Der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon. Foto: dpa
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Didier Eribon Von der Selbsterfindung des schwulen Manns

In Deutschland wurde der schwule Gehalt des Denkens von Didier Eribon bisher kaum gewürdigt. Mit der erstmaligen Übersetzung seiner "Betrachtungen zur Schwulenfrage" ändert sich das.

Das Werk selbst ist eine Übersetzungsleistung: Ende der neunziger Jahre schickte Didier Eribon sich an, die französische Öffentlichkeit mit Denkerinnen und Denkern der US-amerikanischen Queer Theory vertraut zu machen, darunter Eve K. Sedgwick, Judith Butler und David Halperin. Die „Betrachtungen zur Schwulenfrage“, die der Philosoph vier Jahre lang anstellte, sind somit ein Kompendium, das seine seit 1998 in Paris veranstalteten Seminare zu queerer Theorie aufgreift.

Viele der von Eribon behandelten Grundlagenwerke gibt es bis heute nicht in deutscher Übersetzung – ein großer Verlust. Denn die „Betrachtungen“ stellen wichtige Fragen und versuchen sie zu beantworten: Was bedeutet es, in einer homofeindlichen Welt homosexuell zu sein? Wie wandelt sich Unterwerfung zur Neuerfindung des Selbst?

Das schwule Kind ist schwul, weil es Bestrafung fürchtet

„Am Anfang war die Beleidigung“, so beginnt Eribon, um zunächst folgerichtig eine soziologische Bestimmung der Macht der Kränkung vorzunehmen. Der homofeindliche Diskurs sei, so Eribon, seit 150 Jahren überraschend stabil. Seine Gewaltsamkeit liege dabei nicht vordergründig in der tatsächlich erfolgten Verletzung, sondern in seiner Potenzialität: Das schwule Kind ist schwul, weil es Bestrafung fürchtet, die Lesbe, weil sie auf der Straße genau darüber nachdenkt, wann sie die Hand ihrer Partnerin halten darf. Die Homofeindlichkeit, darin ebenso subtil wie grausam, geht dem homosexuellen Subjekt voran, die „Unterwerfung“ unter die Sexual- und Sozialordnung ist, mit dem französischen Philosophen Louis Althusser, „immer-schon“. „Bei der Beleidigung wird auf das Innerste abgesehen, auf das Tiefste des Wesens."

Eribons Fixstern ist Foucault

Doch es gibt Mittel gegen diese brutale Betroffenheit. Zu den Auswegen gehört die Flucht in die Großstadt und die dortige Vergemeinschaftung mit Gleichgesinnten. Die Geburtsstunde der in der urbanen Moderne entstehenden homosexuellen Kultur ist für Eribon Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich französische und englische Literaten an die Schöpfung einer modernen schwulen Sensibilität machten. Diese im zweiten Teil literaturgeschichtlich veranschaulichte „Gegenkultur“ zur Homofeindlichkeit sei, so Eribon mit seinem Fixstern Foucault, heterotopisch: Indem sie der Beleidigung die Selbstbehauptung abringt, ist sie so beharrlich wie der homofeindliche Diskurs.

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Dem Versuch, eine „dritte Biografie von Foucault“ zu schreiben, widmet sich Eribon im dritten Teil. Der hier gezeichnete Foucault ist nicht nur schwul, er „bringt sein Leben in sein Denken ein“. Da der Philosoph in jungen Jahren an seiner Homosexualität schier verzweifelte, durchzieht sein Werk der Antrieb, „sich auszudenken, wie weit wir uns ,befreien können’“. Es ist der Ausgangspunkt für die letzten, unvollendeten Bände der „Geschichte der Sexualität“ und Foucaults Gedanken zum befreienden „schwul werden“ in der Freundschaft zwischen Männern, in der Intensivierung der Lüste.

„Rückkehr nach Reims“ dominiert die deutsche Eribon-Rezeption

Umso ironischer, dass der deutsche Diskurs den schwulen Gehalt des Eribonschen Denkens bis dato kaum gewürdigt hat. Stattdessen liefert die hiesige Lesart seines gefeierten autobiografischen Essays „Rückkehr nach Reims“ oft denjenigen Munition, die eine linke Abkehr von den wirklich entscheidenden, nämlich sozialen Konflikten beklagen. Minderheitenpolitik als Nebenwiderspruch? Eine Fehlinterpretation, die Eribon stets vehement abgelehnt hat in seinen Forderungen nach einer Linken, die alle Marginalisierten zwingend mit einbeziehen muss.

„Rückkehr nach Reims“ hat gezeigt, welchen politischen Projekten die soziale Scham Nährboden sein kann. Einen Grundstein für diese Überlegungen legten die „Betrachtungen“ mit ihrer Analyse der Funktion homosexueller Scham. Das politische Potenzial nicht nur des Queeren, sondern einer jeden randständigen gesellschaftlichen Position lässt sich mit Eribons Buch neu denken. Wie kann sich eine Persönlichkeit finden, die tagtäglich Feindseligkeit ausgesetzt ist? Es ist „eine unendliche Aufgabe“, es bleibt die einzig mögliche.
Didier Eribon: "Betrachtungen zur Schwulenfrage". Aus dem Französischen von Bernd Schwibs und Achim Russer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 600 Seiten, 38 €

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