Das Rettungsschiff "Alan Kurdi" der Hilfsorganisation Sea-Eye in den Gewässern vor Libyen. Foto: Fabian Heinz/Sea-eye.org/AP/dpa
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Sea-Eye-Rettungsschiff wartet vor Malta "Dass wir die Menschen nach Libyen zurückfahren sollen, ist unglaublich"

Auf dem Rettungsschiff "Alan Kurdi" mit 64 Migranten an Bord werden Wasser und Nahrung knapp. Der Einsatzleiter schildert die dramatische Lage.

Das Rettungsschiff "Alan Kurdi" der Hilfsorganisation Sea-Eye ist aktuell das einzige deutsche Rettungsschiff, das im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot rettet. Am vergangenen Mittwoch hat es 64 Migranten vor Libyen aufgenommen, doch bisher gewähren weder Italien noch Malta Erlaubnis zur Einfahrt. Jan Ribbeck ist Head of Mission beim Einsatz der Alan Kurdi im Mittelmeer und gibt Antworten zum aktuellen Vorfall.

Herr Ribbeck, wie ist aktuell die Situation auf dem Rettungsschiff "Alan Kurdi"?

Aktuell sind 64 Gerettete aus verschiedenen afrikanischen Ländern an Bord, die von der Stammcrew versorgt werden. Die Wetterverhältnisse schwanken, weshalb der Kapitän gezwungen ist, die Menschen unter Deck zu nehmen. Dadurch herrscht eine drangvolle Enge, denn der Platz ist eigentlich nicht für so viele Menschen ausgelegt. Die Situation ist auch schwierig, weil viele seekrank sind, zudem hat die Alan Kurdi zwei traumatisierte Personen an Bord, die betreut werden müssen.

Wie steht es um die Versorgung mit Lebensmitteln?

Wasservorräte und Nahrungsmittel werden knapp. Dabei ist Wasser für die Hygiene an Bord extrem wichtig. Für den Betrieb des Schiffes wird ebenfalls Wasser benötigt. Noch können wir die Versorgung aufrecht erhalten, aber lange geht das nicht mehr. Die Kost ist zudem vitaminarm, was insbesondere für die Kinder und Schwangeren nicht gut ist.

Wie geht es jetzt weiter?

Das Ziel ist es, die Menschen so schnell wie möglich an Land zu bringen. Dafür brauchen wir aber noch eine Zusage von Malta in die Zwölf-Meilen-Zone einlaufen zu dürfen. Um die Versorgung an Bord aufrecht zu erhalten, ist geplant, dass Mitte der Woche von Malta aus ein sogenanntes Supply-Boot kommt, um der Alan Kurdi auf See Wasser und neue Nahrungsmittel zu liefern. Für den Fall, dass das mit dem Support nicht klappt, sind wir schon dabei, die Vorräte an Bord zu rationieren.

Woran hakt es bei der Kommunikation mit Malta?

Malta beharrt darauf, dass es nicht die korrekte Anlaufstelle sei. Italien sei in der Pflicht, einen "Port of Safety", also einen Notfallhafen, zur Verfügung zu stellen. Italien verweist wiederum darauf, dass Libyen erste Anlaufstelle sein müsse. In Libyen ist die Küstenwache allerdings nach eigenen Angaben "out of order", wegen des dort herrschenden Krieges. Es fordert also gerade ein europäischer Staat das Schiff eines anderen europäischen Landes auf, in ein Kriegsland zu fahren. Das ist einfach unglaublich.

Wer könnte sonst helfen?

Italien hat gefordert, dass wir bei unserem Flaggenstaat nach einem "Port of Safety" fragen, das wäre in unserem Fall Deutschland. Wir können aber nicht einfach nach Hamburg fahren, dahin wären wir über zweieinhalb Wochen unterwegs. Man kann nicht Heimathafen und Notfallhafen in einen Topf werfen. Das wäre ja so, als dürfe ein Rettungswagen einen Verletzten nach einem Unfall nicht ins nächste Krankenhaus bringen, sondern müsse ihn in seine Heimatstadt fahren.

Jan Ribbeck, Head of Mission beim Einsatz des Rettungsschiffs Alan Kurdi im Mittelmeer. Foto: Sea-Eye Vergrößern
Jan Ribbeck, Head of Mission beim Einsatz des Rettungsschiffs Alan Kurdi im Mittelmeer. © Sea-Eye

Sie stehen auch in engem Kontakt mit dem Auswärtigen Amt. Ist von dort Hilfe zu erwarten?

Das Auswärtige Amt hat sich schon bei einem ähnlichen Vorfall im Januar in die Verhandlungen mit Italien und Malta eingeschaltet. Wir hoffen, dass sie uns auch diesmal unterstützen. Im Auswärtigen Amt können wir rund um die Uhr jemanden erreichen, das ist außergewöhnlich gut.

Was sagen Sie zur aktuellen Lage der Seenotrettung im Mittelmeer insgesamt?

Ich bin verärgert und enttäuscht, dass alle Europäer – nicht nur die Anrainer – eine Situation im Mittelmeer missachten, bei der Menschen sterben. Seit Jahren werden Gelder an Länder überwiesen, von denen keine Unterstützung zu erwarten ist. Private Rettungsorganisationen müssen staatliche Aufgaben übernehmen. Die Überwachung im Mittelmeer ist nach unserer Beobachtung auf Null zurückgegangen. Rettungsschiffe wie unseres werden nicht einmal mehr über Rettungsfälle informiert. Selbst auf Nachfrage zu konkreten Seenotfällen haben wir keine Antwort erhalten. Es ist, als gäbe es eine Nachrichtensperre.

Was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir inständig, dass wir mit Hilfe der EU-Länder und der EU-Kommission eine schnelle Lösung für die 64 Menschen an Bord haben, und dass endlich die Bemühungen intensiviert werden, die Rettungsstruktur im Mittelmeer zu erhalten, statt sie zu opfern. Leben ist ein Menschenrecht, das muss Europa achten.

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