Besucher des Wacken Open Air verlassen am Bahnhof Itzehoe den von München aus gestarteteten Metal Train. Foto: Axel Heimken/dpa
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Wacken 2019 Damals, als Gott Wacken schuf...

Jährlich begrüßt das Musikfestival tausende Besucher. Dabei ist es mehr, als ein Fest halbnackter Wikinger mit Bierdosenhelmen.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war ein Kartoffelacker in der norddeutschen Provinz, er nannte ihn Wacken. Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort. Und so begab es sich, dass es die meiste Zeit wie aus Eimern schüttete und sich der Acker bald in eine einzige Schlammlandschaft verwandelte. Das berüchtigte „Wacken-Wetter“. Dann sprach Gott: Es werde Heavy Metal. Und es ward Heavy Metal. Gott sah, dass es gut war.

Die offizielle Gründungsgeschichte des Metalfestivals in Wacken, 80 Kilometer nördlich von Hamburg, hat weniger biblische Untertöne. Es ist auch zweifelhaft, dass sich der Schöpfer am siebten Tag die Jeanskutte überwarf und den Schädel zu Klassikern wie Judas Priest und Slayer bangte. 1990 wollten die Metalfans Thomas Jensen und Holger Hübner aus der schleswig-holsteinischen Provinz bloß ein Open-Air-Konzert für sich und ein paar Freunde veranstalten. Sie fanden eine Kiesgrube, 800 Besucher zählte das Festival im ersten Jahr.

Wenn ab dem heutigen Donnerstag das Wacken Open Air mit den legendären Bay-Area-Thrashern Testament, der schwedischen Deathmetal-Combo Unleashed und den Berliner Party-Cowboys von The BossHoss sein 30-jähriges Bestehen feiert, fallen wieder 75000 grölende Metalfans mit ihrem Schlachtruf „Waaaaaaaaacken!“ in die 2000-Seelen-Gemeinde ein. Die Karten waren, wie jedes Jahr, bereits im Vorsommer restlos vergriffen. Längst ist „W:O:A“, so das offizielle Logo mit dem Teufelskopf, der wichtigste Treffpunkt für Metalfans aus aller Welt. Die Flaggen auf dem Campingplatz erinnern an eine Zusammenkunft der Vereinten Nationen.

Den Härtesten der Harten bleibt als Erinnerung an den jährlichen Wacken-Ausflug gewöhnlich nur eine viertägige Leerstelle. Wer sich an Wacken erinnert, hat nicht genug gefeiert. Die Gedächtnislücke ist manchmal vielleicht auch besser. What happens in Wacken, stays in Wacken. Die Musik, alle Spielarten des akustischen Schwermetalls (vom christlichen Powermetal über Oldies wie Uriah Heep bis zum Thrash-/Death- und Blackmetal im härteren Spektrum), liefert die Geräuschkulisse für eine fröhliche Regression – zu der die Menge rhythmisch die gehörnte Faust in Richtung Himmel streckt. Wacken ist, ähnlich wie das Techno–Hippie-Festival Fusion, ein Lebensgefühl.

Man hat die Geschichten über halbnackte Wikinger mit Bierdosenhelmen, Wet-T-Shirt-Wettbewerbe, Luftgitarrenkonzerte und die skurrilen Eingeborenen, die den handzahmen Metalfans morgens Butterbrote schmieren, natürlich schon hundertmal gehört. Es gibt bereits drei Kinofilme über das Popkultur-Phänomen, einen sogar in 3D. Der Titel „Metaller die auf Brüste starren“ fasst einen Randaspekt der „Wacken-Erfahrung“ auf frappierende Weise zusammen.

Martialischer Ruf des Festivals

Doch das Beste an all den Geschichten ist, dass ein Festivalbesuch mühelos mit dem Mythos mithalten kann. Die ersten Besucher reisen schon am Dienstag zum „Vorglühen“ an. Wenn am heutigen Donnerstag das Festival beginnt, haben sich die Park- und Campingplätze, abhängig von den wie immer unberechenbaren Witterungsbedingungen kurz hinterm Deich, in eine einzige Kleinkunstbühne verwandelt. Viele Fans schaffen es ab dem zweiten Tag kaum noch rüber zu den beiden Hauptbühnen. Weißblech-Skulpturen aus zerknüllten Bierdosen, errichtet zwischen windschiefen Zelten, erinnern an Outsider-Kunst. Der Wacken-Campingplatz ist eine eigene Erlebniswelt.

Wer aber den gut zwei Kilometer weiten Weg zum Festivalgelände auf sich nimmt, vorbei am Wikingerdorf und dem Mittelaltermarkt mit seinem Schwertkampfareal, darf sich auf ein Spektakel gefasst machen: Der Anblick riesiger Moshpits vor den Bühnen, in dem Tausende von Metalfans headbangend zu einer Art Ringelreih-Tanz um die Wette rennen, während aus den gewaltigen Boxen Basswellen übers Publikum hinwegdonnern, ist unvergesslich. Einmal Wacken erleben, spottet jeder Beschreibung.

Im 30. Jahr ist die einstige Szeneveranstaltung in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das ZDF überträgt vom Festival, der Boulevard berichtet amüsiert über den Exotismus der Jeans-und-Leder-Horden, Modeblogger wählen die gewagtesten Frisuren, im vergangenen Jahr trat Otto Waalkes auf der Hauptbühne auf. Langjährige Fans beklagten zuletzt die Kommerzialisierung des Festivals, wobei die Eintrittspreise seit Jahren konstant sind. Der „Ballermann“–Vergleich zieht nur bedingt.

Wacken besitzt eine einzigartige integrative Kraft. Hier werden auch die Hipster, die in ironischen Band-Shirts zwischen den Bühnen herumlaufen, von tätowierten Bikern und Hardcore-Kuttenträgern mit mehr Toleranz behandelt als in manchem Berliner Szenekiez. Im Angesicht von Matsch und Dreck sind eben alle gleich. Denn trotz des zu Unrecht immer noch martialischen Rufs von Heavy Metal: Auf Wacken geht es friedlicher zu als auf jeder Love Parade.

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