"In unserer Familie haben alle eine scharfe Zunge."

Eva Menasse. Foto: Mike Wolff
Patchwork-Familien „Alle vier Jahre bin ich ein Zirkustier"

In Ihren fiktiven Patchworkfamilien finden sich so viele Fallstricke, dass Entrinnen unmöglich scheint. Eine Mutter lassen Sie Markierungen in die Wechselwäsche der Stiefkinder nähen, um der Ex des Mannes die Angriffsfläche zu nehmen. Am Ende bricht die Mutter vor der Waschmaschine zusammen.

Literatur ist immer Verdichtung. So ein normales Leben mit wohltemperiertem Alltag trägt ja immer nur ein paar Diamantensplitter oder Goldstäubchen von Literatur in sich. Beim Schreiben suche ich danach, wo es wirklich um etwas geht, die Emotionen groß werden.

Der schlimmste Fehler, den man als Mitglied einer Patchworkfamilie machen kann?

Man kann mehr Fehler machen, als man gut machen kann. Nicht nur als Mitglied einer Patchworkfamilie, sondern in dem Moment, wo man Kinder hat und die Partnerschaft sich aufzureiben beginnt. Alle haben wenig Zeit, machen Karriere, und dann sind da noch die Kinder. Jeder will anerkannt sein. Das geht sich nicht aus, wie wir Wiener sagen.

Ist Anerkennung die Währung einer modernen Familie?

Für eine Partnerschaft, fürchte ich, ja. Wer opfert sich mehr? Wessen berufliches Fortkommen ist wichtiger? In meinem Freundeskreis gab es eine Ehe mit zwei Kindern, die auseinanderflog. Man wusste erst gar nicht, warum, es gab keinen Dritten. Dann sagt die Frau: „Wenn die Kinder beim Ex sind, habe ich endlich meine eigene Zeit.“ Das ist verrückt. Warum schafft man es nicht, die eigene Zeit partnerschaftlich zu organisieren? Warum glaubt man, alles immer gemeinsam machen zu müssen? Ich sage gerne den polemischen Satz: Es war halt einfacher, als die Frauen ungebildet waren.

Sie haben auch mal gesagt, Menschen, die keine Kinder haben, fehle ein entscheidender Blick auf sich selbst. Was meinen Sie damit?

Das wird von Kinderlosen sehr ungnädig aufgenommen, dabei meine ich das nicht abwertend. Bei mir war es so, dass mir eine entscheidende Dimension des Lebens erst aufgegangen ist, als ich ein eigenes Kind hatte. Dass man plötzlich Dinge tut, die man an den eigenen Eltern verabscheut hat. Man schaut sich beim Wiederholen zu: „Nein, du gehst nicht mit deinen zwölf Jahren samstagabends auf den Ku’damm!“ Außerdem sah ich plötzlich die eigenen Eltern als fehlbare Menschen, nicht als Instanzen.

Das ist doch ein Merkmal von Erwachsensein, nicht unbedingt des Elternseins.

Vielleicht können andere das besser als ich; ich konnte es erst, seit ich Kinder habe. Ich weiß jetzt, dass meine Mutter, mit der ich mich viel gezofft habe, unter Druck stand und in ihrem Lebenskampf nicht permanent über uns nachdenken konnte.

Sie haben 2010 im „Spiegel“ über Ihre Fehlgeburten geschrieben – und die Qualen der Reproduktionsmedizin, denen Sie sich ausgesetzt haben. Warum sind Sie damit in die Öffentlichkeit gegangen?

Mir schien es notwendig, das Plädoyer für die Präimplantationsdiagnostik mit meiner persönlichen Erfahrung zu beglaubigen. Ich denke nicht oft im Leben, dass ich hundertprozentig recht habe, aber in diesem Fall war es so. Davor war es eine unbeschreibliche Qual für Paare mit genetischen Vorbelastungen, ein totes Kind nach dem anderen kriegen zu müssen, anstatt fünf Minuten nach der künstlichen Befruchtung einen gesunden Embryo aussuchen zu dürfen. Da blöken manche gleich: Nazis! Selektion! Doch geht es hier nicht um die Rampe in Auschwitz, sondern um das irrsinnige Leid von Frauen, die lange keine Kinder, oder noch schlimmer: immer nur todkranke Kinder bekommen.

Wem konnten Sie sich anvertrauen?

Meinen Freundinnen und meiner Schwester. Das Schlimme ist ja das Warten. Und warten kann ich nicht. Man geht jede Woche zum Ultraschall, und die Gynäkologin sagt: „Hm, ja, da klopft ein Herz – aber es sieht ein bisschen komisch aus.“ Außerdem habe ich lange für die Erkenntnis gebraucht, dass nach einer Reihe von Fehlgeburten eine Therapie sinnvoll ist. Durchhalten gehört leider auch zum Familienerbe: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

Haben Sie jedes medizinische Detail recherchiert?

Ja. Ich las auch Unmengen von Chat-Plattformen, wo sich die Betroffenen austauschen, was wie Gift für mich war. Viele schreiben seltsam, und wenn man da empfindlich ist … dazu weinende Smileys. Bei „Urbia“ abonnierte ich den Schwangerschafts-Newsletter, und wenn’s wieder nichts wurde, musste ich stornieren.

In Ihrer Heimito-von-Doderer-Biografie zitieren Sie seinen Satz: „Jeder bekommt seine Kindheit übergestülpt wie einen Eimer, später zeigt sich erst, was darin war, aber ein ganzes Leben lang rinnt das an einem herunter …“ Was war in Ihrem Eimer?

Eine Menge österreichisch-jüdische Verworrenheit, viel Tennis-Club und viel Kartenspiel. Von heute aus betrachtet kommt mir meine Kindheit fast schrullig vor.

Sie hatten die Nerven, den Eimer ausgiebig zu betrachten.

In der psychoanalytischen Holocaust-Forschung gibt es den Begriff des Kerzenträgers. Das ist das Kind oder der Enkel einer verfolgten Familie, dessen unausgesprochene Pflicht es ist, das Erbe zu bewahren. Seit meiner Pubertät hatte ich diesen dringenden Wunsch.

Was war der Auslöser?

Meine Großmutter besaß eine Holzkiste mit einem alten Adressbuch, Fotos, Dokumenten. Mein Vater wusste nichts damit anzufangen. Ich spürte, dass mir – auf hochsympathische Weise – nicht die Wahrheit gesagt wurde. Viele jüdische und halbjüdische Kinder können davon berichten. Mir verkaufte man stattdessen die Erfolgsgeschichte: Dass mein Vater perfekt Englisch spricht, war in den 70er Jahren exotisch.

Ihr Vater kam als Achtjähriger mit einem Kindertransport nach England. Seine Geschichte verarbeiteten Sie in „Vienna“ – und jetzt erneut in der Erzählung „Enten“.

„Vienna“ war ein Ölgemälde, „Enten“ eine Tuschezeichnung desselben Motivs. Es geht darum, dass man sich nicht vorstellen kann, wie groß der Schmerz dieses Abschieds gewesen ist. Erst über den Umweg des eigenen Kindes. Mein Vater sagte bei jedem Kind, als es acht Jahre alt wurde: „Jetzt müsste ich dich fortschicken.“ Damals habe ich es nicht verstanden, erst als mein Sohn acht wurde.

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