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Das Queer-Lexikon Was ist eine Regenbogenfamilie?

Regenbogenfamilien mangelt es nach wie vor an Sichtbarkeit. Dabei bieten Familienkonstellationen jenseits heteronormativer Zwänge große Chancen.

Bei dem Begriff „Regenbogenfamilie“ denken die meisten an gleichgeschlechtliche Paare. Etwa die schwulen Charaktere Cam und Mitchell, die in der Serie „Modern Family“ ihre Tochter Lily großziehen. Oder die Ärztinnen Arizona Robbins und Callie Torres, die in der US-amerikanischen Serie „Greys Anatomy“ erleben, wie ihre Tochter Sofia aufwächst.

Diese - wenn auch fiktiven - Beispiele zeigen: Queere Familienkonstellation werden mittlerweile, wenn auch noch selten, im Mainstream berücksichtigt. Meistens geht es jedoch um gesellschaftliche Hürden oder Ausgrenzung. Außerdem werden die Charaktere nur selten der tatsächlichen Bandbreite an Regenbogenfamilien gerecht.

Denn das Spektrum reicht weit über homosexuelle Paare hinaus. Alternativen Modellen mangelt es jedoch an Sichtbarkeit. Das liegt maßgeblich daran, dass Cis-Geschlechtlichkeit, Heterosexualität und Monogamie in der Gesellschaft nach wie vor als Norm gelten.

Mindestens 12.000 Haushalte in Deutschland

Repräsentative Angaben zur Zahl der Regenbogenfamilien in Deutschland existieren nicht. Schätzungen des Lesben– und Schwulenverbandes zufolge gibt es allerdings mindestens 12.000 Haushalte, in denen gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern leben. Die tatsächlichen Zahlen von Regenbogenfamilien dürften deutlich höher liegen. Denn dazu gehören beispielsweise auch Familien, in denen ein oder mehr Elternteile trans oder intergeschlechtlich sind. Oder Menschen, die ohne partnerschaftliche Beziehung gemeinsam eine Familie gründen („Co-Parenting“).

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Regenbogenfamilien sind häufig Diskriminierung und Vorurteilen ausgesetzt. Sie müssen sich ihrem sozialen Umfeld oder ihrer Herkunftsfamilie gegenüber rechtfertigen und zum Teil unangemessene Fragen beantworten. Die Entwicklung ihrer Kinder wird automatisch zur Debatte gestellt.

Und das obwohl wissenschaftliche Studien längst belegt haben, dass es Kindern in Regenbogenfamilien keinesfalls schlechter geht als in herkömmlichen Familien. Es gibt sogar Vorteile - für Eltern und Kinder. So wird nachgewiesenermaßen die Care-Arbeit gleichberechtigter aufgeteilt und unterliegt weniger stereotypen Rollenbildern.

Historische Diskriminierung

Dass Regenbogenfamilien diskriminiert werden, ist nicht neu. Bis in die 1990er Jahre wurde lesbischen Paaren das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Ein Unrecht, das bis heute nicht vollständig aufgearbeitet wurde. Seit im Oktober 2017 die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde, können diese zwar gemeinsam ein Kind adoptieren. Familien mit mehr als zwei Elternteilen werden allerdings nach wie vor rechtlich nicht anerkannt. Und das obwohl die  Zahl queerer Mehrelternfamilien und Patchworkfamilien statistisch gesehen zunimmt. 

Rechtliche Diskriminierung

Auch bei der Ehe für alle gibt es eine große Lücke: So wurden lesbische Paare bei der Einführung in der Frage der Co-Mutterschaft nicht mit heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Und das obwohl über 90 Prozent aller Kinder in Regenbogenfamilien bei zwei Müttern lebt. Kinder, die in queere Ehen hineingeboren werden, müssen von der Person, die das Kind nicht geboren hat, erst durch eine sogenannte „Stiefkindadoption“ adoptiert werden. Ein Verfahren, dass sich über Jahre ziehen und für die betroffenen Familien sehr belastend sein kann. Bei heterosexuellen Paaren ist das anders: Da wird der Ehepartner automatisch als Vater anerkannt, auch wenn er es biologisch nicht ist. Sogar bei unverheirateten Paaren ist es ziemlich unproblematisch, die Vaterschaft anerkennen zu lassen.

Diese Diskrepanz zeigt, wie viel Handlungsbedarf es gerade von politischer Seite gibt. Bisher verliefen aber sämtliche Vorstöße der Politik hier Gleichberechtigung zu schaffen im Sande. Seit März 2021 sieht es erstmals so aus, als könnte sich tatsächlich etwas ändern.

So haben die Länder Berlin und Thüringen einen entsprechenden Antrag zur Reform des Abstammungsrechts in den Bundesrat eingebracht. Der Antrag wurde an die Fachausschüsse weitergeleitet. Auch Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) erkennt die Problematik und erklärte, dass eine Reform des Abstammungsrechts überfällig sei.

Zudem haben zwei Gerichte, vor denen queere Familien geklagt hatten, anerkannt, dass eine Ungleichbehandlung von Hetero- und Regenbogenfamilien gegeben ist. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe soll die nun klären, ob das Abstammungsrecht verfassungswidrig ist.

Die Chancen stehen also gut, dass bald Bewegung in die Frage kommt und Regenbogenfamilien gleichgestellt werden.

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