Das Foto zum Drama von Spitzbergen: Der erschossene Eisbär liegt in Sand. Einer weniger von einer ohnehin gefährdeten Art. Foto: AFP
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Kreuzfahrt in der Arktis Ein toter Eisbär und die große Heuchelei

Die Expedition der "MS Bremen" in Spitzbergen endet mit Schüssen auf ein Tier, dessen Art vom Aussterben bedroht ist. Ist das schlimmer als der Klimawandel? Eine Kolumne.

Ein Eisbär ist erschossen worden. Weil er auf Spitzbergen auf einen Menschen losgegangen war, der sich ihm genähert hat. Der Eisbär war in seinem natürlichen Umfeld. Der Mensch nicht. Der Mensch ist auf einem Kreuzfahrtschiff zu ihm gelangt. Die Kreuzschifffahrtsgesellschaft bedauert den Vorfall außerordentlich. Im Internet sammeln sich Stimmen, die das Unternehmen verdammen. Und Kreuzfahrten im Allgemeinen. Und Touristen.

Ein Eisbär ist tot, und das ist mehr als bedauerlich, denn es werden nahezu Strichlisten für die Exemplare dieser Art geführt. Seit 2006 wird der Eisbär auf der Liste der gefährdeten Arten geführt. Mit Stand 14. Juni 2018 meldet der Naturschutzverein World Wide Fund noch zwischen 22 000 und 31 000 Tiere. Sie verteilen sich auf 19 voneinander getrennte Populationen rund um den Nordpol. In der Region, zu der Spitzbergen gehört, sollen es 2500 bis 3000 sein – allerdings sind diese Zahlen vage. Fakt ist dagegen, dass es seit dem 29. Juli einer weniger ist.

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Die entsprechenden Meldungen werden oft mit demselben Foto illustriert. Es zeigt den Eisbär, wie er da liegt, die Tatzen übereinander, wie Menschen ihre Arme beim Schlafen anwinkeln. Es könnte ein friedliches Bild sein, wäre da nicht der Einschuss am Hals zu sehen. Das dunkle Blut im hellen Pelz. Ein Eisbär ist tot, und in diesem Fall liegen Ursache und Wirkung klar auf der Hand: Mensch zielt, Kugel trifft, Tier tot.

Deutlich unspezifischer, aber in derselben Logik, verhält es sich mit der Klimaerwärmung, die dazu führt, dass der arktische Lebensraum des Eisbären schrumpft: Der weiße Petz, wie er rettungs- und hoffnungslos auf einer kleinen Eisscholle dem Tod entgegendriftet, von Nahrung keine Spur mehr, und der Boden zum Leben schmilzt ihm im Wortsinn unter den Füßen weg, ist ikonografisch für den Klimawandel geworden. Wenn nun also in den Sozialen Netzwerken ein Sturm der Entrüstung losbricht und Gäste und Betreiber des Kreuzfahrtschiffs zu Schurken erklärt werden, ist auch jede Menge selbstvergessene Heuchelei dabei. Es ist der Mensch mit seinem zigmillionenhaften Verhalten, vor allem in den Konsumgesellschaften, der den Eisbären an sich zur Strecke bringt. Mit jeder Autofahrt, jeder Flugreise, die er antritt, mit jeder Erdbeere aus einem spanischen Treibhaus, die er isst, mit nahezu allem, was nun mal sein ressourcen- und energiefressender Alltag ist.

Warum ist man da unterwegs, wo hungrige Eisbären sind?

Allerdings kann man fragen, ob er nun obendrauf auf all das, was er ohnehin anrichtet, noch höchstpersönlich bei den Kreaturen aufkreuzen muss, denen er das Leben schwer macht, um deren Unheil aus nächster Nähe zu besichtigen. Da gehen die Meinungen auseinander. Es gibt die Ansicht, dass der Auge-in-Auge-Moment zum Umdenken führen kann. Wer den Eisbären auf der mickrigen Scholle sah, so die Hoffnung der Befürworter, nimmt vielleicht seine müllfabrizierende Kapsel-Espresso-Maschine außer Betrieb und kauft vielleicht doch keinen SUV, sondern einen Elektroroller. Das könnte die Expedition wert sein. Andere sagen: Wegbleiben, weil der Mensch, wo er in der Natur auftaucht, diese notwendig beschädigt. Könnte man sich vielleicht irgendwo dazwischen bewegen?

Aktuell gibt es Bestrebungen, für die Arktis nach dem Vorbild der Antarktis international verbindliche Regelungen zur Treibstoffgüte der sie querenden Schiffe zu verabschieden. Viele davon fahren mit Schweröl, dem dreckigen Rest aus der Rohölverarbeitung, der für empfindliche Ökosysteme eine Belastung ist. Die jetzt in die Schlagzeilen geratene „MS Bremen“ ist laut ihrer Reederei Hapag Lloyd hier aber vorbildlich. Man verzichte in sensiblen Fahrtgebieten „trotz erheblicher Mehrkosten“ auf Schweröl und fahre „überwiegend mit schwefelarmen Kraftstoffen“. Dem erschossenen Eisbären hilft das nicht mehr. Vielleicht ein paar Artgenossen?

Warum aber ist man im Sommer überhaupt auf einem Stück Land unterwegs, auf dem Eisbären leben, die bekanntlich im Sommer Hunger haben, weil die Robben, ihre Hauptbeute, ins Meer abtauchen? Jörg Feddern von Greenpeace fordert, auf solche Expeditionen zu verzichten. „Im Zweifel muss man immer ein Tier erschießen“, sagt er. Wer die Kreuzfahrtgäste für die Probleme des Klimawandels sensibilisieren wolle, könne sie in Longyearbyen, Spitzbergens Hauptstadt, zu den dort arbeitenden Wissenschaftlern bringen, die alle dazu forschen. Das lässt sich natürlich nicht so gut vermarkten. Der Werbeslogan zu der Tour, die am Mittwoch endete, lautet: „Arktis pur – Wo Eisbären die Wildnis regieren“.

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