Polizisten auf Streife in Nordenham. Tausende Einsatzkräfte sind im Einsatz, um den Castortransport abzusichern. Foto: Reuters/ Fabian Bimmer
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Großaufgebot für sechs Castoren Atommülltransport bindet tausende Polizeikräfte

Es ist der erste Castortransport seit neun Jahren. Immer waren sie von Protest begleitet. Nun erschwert zusätzlich die Coronavirus-Pandemie den Transport.

Wie viel Sprengkraft der Umgang mit der Atomkraft noch immer hat, zeigt sich immer dann, wenn das Problem nahe rückt. So wie in diesen Tagen, wenn sechs Castorbehälter mit hochradioaktiven Abfällen, Rückständen aus der Atomenergieerzeugung, durch Deutschland befördert werden. Es ist der erste Transport dieser Art seit rund neun Jahren. Immer waren sie in der Vergangenheit von Protest begleitet.

Das Schiff mit den Atommüllbehältern an Bord hat am Montagmorgen im Hafen von Nordenham an der Weser festgemacht. Schon beim Einlaufen war der Frachter von zahlreichen Polizeibooten eskortiert worden. Die Container sollen nun auf einen Zug verladen werden, um in ein Zwischenlager am hessischen Atomkraftwerk Biblis gebracht zu werden, wie ein Sprecher der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) sagte.

Der Transport sollte bereits im Frühjahr stattfinden, wurde aber im Zuge der Coronavirus-Pandemie von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) verschoben. Zu groß war das Risiko für die 6000 Bundespolizisten, die den Transport und die Bahngleise sichern sollten. Eine erneute Verschiebung lehnte das Bundesinnenministerium ab, trotz der entsprechenden Bitten aus der niedersächsischen Landesregierung. Innenminister Boris Pistorius (SPD) sprach sich aufgrund der hohen Infektionsrisiken zuletzt gegen einen Transport aus.

Auch im Bundestag wurde Kritik laut: „Es passt nicht zusammen, dass die Bürgerinnen und Bürger zu Kontaktvermeidung aufgerufen werden und zugleich 6000 Polizisten einen unnötigen Atommülltransport durch die halbe Republik begleiten müssen“, sagte Victor Perli, Linken-Abgeordneter aus Niedersachsen.

Umweltschützer und Atomkraftgegner kritisieren Transport

Auch ohne Corona ist der Transport nicht frei von Problemen: An der Beförderung des gefährlichen Materials gibt es viel Kritik. Umweltschützer sehen beispielsweise Mängel im Zwischenlager in Biblis, so etwa der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). „Trotz der sich zuspitzenden Corona-Situation den gefährlichen hoch radioaktiven Atommüll in das unsichere Zwischenlager in Biblis transportieren zu lassen, ist eine fahrlässige und unverantwortliche Gefährdung von Menschenleben“, sagt BUND-Chef Olaf Bandt. Die Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) weist solche Bedenken stets zurück.

Das Spezialschiff "Pacific Grebe" liegt am Hafen von Nordenham. Foto: dpa/ Sina Schuldt Vergrößern
Das Spezialschiff "Pacific Grebe" liegt am Hafen von Nordenham. © dpa/ Sina Schuldt

Nun steht eine Auseinandersetzung von Bundespolizei und Atomkraftgegnern sowie Aktivisten bevor, die den Transport teils als „planlose Atommüllverschieberei“ bezeichnen, der das Problem mit dem Schrott nicht löse, aber Umwelt und Bevölkerung gefährde. Die Gegner des Transports bereiten sich seit Wochen auf die Ankunft des Schiffes vor. Schon am Wochenende hatte es in Nordenham und anderen Städten mehrere Protestaktionen gegeben, etwa als Aktivisten in Bremen vom Dach des Hauptbahnhofes ein meterlanges Banner entrollten.

Atomkraftgegner haben an rund einem Dutzend Orten im Bundesgebiet Demonstrationen und Mahnwachen angekündigt. Die Initiative „Bloc Castor“ kündigte in einer vom Aktionsbündnis verbreiteten Mitteilung an, sie wolle den Zug blockieren. Bis zu 11.000 Polizisten sind nach Medienberichten im Einsatz, um das zu verhindern.

Dass die Bundesrepublik den Müll aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield zurücknimmt, ist internationalen Verpflichtungen geschuldet. Vier weitere Castor-Transporte sind bis 2024 geplant, auch aus der französischen Anlage La Hague. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) rechtfertigte den Transport. „Wir haben Verantwortung für den Müll, den wir nicht im Ausland liegen lassen können“, sagte sie am Montag.

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