Einfach gehen lassen. Oft reicht es schon, das zu schätzen, was man hat.  Foto: Imago Foto: imago images/photothek
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Wer glücklich sein will, muss trainieren Das Streben nach Glück

Die meisten Deutschen haben alle Grundlagen, um zufrieden zu sein. Andere genießen ihr Leben aber oft mehr. Ein Überblick.

Das Glück hat viele Namen. Es kann „Huanyin“ heißen oder „Whimsy“, „Dadirri“, „Kefi“ oder „Yugen“. Man muss nicht drauf warten, sondern kann sich aufmachen, es zu finden. Das Allerbeste daran ist: Es funktioniert auch während einer Pandemie. In einem „Atlas of Happiness“ hat die britische Autorin Megan Hayes 50 Glücksgeheimnisse aus aller Welt zusammengefasst. Glück kann man, wie der Wissenschaftsautor Stefan Klein sagt, trainieren wie Fahrradfahren. Glück kann auch darin bestehen, das zu schätzen, was man hat.

Täglich 2500 Kalorien

Den Vereinten Nationen zufolge stehen die Grundbedingungen für Glück in diesem Land den meisten Menschen zur Verfügung: 2500 Kalorien und 100 Liter Wasserverbrauch am Tag, mindestens sechs Quadratmeter Wohnraum, ein Platz zum Kochen und sechs Jahre Schule. Trotzdem hat Deutschland es in dem seit 2012 jährlich veröffentlichten Weltglücksatlas bislang nie in die vorderen Ränge geschafft.

Schokocroissant zum Frühstück

Dabei ist es gar nicht so schwer, sich das Glück ins Herz zu holen. Der dänische Begriff „Hygge“ hat in den vergangenen Jahren rasant Karriere gemacht. Er steht für ein Ambiente des gemütlichen Wohlgefühls. Die französischen Begriffe „Bonvivant“ und „Joie de vivre“ stehen dahinter ein wenig zurück. Lebensfreude bedeutet, auch alltägliche Momente so zu feiern, als seien sie große Feste des Lebens. Üben kann man das, indem man zum Frühstück statt des gewohnten Marmeladenbrots mal ein Schokoladencroissant probiert.

Naturerlebnisse helfen

Die hedonistische Lust am Genuss, wie sie den „Bonvivant“ kennzeichnet, mag nicht den allerbesten Ruf genießen. Allerdings kann es beim Streben nach Glück durchaus helfen, einem als trist empfundenen Alltag mit einem schönen Parfüm oder einem Glas Crémant etwas Glanz zu verleihen. Ohne Zutaten von außen kommt der jiddische Begriff „Mentsh“ aus. Er beschreibt ein großzügiges, freundliches Wesen, dem von den Mitmenschen tiefster Respekt entgegengebracht wird. Ganz am Anfang der Glücksmomente stehen allerdings die Naturerlebnisse.

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Vogelgesang in der Morgendämmerung

Ein schwedisches Rezept ist „Gökotta“, und im Gegensatz zum Crémant ist es gratis zu haben. Man steht einfach ganz früh auf, schon in der Morgendämmerung, und lauscht dem ersten Gesang der Vögel. Umsonst und draußen, und auch mitten in der Großstadt machbar. Selbst wenn man nur einen einzigen Gast empfangen darf, kann man ihm die Wertschätzung entgegenbringen, mit der man das wärmende Frühjahrssonnenlicht begrüßt, das durchs offene Fenster in die noch winterkalten Räume scheint. „Huanyin“ heißt das auf Mandarin. Schwerer mag das niederländische Prinzip „Gunnen“ erscheinen, besonders in einem Land, dessen Bewohner sich gelegentlich mit dem Etikett „Neidgesellschaft“ auseinandersetzen müssen. Das Gegenteil führt nämlich zum Glück.

Wohlüberlegtes Handeln

Wer sich über den Erfolg eines anderen freut, wer in der Schlange vorm Supermarkt jemanden vorlässt und selbst den Gewinn eines Konkurrenten positiv aufnimmt, hat gute Chancen, sich selber einen Glücksmoment zu schenken. Das katalanische „Seny“ bedeutet eigentlich Vernunft. Darin verstecken sich aber auch Weisheit und wohlüberlegtes Handeln. Statt immer auf dem Smartphone herumzuwischen für den schnellen Belohnungseffekt im Hirn, könnte man sich danach mal einem dicken Buch widmen, das einen schon lange interessiert. Mittelfristig macht das glücklicher.

Das Spiel des Lichts mit den Wellen

Um das japanische „Yugen“ zu erreichen, muss man nicht unbedingt durch einen Kirschblütengarten spazieren. Ein besonders schöner Sonnenuntergang, das Spiel des Lichts mit den leichten Welles des Flusses können auch zu dem Gefühl beitragen, das die Zweckfreiheit der Natur im positiven Sinn beschreibt.

Einfach nur chillen

Das griechische „Kefi“, ein kollektives Glückserlebnis, wie es beim gemeinsamen Singen oder Tanzen zum Beispiel des Sirtaki entsteht, muss noch abwarten, bis die Pandemie vorbei ist. Auch das kreolische „Lime“, wie es auf Trinidad und Tobago praktiziert wird, so vorbildlich es sein mag, kann derzeit noch nicht wieder praktiziert werden. Es beschreibt das Zusammensein mit Freunden, ohne weitere Aktivitäten. Man genießt die gegenseitige Gegenwart, trinkt und snackt vielleicht etwas miteinander und chillt ansonsten nur. Die Herkunft dieses Prinzips wird umschrieben damit, dass es nichts Wichtigeres gibt in dem Moment, als unter einem Limettenbaum zu entspannen.

Albern sein und Unsinn reden

[Megan Hayes, Yelena Bryksenkova: Atlas of Happiness – 50 Glücksgeheimnisse aus aller Welt. Verlag Knesebeck, 144 Seiten, 16 Euro.]

Eine Prise „Whimsy“ geht freilich immer, zur Not auch am Telefon oder ganz ohne Zuschauer. Der englische Ausdruck „Whimsy“ bezeichnet verspielt-wunderliches Benehmen. Gut möglich, dass die Briten es diesem Prinzip verdanken, dass sie weithin als etwas skurril gelten. Wer einmal am Tag Unsinn redet, sehr albern ist oder etwas ziemlich Exzentrisches anzieht, hat gute Chancen, darüber glücklicher zu werden.

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Glücksfänger. Lektüre erleuchtet. © promo

Nichtstun? Auch gut!

Manchmal hilft nur die Weite, die das russische „Prostor“ umschreibt. Am besten findet man sie, wenn man aufs Meer blickt oder allein in einer endlos wirkenden Landschaft unterwegs ist. Wenn es regnet in Strömen und an einen Ausflug nicht zu denken ist, hilft aber unter Umständen auch ein Roman, auf dem heimischen Sofa gelesen, um den inneren Horizont zu weiten. Das Streben nach Glück kann von außen betrachtet wie Nichtstun aussehen, aber das macht ja nichts. „Dadirri“ beschreibt die Praxis der australischen Ureinwohner, sich durch intensives Lauschen auf die Klänge der Umgebung in Einklang mit der Natur zu bringen.

Die deutsche Sprache ist in diesem Glücksatlas auch mit einem Begriff vertreten: Waldeinsamkeit. Er beschreibt die Rückkehr zum eigenen Ich zwischen hohen Bäumen und scheint wie gemacht für eine Pandemie. Jetzt, da alle hinausstreben, mag sie besonders an Feiertagen manchmal schwer zu finden sein. Aber spätestens die nächsten Regentage werden den Freunden der Waldeinsamkeit ein nach Laub und Erde duftendes Paradies bescheren.

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