Getrocknete Larven des Getreideschimmelkäfers (Alphitobius diaperinus) werden von Experten als Essen gehandelt. Foto: Marijan Murat/dpa
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Heuschrecken, Algen und Grillen Was Novel Food für die Ernährung der Zukunft bedeuten könnte

Online-Shops verkaufen Gelbe Mehlwürmer als Snack. Diese und andere neuartige Lebensmittel könnten Europas Speisepläne erobern – wenn die Bedingungen stimmen.

Was haben Noni-Früchte, gelbe Mehlwürmer und Mikroalgen gemeinsam? Sie alle gehören laut europäischer Verordnung zum „Novel Food“, also zu den neuartigen Lebensmitteln – und haben einen festen Platz in den Online-Shops und Supermarkt-Regalen erkämpft. Mit der „Novel-Food-Verordnung“ machte die Europäische Union als weltweit größter gemeinsamer Wirtschaftsraum den Weg frei für Insekten als Salat-Topping oder Chia-Samen im Bananen-Smoothie. 

Auch Nahrungsmittel, die aus „Pilzen oder Algen bestehen oder daraus isoliert oder erzeugt wurden“, fallen zusätzlich zu neun weiteren Kategorien unter Novel Food. Dazu gehören zum Beispiel Kapseln mit Öl aus Mikroalgen, häufig genutzt als Nahrungsergänzungsmittel.

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Hersteller und Verkäufer von neuartigen Lebensmitteln buhlen möglicherweise um einen wachsenden Milliardenmarkt. Einen Hinweis darauf liefert der Aufstieg der Chiasamen als Novel Food in Joghurts und Puddings: Bis 2025 könnte allein das weltweite Geschäft mit den Früchten der Chiapflanze ein Marktvolumen von vier Milliarden Euro erreichen, wie Daten des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens „Grand View Research“ zeigen. 

Mithalten können da auch die Aussichten für das Geschäft mit essbaren Fliegenlarven, Grillen und Co.: Hier beziffern die in Irland sitzenden Analysten von „Research and Markets“ das Marktvolumen bis 2027 auf 3,9 Milliarden Euro.

Krabbeltierchen, die neuen Vitaminbomben?

Wie Insekten in Zukunft auf unseren Tellern landen könnten, erforscht der Lebensmitteltechnologe Oliver Schlüter am Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie (ATB) in Potsdam: „Insekten haben ein beachtenswertes Potenzial als Nahrungsquelle: Sie sind reich an Proteinen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren und Vitaminen“, erklärt Schlüter im Interview mit dem Tagesspiegel. 

Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege gelten als potentielles Novel Food. Foto: imago images/Nature Picture Library Vergrößern
Die Larven der Schwarzen Soldatenfliege gelten als potentielles Novel Food. © imago images/Nature Picture Library

Für Europa und westliche Länder im Allgemeinen seien Insekten als Nahrungsquelle zwar eine Neuheit. Doch sie würden längst anderswo auf der Welt verzehrt. Ein Novel Food muss also keine Weltneuheit sein, sondern kann nach der EU-Definition auch einfach neu für die westliche Küche sein – genauer definiert die europäische Verordnung Lebensmittel als Novel Food, die kaum ein Europäer vor 1997 verzehrt hat.

Dass zwischen Essgewohnheiten Welten liegen können, zeigt der „Fleischatlas“, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung: In thailändischen Bars gibt es zu Bier und Cocktails getrocknete Wanzen statt Erdnüsse, während in Südafrika ein Topping aus gerösteten Heuschrecken den Maismehlbrei abrundet. 

Heuschrecken, Zophobas und Mehlwürmer liegen auf einem Tisch zum Verzehr bereit. Foto: Carsten Rehder/dpa Vergrößern
Heuschrecken, Zophobas und Mehlwürmer liegen auf einem Tisch zum Verzehr bereit. © Carsten Rehder/dpa

„Die Insekten-Produktpalette ist extrem vielfältig: Das geht von Snacks und Dips über Bolognese und Burger-Pattys aus Insekten bis zu Proteinriegeln und Lollies“, sagt Schlüter. Zwar sei der in Europa zugelassene Gelbe Mehlwurm als Novel Food noch ein Nischenprodukt. Doch der Wissenschaftler ist überzeugt, dass die Art neben vielen anderen Insektenspezies bald fester Bestandteil des Speiseplans werden könnte. 

Auch Sushi war lange Zeit skeptisch beäugt worden

„Ich vergleiche Insekten gerne mit Sushi: Vor ein paar Jahrzehnten war das Gericht auch eher mit Skepsis betrachtet worden. Jetzt ist Sushi immer verfügbar – es kommt zwar nicht täglich auf den Teller, aber es hat den Speiseplan und das Angebot an Lebensmitteln bereichert.“ Eine ähnliche Entwicklung könnten laut Schlüter auch Insekten als neuartiges Lebensmittel auf dem Einkaufszettel durchlaufen.

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Doch der Lebensmitteltechnologe schätzt Insekten nicht nur für ihre wertvollen Inhaltsstoffe als Nahrungsmittel. „Wenn Menschen in Zukunft mehr Insekten statt Fleisch essen, kann die Umwelt davon profitieren. Rinder für die Fleischproduktion zu mästen, verbraucht nämlich zum Beispiel sehr viel mehr Landfläche als Grillen in Behältern zu züchten.“ Bisherige Daten aus Studien deuteten zudem darauf hin, dass die Insektenproduktion klimafreundlicher ist als die Haltung von Nutztieren wie Kühe und Schweine.

Die Nutztierhaltung gilt als besonders emissionsintensiver Zweig der Landwirtschaft. Foto: imago/Marius Schwarz Vergrößern
Die Nutztierhaltung gilt als besonders emissionsintensiver Zweig der Landwirtschaft. © imago/Marius Schwarz

Schätzungen zufolge ist die weltweite Nutztierhaltung jährlich für Treibhausgasemisionen von bis zu 7,5 Gigatonnen CO2 verantwortlich – das ist mehr als das zehnfache der gesamten deutschen Menge an Treibhausgasemissionen im Jahr 2020. Um Treibhausgase auch in der Nutztierhaltung zu reduzieren und die Klimakrise zu bekämpfen, wären Insekten als Novel Food demnach eine Alternative zu Millionen Kühen, Ziegen und Hühnern. 

Verzehr von Novel Food muss sicher sein

Bis mehr Insektenarten auf Speisekarten in Deutschland und Europa stehen, braucht es allerdings Zulassungen von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Die entscheidet nämlich maßgeblich, welche Lebensmittel im Einklang mit der Novel-Food-Verordnung auch zum Verzehr freigegeben werden.

Algen werden hierzulande bereits in Form von Salat gegessen. Foto: Andrea Warnecke/dpa Vergrößern
Algen werden hierzulande bereits in Form von Salat gegessen. ©  Andrea Warnecke/dpa

Voraussetzung für eine solche Freigabe: Der Verzehr des Lebensmittels muss ungefährlich sein. Doch wie sicher ist er zum Beispiel bei den als Novel Food gehandelten Insekten? Lebensmitteltechnologe Schlüter stellt klar: „Wenn Insekten wie Grillen oder die Schwarze Soldatenfliege unter kontrollierten Bedingungen produziert werden, kann man sie in zubereiteter Form unbedenklich essen.“ Wichtig sei, dass die ausgewählte Insektenart keine Gifte produziere und sich in der Zucht möglichst nicht mit gesundheitsgefährdenden Bakterien oder Viren infiziere.

Die schöne neue Novel-Food-Welt hält so einige Überraschungen bereit. Auf einer Webseite der EU-Kommission lässt sich bestaunen, welche Lebensmittel zur Zulassung als Novel Food beantragt wurden. Darunter finden sich nicht nur Grillen, Heuschrecken und Honigbienenlarven, sondern auch Mungbohnenproteine und hitzetote Mykobakterien. Guten Appetit!

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