Unterstützung von trans Jugendlichen hervor: „Früher war es überhaupt nicht denkbar, das Transgeschlechtlichkeit an der Schule behandelt wurde, oft, weil es darüber auch keine Informationen oder geschultes Personal gab.“

Sorgen macht den beiden Abgeordneten der aber der große Nachholbedarf bei der Fortbildung: „Die Lehrkräfte müssen das Rüstzeug erhalten, um auf Diskriminierungsvorfälle an den Schulen reagieren zu können“, sagte Walter. Anja Kofbinger erklärte, die Schulen sollten dazu animiert werden, „dass ihr Lehrkörper an den Fortbildungen teilnimmt.“

Außerdem wollen die Grünen-Abgeordneten die Aktivitäten der Bildungsverwaltung zu einer umfassenden Antidiskriminierungsstrategie genau beobachten: „Die ist ja schon seit Herbst angekündigt. Und davon erwarten wir viel“, sagte Walter.  Bei den privaten Schulen wollen Walter und Kofbinger noch einmal nachhaken und vom Senat tiefere Auskünfte verlangen.  

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