Bolsonaro-Anhänger protestieren gegen die Impfpläne von São Paulos Gouverneur Doria. Foto: Amanda Perobelli/REUTERS
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Globaler Wettlauf um Covid-19-Vakzin Brasilien, China, Russland – hier wird schon gegen Corona geimpft

Weltweit läuft sich Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. In einigen Ländern wird bereits geimpft. Es ist ein Kampf gegen die Zeit und die Konkurrenz. 

Die dritte Phase von Impfstofftests ist die Erprobung unter realen Bedingungen. Tausende Freiwillige werden geimpft und beobachtet, ob sie sich im Alltag anstecken. Weltweit nehmen Zehntausende an der dritten und entscheidenden Testphase verschiedener Impfstoffe teil, 34.000 davon in Brasilien. In China bekommen Soldaten und Staatsbeamte eine experimentelle Impfung. Und in Russland wird bereits an einem dritten Serum gearbeitet. Ein Überblick. 

BRASILIEN

Schon bevor in Brasilien ein Corona-Impfstoff auf dem Markt ist, gibt es Streit. Es geht darum, ob eine Impfung obligatorisch zu sein habe. Präsident Jair Bolsonaro ist gegen eine Impfpflicht und hat seine Ablehnung wie so oft polemisch garniert. Das ultrarechte Staatsoberhaupt veröffentlichte ein Foto von sich und seinem Hund Faísca (Funken) und schrieb: „Impfpflicht nur für Faísca“.

Bolsonaros Motive sind nicht ganz klar. Er will sich wohl einerseits bei Impfgegnern beliebt machen, von denen es auch unter Brasiliens neuen Rechten viele gibt. Andererseits mag eine Version von Liberalismus dahinterstecken, der den Staat selbst aus solchen Belangen der Bürger heraushalten will, die die Allgemeinheit betreffen.

Ein weiterer Grund dürfte Bolsonaros Clinch mit João Doria sein, dem Gouverneur von São Paulo. Doria hat eine Impfung für Dezember versprochen und will sie obligatorisch machen. Bolsonaro nannte Doria deswegen einen „Spinner“. 

Das Land am Amazonas zählt mehr als 160.000 Corona-Tote

Brasilien zählt zu den Ländern mit den weltweit meisten Corona-Fällen und Covid-19-Toten. Circa 5,5 Millionen Brasilianer haben sich mit dem Virus infiziert, mehr als 160.000 sind bisher daran gestorben. Obwohl die Infektionszahlen in den vergangenen Wochen sanken, steigen sie nun auch in Brasilien wieder, wenn auch weniger dramatisch als in Europa. Gerade der hohe Verbreitungsgrad des Virus macht Brasilien nun zu einem Land, das besonders geeignet für die dritte Phase von Impfstofftests ist. 

Im Land werden derzeit vier der insgesamt sechs internationalen Impfstoffe erprobt. Es sind: die Oxford-Impfung des britisch-schwedischen Unternehmens Astra-Zeneca und der Universität Oxford, die vom renommierten Fiocruz-Gesundheitszentrum in Rio de Janeiro erprobt wird. Coronavac von der chinesischen Firma Sinovac, welches das Forschungsinstitut Butantan in São Paulo testet; der gemeinsame Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und der US-Pharmafirma Pfizer; und schließlich die Impfung der belgischen Firma Janssen (sie gehört Johnson&Johnson), deren Tests aber wegen der Erkrankung eines Probanden routinemäßig ausgesetzt sind. 

Brasilien streitet, ob eine Impfung obligatorisch sein soll. Foto: NELSON ALMEIDA/AFP Vergrößern
Brasilien streitet, ob eine Impfung obligatorisch sein soll. © NELSON ALMEIDA/AFP

Für die Oxford-Impfung und das chinesische Coronavac wurden bereits Kaufverträge in Brasilien abgeschlossen. Letztendlich zielt die Strategie des Landes darauf ab, die Impfstoffe in großem Stil im eigenen Land zu produzieren. Dazu gibt es genügend Kapazitäten und entsprechende Verträge zum Wissenstransfer wurden bereits unterzeichnet.

Als vielversprechend bewertet Natália Pasternak, Präsidentin des Instituts Questão de Ciência, die derzeitige Testphase. Die Biologin sagte, dass alle Mittel gute Resultate zeigten: „Die Probanden haben eine Immunreaktion und nur geringe Nebenwirkungen.“ Als Nebenwirkung gilt es schon, wenn ein Proband Schmerzen rund um die Einstichstelle hat.

Große Fragezeichen gibt es wegen der russischen Impfung Sputnik V. Deren dritte Testphase sollte in Brasilien Anfang Oktober beginnen, aber den Behörden fehlen immer noch die nötigen Unterlagen, um die Erprobung zu genehmigen. Die Verzögerung dürfte den brasilianischen Bundesstaat Bahia in Bedrängnis bringen, der voreilig bereits 50 Millionen Dosen von Sputnik V bestellt hat. Brasiliens Nationale Gesundheitsagentur (Anvisa) erwartet nun, dass das Land im ersten Halbjahr 2021 eine Covid-19-Impfung haben wird. Ihr Direktor Antônio Barra Torres sagte, dass man mit frühestens Januar und spätestens Juni rechne. „Davor dürfte es kaum klappen.“

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Sobald ein Impfstoff gefunden sein wird, hat Brasilien gute Voraussetzungen, um die Bevölkerung schnell und umfassend zu impfen. Dafür sind seine erfahrenen Forschungseinrichtungen, aber auch Brasiliens kostenloser und verbreiteter Gesundheitsdienst SUS verantwortlich. Es ist nun erneut Präsident Bolsonaro, der querschießt.

Er bekräftigte, dass seine Regierung keinen Cent zum Kauf der Coronavac-Impfung aus China beisteuern werde. Allerdings dürfte es auch hier wieder um Eifersüchteleien mit São Paulos Gouverneur Doria gehen. Dieser hat in China bereits 46 Millionen Dosen Coronavac bestellt, die bis Dezember geliefert werden sollen. Bolsonaros Regierung setzt hingegen stärker auf die Oxford-Impfung. Weil der Streit nicht einer gewissen Absurdität entbehrt, hat nun Brasiliens selbstbewusster Vizepräsident Hamilton Mourão eingegriffen und seinem Chef widersprochen. Die Regierung werde auch die Coronavac-Impfung kaufen, das sei ja logisch, sagte er.

CHINA

Per Inlandsflug ist die Chinesin Anny Ku rund 1000 Kilometer nach Yiwu gereist, um eine Impfung gegen das Coronavirus zu bekommen. Im Internet hatte sich herumgesprochen, dass ein Krankenhaus in der ostchinesischen Fabrikstadt für rund 25 Euro eine experimentelle Impfung der chinesischen Biotechfirma Sinovac anbietet.

Vier chinesische Impfstoffe, darunter auch jener von Sinovac, sind erst in Phase drei, dennoch wird in China bereits großflächig geimpft. Foto: Thomas Peter/REUTERS Vergrößern
Vier chinesische Impfstoffe, darunter auch jener von Sinovac, sind erst in Phase drei, dennoch wird in China bereits großflächig geimpft. © Thomas Peter/REUTERS

 „Das ist wichtig für mich“, sagt Anny Ku dem US-Sender CNN. Die Chinesin musste wegen Covid-19 ihren Job in Chile ruhen lassen und in ihre Heimat fahren - nun würde sie gerne wieder nach Südamerika zurückkehren. „Wenn man geimpft ist, ist es viel sicherer, das Land zu verlassen“, sagt Anny Ku. Doch in Yiwu wird sie enttäuscht, der Impfstoff sei ausgegangen, heißt es. 

Obwohl vier chinesische Impfstoffe, darunter auch jener von Sinovac, erst in Phase drei sind, wird in China bereits immer wieder geimpft. Die „Los Angeles Times“ berichtet, dass chinesische Arbeiter aus der staatlichen Ölindustrie vor ihrer Abreise in Länder am Persischen Golf sich unter Geheimhaltung der Umstände impfen lassen müssen. 

Im Unterschied zu den offiziellen Impfungen der Phase drei in Brasilien und anderen Ländern werden diese Impfungen nicht wissenschaftlich überwacht. Anfang Oktober gab die China National Biotech Group bekannt, dass bereits 350.000 Soldaten und Staatsbeamte eine experimentelle Impfung erhalten hätten, die von der Regierung erlaubt worden war. Viele Experten bezeichnen hingegen derartige Impfungen vor der Zulassung des Vakzins als riskant. 

RUSSLAND

Waleri Gartung glaubt, dass man ihm ein Placebo unter die Haut gespritzt hat. Der russische Parlamentsabgeordnete ist einer von 40.000 Russen, die im Zuge der dritten Phase seit September den Impfstoff Sputnik V verabreicht bekommen. Mitte Oktober wurde er auf Covid-19 getestet - das Ergebnis war positiv. „Das heißt“, erklärte Gartung „dass ich definitiv das Placebo bekommen habe.“

Der Impfstoff Sputnik V ist benannt nach dem ersten Satelliten im All - Russland will an alte Pionierleistungen anknüpfen. Foto: Tatyana Makeyeva/REUTERS Vergrößern
Der Impfstoff Sputnik V ist benannt nach dem ersten Satelliten im All - Russland will an alte Pionierleistungen anknüpfen. © Tatyana Makeyeva/REUTERS

Russland hat im August den weltweit ersten Impfstoff zugelassen, noch vor Massentests der Phase drei. An nur 76 Personen hatten Wissenschaftler im Sommer das Serum getestet, alle hätten Antikörper entwickelt und keine schweren Nebenwirkungen gezeigt. Insbesondere aus dem Westen gab es Zweifel an der Wirksamkeit und Kritik an dem Vorgehen: Die Zulassung erfolge zu schnell, der Kreml setze die Gesundheit der Menschen aufs Spiel für einen Erfolg im Wettrennen um das Vakzin. Der Impfstoff ist benannt nach dem ersten Satelliten im All - Russland will an alte Pionierleistungen anknüpfen. Kritik wiesen die russischen Forscher zurück.

Erst vor wenigen Tagen hat Moskau bei der WHO eine beschleunigte Registrierung des Sputnik-Impfstoffs als Corona-Medikament beantragt, damit Staaten Großbestellungen tätigen können. Mitte Oktober wurde außerdem ein zweiter Impfstoff, EpiVacCorona, in Russland zugelassen - ebenfalls bereits nach dem Abschluss früher klinischer Studien am Menschen. Ein dritter Impfstoff ist nach Worten von Präsident Wladimir Putin in der Entwicklung.

Putin selbst warnte jüngst vor Problemen

Auf die Zweifel bei der Wirksamkeit - zuletzt angefeuert durch Gartungs Infektion - folgte Ende Oktober die Nachricht von Verzögerungen der Impfstudien. In mehreren Moskauer Kliniken seien Impfdosen ausgegangen, berichtete die Agentur Reuters. Der Direktor des leitenden Instituts, Alexander Ginzburg, erwiderte, es laufe alles planmäßig. Aber selbst Putin warnte jüngst vorn Problemen in der Massenproduktion, die es zu beheben gelte. Konkreter wurde er nicht.

Zwischen Dezember und Januar will Moskaus Bürgermeister mit Massenimpfungen in der Hauptstadt beginnen. „Das wird der endgültige Sieg über die Pandemie sein“, verkündete Sergej Sobjanin. Einen „Sieg“ hatten die Behörden schon einmal im Frühsommer propagiert. Derweil wächst in Russland die Zahl derer, die sich nicht impfen lassen wollen: 59 Prozent sind es nach einer am Montag veröffentlichten Lewada-Umfrage. 

Ob es sich bei Gartung und weiteren infizierten Studienteilnehmern tatsächlich um das Placebo handele, sei, so Ginzburg, erst zum Ende der Studien festzustellen.

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