Lil Nas X, hier bei der Grammy-Verleihung 2020. Foto: Alberto E. Rodriguez/Getty Images via AFP
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Der Rap hat sein Coming Out Supersexy und supererfolgreich – der grandiose Song "Montero" von Lil Nas X

Mit seinem Song "Montero" und dem dazugehörigen Video schreibt Lil Nas X Geschichte: Noch nie hat ein Rap-Song so glamourös Homosexualität gefeiert.

Als Montero Lamar Hill am 9. April 1999 im US-amerikanischen Lithia Springs das Licht der Welt erblickte, war wohl noch niemandem bewusst, dass der Junge knapp 22 Jahre später den Hip-Hop revolutionieren würde: Am Freitag veröffentlichte Lil Nas X, wie Hill mit Künstlernamen heißt, das Musikvideo zu seiner Single “Montero (Call Me By Your Name)”.

Darin gibt er nicht nur dem Teufel einen Lapdance, sondern überwindet auch jegliche Berührungsangst vor Homosexualität im Rap-Genre. In dem Video, inszeniert vom ukrainischen Regisseur Tanu Muino, durchläuft Lil Nas X das Erkunden seiner Lust und Homosexualität, stilisiert im Garten Eden durch das Kosten der verbotenen Frucht.

Lil Nas X und sein Tanz mit dem Teufel

Für diese vermeintliche Sünde wird er vor Gericht verurteilt und landet schließlich, nachdem er eine ewig lange Poledance-Stange entlang geglitten ist, in der Hölle.

Ihn erwartet niemand geringeres als der Teufel, dem der Rapper kurzerhand einen Lapdance gibt, in ewig hohen Lackstiefeln und Boxershorts, mit dem Hintern wackelnd und seinen muskulösen Körper um Satan geschlungen.

Dieser, sichtlich angetan, bekommt zum Ende kaum mit, dass Lil Nas X ihn umbringt und sich selbst Satans Hörner aufsetzt. Die Moral der Geschichte: Egal, wer Montero für seine Sexualität und sein Verlangen verurteilt, er wird immer zu sich selbst stehen und gewinnen.

Bis zu dieser Emanzipation, von Montero Hill zu Lil Nas X und nun wieder zu Montero, war es ein langer Weg. Auf Twitter postete Lil Nas X einen Brief an sein 14-jähriges Ich: Damals hatte er sich geschworen, sein Schwulsein niemals publik zu machen: “Ich weiß wir haben uns versprochen, dieses Geheimnis mit ins Grab zu nehmen, aber das wird Türen für so viele andere queere Menschen öffnen”, schreibt er.

Der Brief an Montero Hills 14-Jähriges Ich

Er wolle mit seiner Musik jenen helfen, die sich nicht trauen sich zu outen und sich verstecken, so wie Lil Nas X vor einigen Jahren noch selbst. “Das ist sehr angsteinflößend für mich, Menschen werden sauer sein, sagen, ich überschreite Grenzen. Die Wahrheit ist, das tue ich. Die Grenzen, dass Leute sich um ihren eigenen Scheiß kümmern sollen und niemandem zu diktieren haben, wer sie sein sollen.”

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In dem Brief verrät Lil Nas X außerdem, dass “Montero” von einem Mann handle, den er letzten Sommer traf. Den Liedzeilen nach zu urteilen ging es in dieser Beziehung vor allem um Sex und Drogen: “Du bist süß genug, um heute Nacht mit mir zu ficken. Schaue auf den Tisch, alles was ich sehe ist Gras und Kokain” und “Schieße ein Kind in deinen Mund, während ich dich reite” heißt es in dem Song.

Mit dem letzten Zitat spielt der Rapper darauf an, dass Homosexualität oft als unnatürlich dargestellt wird, da sie nicht der Reproduktion diene. Wie erwartet hagelte es von Konservativen in Amerika Kritik: Kindern würde mit dem Inhalt der Musik und des Videos geschadet. 

Der Rapper entgegnete kurzerhand: “Jede Woche gibt es eine Massenschießerei, gegen die unsere Regierung nichts unternimmt. Ich, der eine Poledance-Stange runterrutscht, zerstört die Gesellschaft nicht.”

Mehr als 30 Millionen Menschen sahen das Video bereits

In weniger als drei Tagen klickten über 30 Millionen Menschen das Musikvideo zu “Montero” auf Youtube an. Ein voller Erfolg also.

Die Musik von Lil Nas X kommt auch einem Aufklärungsauftrag nach: Sie stellt einem Mainstream-Publikum Queerness als Normalität dar. Als Mittelpunkt von Musik und Kunst – nicht als Nischenthema. Dass der Song nicht nur den bürgerlichen Vornamen des Rappers im Titel trägt, sondern auch auf den Film “Call me by your name” anspielt, scheint kein Zufall: Im Mittelpunkt Monteros Lebens und des Films steht das Zeigen und Leben schwulen Verlangens.

Ein Verlangen, das durch gesellschaftliche Stigmata lange unterdrückt und geheimgehalten wurde – auch in der Musik. Lil Nas X emanzipiert sich mit “Montero” von der weitverbreiteten Homofeindlichkeit im Rap. Solch explizit homosexuelle Songzeilen gab es noch nie in dem Genre – vor allem nicht von einem Star seines Kalibers.

"Old Town Road" stand 19 Wochen auf Platz Eins

Lil Nas X ist der erste queere Rapper, der einen Nummer-eins-Hit in den USA hatte. 2019 schrieb er Geschichte, als sein Country-Rap-Song “Old Town Road” 19 Wochen auf Platz eins der US-amerikanischen Charts stand. Zuvor hielten Mariah Carey und Justin Bieber mit jeweils 16 Wochen den Rekord für die längste Nummer eins inne. Nach diesem riesigen Erfolg outete sich Lil Nas X als schwul, danach trat er auch immer wieder gern mit einem pinken Cowboyhut auf.

“Montero” ist für queere Menschen ein Befreiungsschlag. Lil Nas X schließt damit eine Lücke. Er ist nun ein queeres (Sex-)Vorbild in der Musik – was noch immer vor allem heterosexuellen Menschen vorbehalten war. Montero Lamar Hill erlaubt es Queers sich zu identifizieren - und auch ein bisschen geil zu werden beim Hören, Fantasien haben und Ausleben der eigenen Lust.

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