Er hat ein Buch geschrieben: "Martin 1973: Der Samenspender"

Samenspender Der Vater, das Phantom

Bühler ist heute Einkäufer für eine Großhandelskette. Seine Frau arbeite „im medizinischen Bereich“. Die beiden haben eine elfjährige Tochter. Es freue ihn, sagt er, „anderen zum Kinderwunsch zu verhelfen“. Deshalb habe er weitergemacht, auch als die Familie das Geld nicht mehr gebraucht habe. Seine Frau akzeptiere den Job, sagt Bühler, weil er ihn schon ausgeübt habe, bevor sie sich kennenlernten. Anfangs hätten sie lange geredet, um ihr die Eifersucht zu nehmen.

Martin Bühler ist eloquent und wirkt engagiert in diesem Café in Hamburg, das nicht seine Heimatstadt ist. So ähnlich hat er früher in deutschen Städten mit potenziellen Kundinnen zusammengesessen. „Privathaushalte sind für Spender tabu.“ Fünf Stunden hätten sie manchmal geredet, sagt er, bis alle Fragen geklärt gewesen seien. Hier in Hamburg wird auch das Dilemma deutlich, in dem sich Frauen befinden, die im Internet einen Samenspender suchen. Die Frauen treffen auf Männer ohne Leumund. Sie müssen sich ein Bild von ihnen machen und haben keinerlei Hintergrundwissen. Vielleicht begründet sich männliche Attraktivität in Zeiten der sexfreien Familienplanung auf die glaubwürdige und sympathische Selbstdarstellung, und die beherrscht Bühler.

Er gibt sich als Aktivist, um das Samenspenden „aus der Schmuddelecke“ zu holen. Deshalb hat er ein Buch geschrieben und selbst verlegt: „Martin 1973: Der Samenspender“. Beflissen wischt er auf seinem I-Pad herum, zeigt Verträge und Fotos. Martin Bühlers Frau antwortet per Mail auf Fragen, die er an sie weitergereicht hat. Für sie wäre es „undenkbar, mir einen Samenspender zu suchen, ich wäre kinderlos geblieben“, schreibt sie. Dass andere Kinder ihres Mannes in ihre Familie eindringen könnten, fürchtet sie nicht. „Davor habe ich keine Angst, mein Mann setzt klare Grenzen, daher wird dies nicht passieren.“

In Bühlers Berichten kommen viel mehr Kinder vor als die für Samenbankspender erlaubten 15. Die genaue Anzahl will er nicht nennen. Das sei unseriös. Tatsächlich taucht auf den Vermittlungshomepages immer wieder der Begriff Massenspender auf. Diese Samenspender scheinen einen Urinstinkt auszuleben, was lange nur Herrschern vorbehalten war. Sie verbreiten ihre Gene – neuerdings als milde Gabe. Die Ethnologin Michi Knecht sieht darin ein aktuelles Phänomen. In der heutigen „Netzwerkkultur“ habe sich ein Bedürfnis entwickelt, nach Verbindungen zu suchen. Das sehe man auch an den vielen Hobby-Verwandtschaftsforschern.

Nach dem Urteil des Oberlandesgerichts wird sich das Fahnden nach Familie in Deutschland weiter verbreiten. Nicht nur viele der inzwischen angeblich mehr als 100 000 durch Samenspenden gezeugten Kinder werden ihre biologischen Väter suchen. Ein ganzes Netzwerk von Halbgeschwistern wird sich auftun.

Ann-Kathrin Hosenfeld stiftet diese neuen Familiengeschichten. Eine große Machtposition. Sie kennt die Spender von Angesicht zu Angesicht. Zusammen mit drei Mitarbeiterinnen sucht sie für ein Paar aus dem ganzen Pool „maximal sechs, sieben“ aus. Die Kunden schickten oft Briefe, was der Spender erfüllen müsse. Lesbische Paare, die mittlerweile fast ein Drittel ihrer Kunden ausmachen, sagt sie, würden mitunter Bilder von Stars mitschicken, um ihre Vorlieben zu illustrieren.

Bei einem heterosexuellen Paar, sagt Hosenfeld, sei ein „optischer Abgleich“ des Spenders mit dem Mann, der das Kind aufzuziehen plant, immer noch zentral. Die Kinder sollen ihren Eltern möglichst zum Verwechseln ähnlich sehen.

Dieser Text ist auf der Reportage-Seite erschienen.

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