Wildhüter suchen im Kruger-Nationalpark nach Wilderern. Foto: Sanparks
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Südafrikaner im Kruger-Nationalpark Löwen im Vorgarten

Die Bewohner im Kruger-Nationalpark arrangieren sich mit der Wildnis – und kämpfen gegen die Wilderer.

„Stop“, befiehlt das Verkehrsschild im dichten Busch des Kruger-Nationalparks, „Zufahrt ab hier nur für Befugte“. Nach links zweigt eine rote Erdstraße ab. Wer sie entlang fährt, hat großes Glück, oder großes Pech: Entweder er arbeitet für die Nationalparkbehörde und wohnt in Skukuza, der Verwaltungsstadt mitten im weltberühmten Naturschutzreservat im Osten Südafrikas, wo nachts die Flusspferde durch den Garten trotten. Oder ihn erwartet die Polizeistation. Dort macht Südafrikas Justiz aufgegriffenen Wilderern den Prozess.

„Erst letzte Woche haben wir hier in der Nähe einen dieser Typen geschnappt“, erzählt Peter Moyane. Er ist Soldat der südafrikanischen Armee, die Wildhüter im Kruger-Nationalpark bei ihrer Arbeit unterstützen. Relativ unkompliziert sei die Festnahme verlaufen. Unblutig, ohne Schüsse. Widerstandslos habe sich der Wilderer verhaften lassen. Das Bezirksgericht entscheidet nun über seine Strafe. Staatsanwalt, Richter und Pflichtverteidiger reisen mit dem Buschflieger an.

Nicht immer verlaufen Festnahmen so glimpflich. Im vergangenen April war es in der Nähe des Angestellten-Camps von Skukuza zu Szenen gekommen, die an einen Guerillakrieg erinnern: Polizei und Wilderer lieferten sich einen Schusswechsel. Zwei Menschen starben, zwölf wurden festgenommen. „Es ist ein unbarmherziger Krieg mit Leuten, die einfach nicht aufgeben wollen“, erklärte Nationalparksprecher Isaac Phaahla. Ende Juni dann erneut Schüsse: Ein Wilderer stirbt.

Neben Elefanten und Gürteltieren haben es die Wilddiebe vor allem auf die bedrohten Nashörner abgesehen. Deren Horn erzielt am asiatischen Schwarzmarkt, wo es als traditionelle Medizin und Potenzmittel gehandelt wird, höhere Preise als Gold oder Kokain. Vergangenes Jahr wurden in Südafrika 1028 der bedrohten Tiere abgeschlachtet. Experten schätzen, dass heute nur noch 20000 Nashörner in Südafrika leben, rund 82 Prozent der weltweiten Population.

Längst haben die Wilderer Schrotflinte und Fernrohr gegen Präzisionsgewehr, GPS und Nachtsichtgerät eingetauscht. Damit verfügen sie oft über besseres Equipment als die Wildhüter. Das Leben in der Siedlung veränderte der Konflikt nachhaltig. Bewaffnete Helikopter kreisen über den Häusern. Die Angst vor Eindringlingen ist gestiegen, die Ranger erhalten neben paramilitärischem Training auch psychologische Unterstützung.

Der Elefant frisst die bunten Strelitzien aus dem Blumenbeet

Reihenhäuser säumen die Straßen von Skukuza. Die Schule ist zu Ende und Kinder versammeln sich am Gemeinschaftspool. Eine Kleinstadt wie jede andere – zumindest auf den ersten Blick. Doch anders als das benachbarte Touristencamp umgibt die Arbeitersiedlung kein schützender Elektrozaun. Das sorgt häufig für ungebetene Gäste. Etwa der Elefant, der im Vorgarten die bunten Strelitzien aus dem Blumenbeet frisst. Oder die Warzenschweine, die mit Vorliebe den Kinderspielplatz besetzen.

„Kürzlich konnte ich nicht zur Kirche gehen, da ein Löwenrudel im Vorgarten eine Antilope verspeiste“, zitierte das südafrikanische Magazin „go!“ jüngst einen Bewohner. Die 220 Kinder der Parkangestellten besuchen eine eigene Dorfschule. Sie müssen ihr Pausenbrot schon mal mit Meerkatzen teilen. Die kleinen Affen warten bereits vor der Schule, wenn die Glocke um 9.15 Uhr zur ersten Pause läutet. „Sie wissen, wann die Sandwiches kommen“, sagt die Lehrerin Sarah Louwrens. Noch gut erinnere sie sich an die Flut zur Jahrtausendwende, als die Schule unter Wasser stand – und Giftschlangen und Skorpione in den Straßen trieben.

Doch die Bewohner von Skukuza hätten sich längst mit dem Leben inmitten der Wildnis arrangiert. „Niemand betritt die Straßen nach Einbruch der Dunkelheit. Willst du deinen Nachbarn besuchen, fährst du mit dem Auto“, sagte Carl Louwrens, der seit 25 Jahren in Südafrikas größtem Nationalpark lebt. 2001 war eine Bewohnerin bei einem Spaziergang von einem Leopard angegriffen und tödlich verletzt worden.

Nicht nur Zwischenfälle mit Tieren können die Safari-Romantik zerstören. Wenn die Cessna mit der Aufschrift „Police“ im Tiefflug über das Gebiet kreist, haben die Ordnungshüter wieder etwas Verdächtiges im Busch entdeckt. Das private Wildreservat Balule, das an den Kruger-Nationalpark grenzt, hat einen eigenen Weg gefunden, auf nachhaltige Weise gegen die Wilddiebe vorzugehen. 2013 riefen die Betreiber die Rangertruppe „Black Mambas“ ins Leben. Sie besteht fast ausschließlich aus Frauen. „Viele denken, dass Frauen für diesen Job nicht gemacht seien. Aber wir beweisen ihnen das Gegenteil“, sagt die 22-jährige Wildhüterin Winnie. Sie ist eine von 25 Frauen, die mit bloß einem männlichen Kollegen das gesamte Reservat bewachen.

Außerhalb der Parkzäune ist Wilderei ein soziales Problem

Bei den „Black Mambas“ gehe es aber um mehr als Artenschutz, meint die Sprecherin der Gründungsorganisation „Transfrontier Africa“. „Wir haben uns wegen ihres Einflusses in der Gemeinde bewusst für Frauen entschieden. Statistisch gesehen sorgen sie effektiver für die Familie. Dagegen ist der Nutzen für die Gemeinde bei Männern kleiner, die ihr Geld vermehrt für Alkohol und persönliche Dinge ausgeben.“ In einer Region mit 1,5 Millionen Arbeitslosen, sei der soziale Einfluss des Projekts entscheidend.

Numbi, ein Dorf in unmittelbarer Nähe zum Kruger-Park. Reihenweise zerfallen die Häuser auf einem Fleckenteppich aus Sand, Asphalt und Schlaglöchern. Bis auf einen Gemischtwarenhändler und einen Frisörladen im Schiffscontainer deutet nichts auf wirtschaftliche Aktivität hin. Hier zeigt sich: Außerhalb der Parkzäune ist die Wilderei ein soziales Problem. Wie Numbi, so ist ein Großteil der Dörfer um das Naturschutzgebiet verarmt. Es fehlen Jobs, Häuser und Infrastruktur. Für jedes geschlachtete Nashorn erhalten die Helfer bis zu 4300 Euro. An jungen Rekruten fehlt es den Wilderern somit selten.

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