Ein milder Winter verschärft ein Problem, das Winzer und Obstbauern haben: Spätfröste können für erhebliche Ernteausfälle sorgen. Foto: dpa
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Dieser Winter war ein Totalausfall Was passiert in der Natur, wenn es nicht kalt wird?

Es gab weniger Glätteunfälle und Grippetote. Das ist die gute Nachricht, Aber die Natur wird schwer zu kämpfen haben.

Winterfans können die Saison getrost abhaken. Mit Beginn des meteorologischen Frühlings am Sonntag steht fest, dieser Winter war der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881.

Bundesweit lagen die drei Monate mit im Schnitt 4,1 Grad um 3,9 Grad über dem Wert der international gültigen Referenzperiode von 1961 bis 1990. Wärmer war demnach bisher nur der Winter 2006/2007 mit einem Plus von 4,4 Grad.

In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin war der Winter 2019/2020 der wärmste seit Messbeginn, teilen Experten des Deutschen Wetterdienst DWD mit.

Menschen werden ein solches Jahr ohne Winter wohl verkraften. Wie aber reagiert die Natur auf einen solchen Totalausfall? Martern uns im Sommer Myriaden von stechenden Plagegeistern? Oder machen es die Buchen den extrem früh blühenden Schneeglöckchen und Krokussen nach und treiben einige Wochen früher aus als sonst?

„Ganz so einfach sind die Zusammenhänge in vielen Fällen leider nicht“, erklärt Mathias Herbst, der in Braunschweig das Zentrum für Agrarmeteorologische Forschung des DWD leitet. So brauchen Bäume wie die Buche zunächst einmal eine knackige Frostperiode, um nach einem kräftigen Wärmeeinbruch ihre Blätter zum Knospen anzuregen.

Paradox: Schlägt die Vegetation früher aus, können Spätfröste größeren Schaden anrichten

Fehlt also wie in diesem Jahr ohne Winter der Frost, ignorieren die Knospen der Bäume spätwinterliche Wärmephasen auch dann, wenn sie wiederholt Frühlingsgefühle vermitteln.

Erst wenn dann im Frühjahr die Tage immer länger werden, reagieren viele Gewächse auf die Wärme. Dann öffnen sich die Knospen der Weinreben und die Obstbäume beginnen zu blühen. Weil die Wärme mit dem Klimawandel inzwischen aber im Durchschnitt viel früher als in der guten alten Zeit kommt, schlägt auch die Vegetation heutzutage rund zwei Wochen eher aus als früher.

Das aber verschärft ein Problem weiter, mit dem sich Winzer, Obst- und Gemüse-Bauern seit Menschengedenken herumschlagen: Vernichtet ein Spätfrost die sich gerade öffnenden Knospen oder die Obstblüten, fällt später auch die Ernte ganz oder zum Teil ins Wasser. „Auch im Klimawandel wird es solche Spätfröste immer wieder einmal geben“, erklärt DWD-Forscher Mathias Herbst. Und das umso häufiger und stärker, je länger die Nächte sind, in denen die Luft abkühlen kann. Kommt die Vegetation immer früher, steigt paradoxerweise also auch das Risiko, dass Spätfröste die kommende Ernte schon im Keim ersticken.

In den französischen Pyrenäen musste ein Helikopter den Schnee anliefern. Das Skigebiet wäre sonst unbefahrbar gewesen. Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP Vergrößern
In den französischen Pyrenäen musste ein Helikopter den Schnee anliefern. Das Skigebiet wäre sonst unbefahrbar gewesen. © Anne-Christine Poujoulat/AFP

Auch viele Menschen leiden unter den Temperaturen

Auch an uns Menschen geht die kalte Jahreszeit nicht spurlos vorüber: „In den Wintermonaten sterben deutlich mehr Menschen als in anderen Zeiten“, erklärt Stefan Muthers vom Zentrum für Medizin-meteorologische Forschung des DWD in Freiburg im Breisgau. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon scheint die Grippe-Welle zu sein, die vor allem im Januar und Februar jeden Jahres etliche Kranke das Leben kostet.

Auch erleiden Menschen mit hohem Blutdruck leichter einen Herzinfarkt, wenn sie sich ungewohnt anstrengen, weil sie zum Beispiel im Winter Schnee schaufeln. Ist der Winter mild, könnten auch solche Todesfälle genau wie Verkehrsunfälle auf schnee- und eisglatten Fahrbahnen im Flachland seltener werden. Wetterfühlige Menschen dürften in einem Jahr ohne Winter dagegen kaum aufatmen: „Sie leiden meist weniger durch die Kälte, sondern viel mehr an den häufigen Wetterumschwüngen“, erklärt DWD-Forscher Stefan Muthers.

„Kalte Episoden lassen auch viele Insekten und deren Eier eingehen“, erklärt Ruth Müller, die am Institute of Tropical Medicine im belgischen Antwerpen die Insektenforschung leitet. In einem Jahr ohne Winter überleben daher viel mehr Insekten als nach knackiger Kälte.

Plagen uns im Sommer die Mücken, nachdem im Winter der Frost ausgeblieben ist? Foto: picture alliance / Patrick Pleul Vergrößern
Plagen uns im Sommer die Mücken, nachdem im Winter der Frost ausgeblieben ist? © picture alliance / Patrick Pleul

Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass danach Heerscharen von Krabbeltieren die Ernte auf Feldern und in Gärten vernichten oder Myriaden von stechenden Mini- Untieren uns im Park oder auf dem Balkon traktieren. So vermehren sich Stechmücken vor allem, wenn das Frühjahr warm und feucht ist. Erst dann werden also die Weichen endgültig für eine Insektenplage gestellt.

Plötzlich gibt es die asiatische Tigermücke auch in Europa

Ähnliches gilt auch für ursprünglich aus den Tropen stammende Insekten wie die Asiatische Tigermücke, die 1990 zunächst in Italien auftauchte. „Im Süden Europas haben sich diese Neuankömmlinge an die dortigen Winter gewöhnen können und überstehen inzwischen auch die milden Winter der letzten Jahre in Mitteleuropa gut“, berichtet Ruth Müller. Das aber ist eine schlechte Nachricht, weil diese Insekten gefährliche Tropenkrankheiten wie das Dengue-Fieber übertragen können. „Solche Infektionen sind jetzt in Italien aufgetreten“, erklärt die deutsche Forscherin weiter.

Im Jahr 2000 tauchte die Asiatische Tigermücke dann auch in Belgien auf, 2007 gab es erste Funde in Deutschland, im Kanton Tessin kommen diese Insekten inzwischen flächendeckend vor. Ruth Müller empfiehlt daher, solche Brutstätten zu bekämpfen, um die Insekten an der Ausbreitung zu hindern.

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