Ich hab’ Platz. So wünschen es sich vermutlich viele Passagiere. Aber können Reedereien dann noch auf ihre Kosten kommen? Neue Abstands- und Hygieneregeln werden derzeit getestet. Foto: Foto: Daphne Tesei/dpa
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Kreuzfahrt und Corona Alles anders auf dem Meer

Die meisten Kreuzfahrtschiffe liegen derzeit in Häfen oder auf Reede. Wann dürfen Passagiere wieder einchecken? Die Unternehmen tüfteln noch an Konzepten.

Heute um sieben Uhr morgens erreicht die „MSC Poesia“ Warnemünde, eine Stunde später die „Aidamar“. Beide Schiffe kommen aus Kopenhagen. Morgen früh werden die „Norwegian Jade“ und die „Seven Seas Explorer“ in Mecklenburg-Vorpommerns beliebtem Hafen festmachen. So jedenfalls steht es im Kreuzfahrtkalender 2020. Aber der ist, seit die Corona-Pandemie Mitte März ihren Lauf nahm, nur noch Makulatur. Welche von den 207 für dieses Jahr geplanten Anläufen von 44 verschiedenen Schiffen in diesem Jahr noch zustande kommen? Niemand weiß das genau.

Auf den Websites der Reedereien wurde ein Neuanfang der jeweiligen Flotte immer wieder verschoben. Erst plante man mit Ende Mai, dann wurde es Juni und Juli, viele Unternehmen hoffen jetzt auf den Spätsommer. Tui Cruises etwa setzt alle Mittelmeer-Reisen bis Ende August aus, alle USA-Reisen sind gecancelt, ebenso die Reisen ins südliche Afrika im kommenden Winter. Wie vorsichtig das Unternehmen agiert, sieht man auch daran: Wer eine Reise bis Ende Oktober gebucht hat, kann bis zu fünf Tage zuvor kostenlos umbuchen. Das soll offenbar Vertrauen schaffen. Die Kunden sollen sich wieder trauen, ein Schiff zu betreten.

Hurtigruten aber legt jetzt schon los. Das Unternehmen hat sich vor Kurzem per Videokonferenz in die Karten schauen lassen – auf der MS „Finnmarken“. „Wir haben Bergen um 9.30 Uhr morgens verlassen und nehmen Kurs auf den Geirangerfjord“, sagt Geschäftsführer (CEO) Daniel Skjeldam. Er lächelt und findet es „großartig“, endlich wieder an Bord zu sein. 400 Passagiere, vor allem Norweger und einige wenige Dänen, sind mit von der Partie. Und die werden das Privileg genießen, an Bord des einzigen Schiffes im Geirangerfjord zu sein. „Das konnte man lange nicht erleben“, konstatiert Skjeldam. Denn kaum eine Reederei, die diese spektakuläre Landschaft, Teil des Unesco-Welterbes, nicht im Programm hat.

Bergen in Norwegen will weniger Kreuzfahrtschiffe

Jährlich gleiten knapp 220 Kreuzfahrtschiffe in den 15 Kilometer langen Fjord. An manchen Tagen wird es sehr eng, die Luftverschmutzung erreiche Werte wie in Oslo, sagen Experten. Die Landausflüge von manchmal Tausenden Passagieren geraten zum Abenteuer. Denn die engen, kurvigen Straßen wurden in den 1970er Jahren gebaut. Busfahrer müssen komplizierte Absprachen treffen, um sich auf den Serpentinen nicht zu begegnen. Landwirt Anders Tretheim wohnt am Fjord und fordert, wie andere, kreuzfahrtfreie Tage. Norwegen arbeitet daran. Die Zahl der Schiffe, auch in der nordischen Kreuzfahrthauptstadt Bergen, müsse gedrosselt werden, hieß es schon vor Corona.

Die Pandemie hat Fakten geschaffen. Kein Kreuzfahrtschiff außer der „Finnmarken“ ist an diesem sonnigen Junitag im Fjord zu sehen. Die Reise gleicht einem Pilotprojekt. Und Daniel Skjeldam erklärt stolz, warum sein Unternehmen es so früh gewagt hat. Zahlreiche Regeln wurden aufgestellt, und, so der CEO stolz, „die Leute halten sich daran“. Es hätte keine Schlangen beim Check-in gegeben, man sähe keine Gruppen an Bord, die Abstände würden eingehalten. Maskenpflicht besteht nicht. Sicher hilft, dass statt der 1000 möglichen Passagiere nicht mal die Hälfte an Bord gelassen wurde.

Im noblen Yachtclub der MSC-Schiffe wurde schon immer serviert. Foto: MSC Cruises Vergrößern
Im noblen Yachtclub der MSC-Schiffe wurde schon immer serviert. © MSC Cruises

Die beliebten Büfetts müssen ausfallen, alle Mahlzeiten werden am Tisch serviert. Die Speisekarte kann man sich per QR-Code aufs Smartphone laden. Zucker, Pfeffer und Salz werden in kleinen Papierbeuteln gereicht, „winzige Details“, die nach Ansicht des CEO aber viel bringen. Bei jedem Passagier werde die Temperatur gemessen, bevor er an Bord komme, an Bord und wenn er von Bord gehe. „Das dauert nur eine Millisekunde“, freut sich Skjeldam und bilanziert: „Diese Kreuzfahrt fühlt sich kaum anders an als zuvor.“

Die Krise sei nicht vorüber, sagen viele in der Branche. Und glauben, dass kleinere Schiffe eher wieder starten können als große. Wie sollen Passagiere auch Abstand halten in den Spaßparks, Pools und Showtheatern der Riesenschiffe von MSC-Cruises oder Norwegian Cruise Lines? Gerade aufgrund dieser massiv beworbenen Angebote entscheiden sich die Menschen doch für die schwimmenden Hotels. Die jeweilige Fahrtroute ist meist nebensächlich. Erinnerlich ist etwa die Ausfahrt der „MSC Splendida“ aus dem herrlichen Hafen von Malta. Vergleichsweise wenige Passagiere standen an der Reling, viele bevölkerten lieber die (Whirl-)Pools oder tanzten zu den Kommandos der Animateure.

Ein Fjordreise nur für deutsche Gäste

Ohne Landgänge funktioniert eine Kreuzfahrt schlecht. Noch aber sind viele Häfen geschlossen. Vielerorts sind Kreuzfahrtschiffe „not welcome“. So bietet Hurtigruten ab Ende Juni 15-tägige Norwegentrips ab/bis Hamburg auf der MS „Fridtjof Nansen“ an. Die Fjorde werden mit Booten erkundet, Landgänge gibt es erst mal nicht. Es werden übrigens nur deutsche Gäste an Bord sein. Die Buchungslage für 2021 lasse sich schon sehr gut an, erzählt der CEO. Allerdings werde man auf eine internationale Gästemischung noch verzichten. Bei geplanten Starts ab Dover etwa werden nur britische Passagiere an Bord sein. Die Preise wolle man übrigens halten, heißt es. Wie sich das dann für die Reedereien rechnet, steht auf einem anderen Blatt.

Corona hat der Branche eine Pause verschafft – auch zum Nachdenken. Danach könnte manches anders werden. „Wir werden mehr Nachfrage nach ,Green Cruising‘ haben“, glaubt Skjeldam. „Die Leute haben ja mitbekommen, wie sauber das Wasser in Venedig während der Krise war.“ Es mache keinen Sinn, Menschen dorthin zu bringen, wo sie nicht willkommen sind.

Das bunte Miteinander an Bord ist erstmal passé

Absehbar ist: Die kleineren Schiffe werden eher wieder fahren als die großen. Was passiert mit den 17 Schiffen – zusätzlich sind zwei im Bau – von MSC Cruises, von denen einige bis zu rund 5000 Passagiere mitnehmen können? Beliebt bei MSC-Schiffen war nicht zuletzt der internationale Mix. Amerikaner, Italiener, Australier, Kanadier, Japaner, Engländer, Deutsche … Das bunte Miteinander wird erst mal nicht funktionieren. Das Unternehmen mit Sitz in Genf konzentriert sich auf die Vermarktung des Sommerprogramms 2021 (März bis September). Vorgestellt werden soll in Kürze „ein neuer Maßnahmenkatalog für den Bereich Gesundheit und Sicherheit, der das gesamte Kreuzfahrterlebnis der Gäste – von der Buchung bis zur Ausschiffung – umfasst“.

Der Ballroom ist geschlossen. „Queen Mary 2“ fährt nicht nach New York. Foto: Cunard Vergrößern
Der Ballroom ist geschlossen. „Queen Mary 2“ fährt nicht nach New York. © Cunard

In den USA gilt ein Einreisestopp für Europäer, die beliebten Transatlantikfahrten der „Queen Mary 2“ (Hamburg–New York) sind ausgesetzt. Simon Palethorpe, Präsident von Cunard Line, gibt sich geduldig. Er sagt: „Wir werden den Betrieb unserer Schiffe erst wieder aufnehmen, wenn wir ein umfassendes Protokoll für einen Neustart erarbeitet und die Genehmigung und Akkreditierung für dieses aus den vertrauenswürdigsten und sachkundigsten Quellen erhalten haben.“ Tui Cruises erklärt: „Das Passagier-Platz-Verhältnis ist an Bord der Mein-Schiff-Flotte sehr großzügig. Trotzdem werden wir, ähnlich wie Hotels an Land, nicht mit voller Auslastung starten.“

Was auf hoher See noch unklar ist, scheint auf Flüssen eher möglich. Donau, Rhein oder Mosel können wieder befahren werden. Natürlich gibt es auch hier Einschränkungen. Nicko Cruises etwa peilt eine Belegung von bis zu 80 Prozent an, bei den Ausflügen (rund 15 Teilnehmer pro Guide) ließen sich aufgrund von Audiosystemen Abstände problemlos einhalten, heißt es. Wird es also bald eng auf den beliebten Wasserstraßen in Deutschland? Guido Laukamp, Geschäftsführer von Nicko Cruises, glaubt das nicht. „Die Reedereien, die vorwiegend mit amerikanischen oder asiatischen Gästen arbeiten, sind ja noch nicht am Start“, sagt er.

153 Passagiere haben Platz - 95 sind erlaubt

Arosa befährt schon wieder den Douro in Portugal und hat gerade die Erlaubnis bekommen, sich auch in französischen Gewässern aufzuhalten. Serviert wird am Tisch, die schönen Plätze an der Bar sind gesperrt. Gerade ist die „Viva Tiara“ von Düsseldorf aus zur einwöchigen Jungfernfahrt nach Passau gestartet. Die 95 akzeptierten Passagiere haben extra viel Platz – das Schiff ist für 153 Gäste ausgelegt.

Anbieter und Kunden werden sich auf andere Kreuzfahrten einstellen müssen. Es kann für beide Seiten auch eine Chance sein.

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