Cihangir Gümüştürkmen, eine der Gründer*innen der "Gayhane"-Party. Foto: Nicolaus Schmidt
© Nicolaus Schmidt

Bildband über „Gayhane“ Die Nacht anhalten

Der Berliner Künstler Nicolaus Schmidt hat für seinen prachtvollen Bildband „Kosmos Gayhane“ Gäste der legendären Party im Kreuzberger SO 36 fotografiert.

Fotografieren ist streng verboten bei der „Gayhane“-Party im SO 36. An den Wänden hängen Piktogramme, die darauf aufmerksam machen, auf der Bühne werden extra Durchsagen gemacht. Selbst wer nur ein Selfie von sich und seinen Freundinnen knipst, muss damit rechnen, dass eine Aufpasserin eingreift, in deren Gegenwart man die Bilder löschen muss.

Anders als beim Berghain, wo das Fotoverbot auch ein mythosfördernder PR-Faktor ist, geht es bei „Gayhane“ um Existenzielleres. Da sich die seit 1998 im SO 36 stattfindende Party insbesondere an queere Menschen aus dem türkischen und arabischen Raum richtet – der Event-Name bedeutet etwa „schwules Haus“ – ist es den Veranstalter*innen wichtig, dass hier auch nicht geoutete Personen ungezwungen feiern können. Niemand soll Angst haben, dass ein missgünstiger Verwandter seinen schwulen Cousin fotografiert, um ihn im Familienkreis schlechtzumachen, gar zu erpressen.

Die Aufnahmen entstanden vor einer Notausgangstür

Es ist also etwas ganz Besonderes, dass es nun einen Bildband mit dem Titel „Kosmos Gayhane“ gibt, der Einblicke in den geschützten Raum erlaubt. Alle abgebildeten Clubgänger*innen haben dem Berliner Fotograf Nicolaus Schmidt ausdrücklich ihr Einverständnis gegeben, alle bekamen einen Abzug ihrer Porträts.

Schmidt kam 2002 zunächst einfach nur als Gast zu der monatlichen Veranstaltung, bei der unter anderem DJ Ipek ihren wunderbaren Mix aus türkischer, kurdischer, griechischer, indischer und anderer Musik auflegt. Er wurde Stammgast, bat irgendwann das „Gayhane“-Team um eine Fotoerlaubnis und legte los.

[Nicolaus Schmidt: Kosmos Gayhane. Art In Flow. 168 S., 99 € . Einige Bilder sind derzeit ausgestellt bei Kunstbücher K52, Joachimstr. 17, Mi-Sa, 14-18 Uhr. Dort kostet das Buch bis zum 6. März 66€.]

Innerhalb von drei Jahren entstanden die im Buch versammelten Porträts. Meist einzeln, manchmal auch zu zweit sieht man junge Männer mit Gelfrisuren, prachtvoll gestylte Drag Queens und auch ein paar Frauen und ältere Männer. Schmidt hat sie vor einer schwarzen Notausgangstür zwischen Bar und Tanzfläche mit doppeltem Blitzlicht aufgenommen. Dadurch heben sich die Gesichter gut vom dunklen Hintergrund ab. Schweiß, Schminke, Bartstoppeln und Poren sind genau zu erkennen. Die Nacht wird für einen Moment an- und festgehalten.

Ein Porträt aus dem Band "Kosmos Gayhane". Foto: Nicolaus Schmidt Vergrößern
Ein Porträt aus dem Band "Kosmos Gayhane". © Nicolaus Schmidt

Neben den Porträts versammelt der 96- seitige Band auch Aufnahmen vom Bühnenprogramm, die aber eher Schnappschuss-Charakter haben. Hier fällt am deutlichsten auf, dass die Bilder teilweise schon über 15 Jahre alt sind. So ist einmal Gloria Viagra zu sehen – ohne Bart. Der ist inzwischen schon lange das Markenzeichen der Drag Queen, die die Party einst ins SO36 holte. Die legendäre „Gayhane“-Mitgründerin, Künstlerin und Kreuzberg-Eminenz Fatma Souad spielt eine prominente Rolle in Schmidts Buch. Sie taucht mehrmals auf und ziert auch das Cover – das schönste Porträt der Sammlung.

Weniger gelungen ist Nicolaus Schmidts künstlerische Ergänzung des Bandes durch sein sogenanntes morphografisches Alphabet. Eine von rechts nach links laufende Fantasieschrift, die wie ein zitteriges Fake-Arabisch aussieht. Immer wieder stehen wie Strophen wirkende Zeilen neben den Aufnahmen oder auf den Seiten zwischen den Porträts.

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Die Schriftzeichen orientieren sich an früheren Arbeiten von Schmidt, wobei er sich für „Kosmos Gayhane“ von den „Tanzbewegungen eines Kurden“ inspirieren ließ, wie es in Helen Adkins’ Begleittext heißt. Gleichzeitig bezieht sich die Schrift auf den Umstand, dass Schmidt die Gespräche und Aktionen der Feiernden oft nicht verstand, weil er ihre Sprachen nicht beherrscht, die sozialen Codes nicht kennt.

"Gayhane"-Mitgründerin Fatma Souad ist auf dem Cover des Bildbandes zu sehen (Ausschnitt). Foto: Nicolaus Schmidt Vergrößern
"Gayhane"-Mitgründerin Fatma Souad ist auf dem Cover des Bildbandes zu sehen (Ausschnitt). © Nicolaus Schmidt

Dass der 1953 geborene Künstler seine Fremdheitserfahrung in eine ästhetische Annäherung an die arabische Schrift übersetzt, ist sicher als Hommage gemeint, doch das missglückt. Die Zeichen haben einen ähnlichen peinsamen Effekt, als würde jemand auf einer Bühne in Pseudo- Arabisch herumstammeln, um Eindrücke einer anderen Kultur zu vermitteln. Dass es sich um ein ins Deutsche übersetzbares Alphabet handelt und Schmidt damit Zitate aus dem „Winterreise“-Zyklus des Romantik-Dichters Wilhelm Müller collagiert, macht die Sache noch absurder.

Informativ und spannend ist hingegen das 72-seitige illustrierte Begleitmagazin (beide Bände stecken in einem hochwertigen Schuber) mit Texten zu „Gayhane“. Unter anderem kann man hier Fatma Souads und İpek İpekçioğlus Beiträge aus dem 2016 erschienenen SO36-Geburtstagsbuch nachlesen und sich der Anfänge der Party gewahr werden. Wie DJ Ipek zum ersten Mal – mit Kassetten! – auflegte, wie Kiez-Machos versuchten, die Party zu dominieren und es sogar Schlägereien an der Tür gab.

„Gayhane“ ist ein hart erkämpfter Raum, der viele Wandlungen durchgemacht hat. Inzwischen kommen auch viele Geflüchtete. Einer von ihnen ist Prince Emrah, der mit seinen Bauchtanz- Einlagen zu den Stars der Bühnenshows zählt. Seine Hüftschwünge kann man derzeit nur im Netz bewundern. Die Sehnsucht meldet sich, Sorge um das SO36 kommt hinzu. Das „Gayhane“-Buch hilft, beides ein wenig zu lindern.

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