Die Fluten zerstörten Häuser wie dieses im Ahrtal komplett. Foto: Boris Roessler/dpa
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Meteorologe warnt vor Folgen des Klimawandels Mehr Extremwetter zu erwarten – weil der Motor des Jetstreams stottert

David Renke

Der Flutkatastrophe ging eine ungewöhnliche Wetterblockade voraus, die den Regen regional konzentrierte. Wissenschaftler führen sie auf den Klimawandel zurück.

Am 30. Juni brennen große Teile des kleinen Dorfes Lytton in Kanada innerhalb einer Stunde ab, Menschen sterben. Zuvor hatte eine Hitzewelle für einen neuen Landesrekord gesorgt. Zwei Wochen später kommen im Eifelort Schuld Menschen in Überschwemmungen ums Leben.

Extremhitze und Nordwestamerika, heftige Starkregenfälle in Westdeutschland und Belgien, wo ein Tiefdruckgebiet von Hochdruckgebieten eingekreist wurde und die ganze Wucht seines Niederschlags regional konzentrierte. Auch die Hitze in den USA und Kanada wurde durch eine solche Wetterblockade begünstigt.

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Der Grund für die festgefahrenen Wetterlagen liegt nach Ansicht von Wissenschaftlern in globalen Klimaveränderungen. Normalerweise sorgt der sogenannte Jetstream dafür, dass kalte und warme Luftmassen verwirbelt werden.

Das Starkwindband entsteht durch das große Temperaturgefälle zwischen Äquator und den Polen. Der Klimawandel schwächt und verlangsamt den Jetstream nun, denn die Arktis gehört mit zu den sich am stärksten erwärmenden Regionen der Erde. Das Temperaturgefälle wird kleiner, der Motor des Jetstreams stottert.

Gleiche Ausgangslage wie bei der Hitzewelle in Amerika

Wie der Jetstream aber die beiden Extremereignisse in Nordamerika und Europa genau bedingt, ist noch nicht klar. „Die Datenlage ist überall schlecht, auch bei uns in Deutschland“, erklärt Meteorologe Mojib Latif vom Geomar Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung. Noch sei der Zeitraum zu kurz, um ein abschließendes Urteil über den Einfluss des Jetstreams zu fällen. „Es gibt aber schon einen gewissen Trend. Plausibel wäre es aber allemal und es wäre auch verträglich mit einigen Klimamodellsimulationen“, sagt Latif.

Eine weitere beunruhigende Erkenntnis aus der Wetterlage der vergangenen Woche betrifft den Wassergehalt der Luftmassen. Laut der Abteilung Troposphärenforschung des KIT (IMK-Tro) erreichte der Wassergehalt bei den Unwettern vergangene Woche Werte, die statistisch gesehen nur alle 40 Jahre zu erwarten sind. Auch während des Elbehochwassers 2002 hatten die Luftmassen einen überdurchschnittlichen Wassergehalt.

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Mit jedem Grad, das sich die Oberfläche der Erde erwärmt, verdunsten global bis zu zwei Prozent mehr Flüssigkeit. 85 Prozent der Verdunstung kommen dabei aus den Ozeanen. Italienische Forscher untersuchten schon 2019 in einer Studie, wie sich der gestiegene Wassergehalt in der Luft auf den Niederschlag auswirkt.

Demnach werden die Tage mit normalem Niederschlag zurückgehen. Die aufgeheizten Luftmassen können aufgrund der Gesetze der Thermophysik mehr Wasserdampf speichern. Die Erklärung dafür lieferten Physiker bereits im 19. Jahrhundert mit der Clausius-Clapeyron-Gleichung. Sie besagt, dass die Luft pro Grad Erwärmung sieben Prozent mehr Wasserdampf speichert.

Das hat verschiedene Auswirkungen auf die Art des Niederschlags weltweit. In Zukunft wird es mehr heftige Regenfälle in kürzerer Zeit geben. Immer häufiger werden diese auch eine Schwelle überschreiten, die für die jeweiligen Klimabedingungen nicht normal ist.

Durch die konzentrierten Starkregen nimmt gleichzeitig die Zahl der Tage mit normalem Niederschlag ab. Wenn sich die Emissionen der Treibhausgase weiter wie bisher entwickeln, wird es bis zur Mitte des Jahrhunderts in Westdeutschland rund vier Trockentage mehr pro Jahr geben.

Das prognostizierte das GERICS am Helmholtz-Institut Geesthacht in seinem Anfang des Monats veröffentlichten Klimaausblick. Selbst mit den geplanten Emissionsreduktionen sind bis 2050 drei Tage mehr zu erwarten. Bis sich die Auswirkungen von Net Zero im Klima bemerkbar machen, sind extremere Wetterereignisse zu erwarten.

Temperaturanstieg beeinflusst Regenverteilung

Der globale Temperaturanstieg hat in Deutschland darüber hinaus einen Einfluss darauf, welche Regionen stärkere Niederschläge abbekommen. Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad muss vor allem in Süddeutschland mit mehr Regen rechnen. Bei 3 Grad Erhitzung werden auch die die Küstengebiete stark betroffen sein.

Grund dafür ist Deutschlands Lage in der Übergangszone zwischen Nordeuropa, das stärkere Niederschläge zu erwarten hat, und Südeuropa, das trockener wird. Dem Nord-Süd-Gefälle beim Niederschlag steht ein Ost-West-Gefälle der Temperatur gegenüber. Bei 3 Grad Erwärmung liegt die Temperatur in Ostdeutschland 0,5 Grad höher als im Westen, da sich hier die Einflüsse des Atlantiks schwächer auf die Landmassen auswirken.

Starkregenfälle kommen in Deutschland zwar schon seit Langem vor, Intensität und Häufigkeit werden nach Einschätzung von Forschern aber zunehmen. Gleiches gilt für Hitze und Trockenheit. Der Klimawandel verursacht somit extremeres Wetter in gemäßigten Klimazonen, die damit kaum Erfahrung haben. Plötzlich auftretende Starkregenereignisse gelten dabei als besonders gefährlich, da sie sich schwer voraussagen lassen. (mit epd)

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