Alt ist, wer aufgibt. Alle anderen gehen joggen. Foto: Getty Images
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Die alternde Gesellschaft Wenn die „beigen Rentner“ aussterben

Immer mehr Menschen werden immer älter – und verleugnen das immer massiver. Über eine kulturelle Herausforderung, die niemand annehmen möchte. Ein Essay.

Das Problem könnte beispielsweise im Fahrradshop auftauchen. Wer dort mit plus/minus 50 Jahren nach einem Rad sucht, das lange halten soll, könnte unvermittelt von der Altersfrage angefallen werden, ob das favorisierte sportive Modell auch noch für 70-Jährige taugt.

Hat es eine Stange in der Mitte, oder soll man besser einen tiefen Einstieg wählen, muss man sich sehr nach vorne beugen oder sitzt man einigermaßen gerade? Würde das Rad auch mit Komfortsattel noch gut aussehen? Kann man einen Gepäckträger montieren? Ein Körbchen? Stützräder?

Die Fragen können garstig zubeißen und den ganzen Fahrradkauf verleiden. Oder sie werden, was wahrscheinlicher ist, niedergerungen. Sich mit Alter auseinanderzusetzen, ist nicht sehr beliebt. Das gilt nicht nur im Fahrradshop, sondern ganz generell. Es betrifft sowohl das Altern der Gesellschaft als Ganzes als auch das eigene. An Alter ist nichts Positives. Wenn überhaupt, blickt man ihm mit Sorge entgegen. Jeder Zweite hat Umfragen zufolge Angst vor Demenz und Altersarmut, 84 Prozent sind über ihre zukünftigen Rentenbezüge schlecht informiert. Lauter Defizitposten.

Alter war mal die Zeit zum Zurücklehnen

Und dann ist da noch das Alter als Idee, als kulturelles Konzept. Die Frage im Fahrradshop könnte jenseits der zu erwartenden körperlichen Einschränkungen auch die künftige gesellschaftliche Akzeptanz von 70-Jährigen auf sportlichen Rennbikes betreffen. Würde man sich damit im Konsensbereich finden oder als exzentrisch gelten? Was sind die Rollenideen für die künftigen Alten, für jene 26 Prozent der Bevölkerung, die im Jahr 2040 laut Statistik 67 Jahre oder älter sein werden? Gibt es welche?

Die Eltern der heute 50-Jährigen hatten solche Fragen kaum geplagt. Für ihre Generation, und frühere ohnehin, gab es konkrete Vorstellungen von dem, was im Alter sein würde – und wo sich diese nicht realisieren ließen, war man sich dessen schmerzhaft bewusst: Man wäre in Pension, die Kinder aus dem Haus, würde Kuchen essen, spazieren gehen, Reisen machen und hätte sein Leben gelebt. Es wäre die Zeit zum Zurücklehnen.

Damit ist aber nach allem, was sich beobachten lässt, Schluss. In einer Allensbach-Umfrage von 2009 zu Altersbildern wird Altwerden „heute überwiegend als individueller Entwicklungsprozess erlebt“, der nicht an eine bestimmte Jahreszahl gebunden ist. Eine Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung teilt die dazu passende Ansicht, dass man erst dann alt sei, „wenn bestimmte altersbedingte körperliche beziehungsweise geistige Beeinträchtigungen auftreten“.

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Individualismus rangiert vor Traditionalität

Der österreichische Altersforscher Franz Kolland verweist darauf, dass in den 1960er und 1970er Jahren zumindest in westeuropäischen Gesellschaften ein breiter Wertewandel stattfand. Der sei gekennzeichnet „durch eine massive Bedeutungszunahme von Werten wie Freiheit/Autonomie/Individualität, Gleichheit, Humanität und eine deutliche Abwertung von Werten der Traditionalität, der unhinterfragten Konformität und Konventionalität“. Die neuen dominanten Werte seien sehr viel definitionsoffener als die früheren und bedürften, was ihre praktische Umsetzung angeht, immer wieder neu der individuellen und gesellschaftlichen Aushandlung. „Daraus entstehen wesentliche Unsicherheiten und Ambivalenzen, ein Hinundhergerissensein also, wie es dies in früheren Gesellschaften in diesem Umfang wohl nicht gab“, schreibt Kolland 2015 in einer Studie.

Was für die einen die erfrischende Aussicht darauf sein kann, mit 80 auf ein Konzert der dann etwa 100-jährigen Rolling Stones zu gehen und völlig rollenklischeebefreit in Leoprintjeans abzurocken, ist für die anderen die erschreckende Ahnung, dass sie nie aus der Verantwortung, aus dem Selberentscheidenmüssen entlassen werden. Mit der Freiheit, alt zu werden, wie man will, schwindet das rettende Ufer, das Konventionen auch sein können.

Mit der Rente fing alles an

Kolland berichtet, dass er im Rahmen seiner Altersforschungen Seminare gebe, in denen immer wieder die Frage auftauche, wie man sich verhalten soll, wenn man älter wird, aber nicht alt sein will. Was soll man anziehen, wie soll man sich geben, wie soll man reden? Das Gefühl ist: Änderungen könnten nötig sein. Aber welche?

Ein großes Problem der bisherig existierenden Rollenmodelle sind die Zeitrahmen. Die Bismarcksche Rentenidee, mit der das heutige Kulturproblem Alter anfing, ging davon aus, dass die Menschen ihren Renteneintritt noch um fünf oder sechs Jahre überleben werden. Heute verbringt man 20 Jahre und mehr jenseits der Erwerbstätigkeit. „Das ist kein Restleben, das ist ein Viertel der Lebenszeit“, sagt Kolland. Um diese zufriedenstellend zu gestalten, reiche die anfänglich verlockende Rolle als Konsument nicht aus.

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Die Großelternrolle wird es auf Dauer auch nicht sein. Die verliert bereits jetzt an Bedeutung, da Patchworkfamilien zu- und Geburtenzahlen abnehmen. Manches Kind hat heute schon vier Großelternpaare, woraus sich am Ende noch Eifersüchteleien ergeben. Zudem sind die Menschen immer älter, wenn sie Kinder bekommen. Die Generationen entfernen sich zeitlich. Das ehrenamtliche Engagement als Post-Job-Idee hat ebenfalls Haken. Es wird allzu schnell zur ernsten Verpflichtung, wenn man nicht frei entscheiden kann, wann man was für wie lange tun will. Für Vereine aber, die nach zuverlässigen Unterstützern suchen, werden Helfer mit vielen Sonderwünschen zur Belastung. „Die neuen Alten sind anspruchsvoll“, sagt Kolland und fordert eine „neue Kultur des Alterns“.

Alles schielt auf Jugendlichkeit - auch die globalen Umwälzungen

Diese kulturelle Dimension hat es jedoch schwer, Debattenraum zu finden, wenn die Gesellschaft gewohnheitsmäßig jugendfixiert ist und dazu noch eine globale Umwälzung – sprich: Digitalisierung und Globalisierung – im Gange ist, deren Meisterung alle angeht und die ausschließlich „junge“ Attribute einzufordern scheint: Flexibilität, Mobilität, Angriffslust. In so einem Kontext will verständlicherweise niemand alt werden, weil er sich damit außerhalb der Gesellschaft platzieren würde. Wer also soll die kulturelle Auseinandersetzung führen?

Diejenigen, die heute bereits alt sind, fanden noch Rollenbilder vor, in denen sie gut und unhinterfragt agieren dürften, wenn sie denn wollten. Und diejenigen, denen das Alter bevorsteht, wehren sich mit Händen und Füßen gegen das Thema und verharren unverdrossen im Assoziationsraum „Jung“. Meldungen über Familiengründungen jenseits der 50 häufen sich. In den Konzerthallen treten reihenweise Bands auf, die in den 80er Jahren bekannt wurden. In der „Süddeutschen Zeitung“ schilderte kürzlich eine Frau, wie es ist, mit 50 zum ersten Mal bei einem Schönheitswettbewerb mitzumachen. Motto: Senioren sind wir noch lange nicht.

Die "beigen Rentner" sterben aus

Man kann das auch sehen. In den Modeläden, wo Mädchen, junge und ältere Frauen durch die gleichen Angebote flippen. Auf den Straßen, wo Männer und Jungs in demselben Look unterwegs sind. Früher spottete man „Von hinten Lyzeum, von vorne Museum“, wenn Auftreten als nicht altersgerecht empfunden wurde. Mit der nächsten Generation der Alten könnte das Standard werden. Die fälschlicherweise oft bespöttelten „beigen Rentner“ sterben aus, die heute 50-Jährigen taugen kaum für eine Neuauflage dieses vor allem praktischen und gruppenorientierten Bekleidungsverständnisses.

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Sie werden sich viel länger nach individuellem Geschmack und neuen Moden kleiden – und sich damit immer stärker in einer Widersprüchlichkeit verstricken, die mit jugendlichem Auftreten zwar ein entspanntes Verhältnis zu immer höheren Geburtstagen behauptet, aber zugleich eine immer größere Distanz zum Altern, und einen immer größeren Schrecken vor dessen körperlichen Merkmalen zu entwickeln scheint. Was für ein Stress.

Die Verweigerung des Alterns auf biologischer Ebene ist dabei längst Mainstream geworden und gesellschaftlich voll akzeptiert. Das Magazin „Der Spiegel“ hatte zuletzt gleich zwei passende Titelgeschichten, eine zum Boom von Anti-Aging-Mitteln und eine zu Forschungen, wie das Altern aufzuhalten sei.

Alte in der Werbung: nicht gütig, sondern fit

Die Schauspielerin Maren Kroymann sorgte sich anlässlich ihres 70. Geburtstags im Tagesspiegel über ihren Umgang mit nachlassender körperlicher Attraktivität. Längst Legende sind die in steilen Serpentinen rennradfahrenden Altherrengruppen in knallengen Sportoutfits, und auch in Werbespots trumpfen Alte nicht mehr nur mit Güte und Bonbons auf, sondern mit Ehrgeiz und Fitness.

Ein Wandel, könnte man denken, ist also schon im Gang. Aber es wandelt sich gar nichts. Es wird nur das, was für Jüngere gilt, für immer Ältere auch zur Norm. Am Ende machen und wollen dann alle ihr Leben lang dasselbe – und den Alten gelingt das am wenigsten überzeugend. Im TV-Programm ist das schon Realität, wenn etwa zu „Voice of Germany“ erst „Voice Kids“ und zuletzt auch „Voice Senior“ produziert wurde, was aber kaum jemand sehen wollte, weshalb eine weitere Staffel unwahrscheinlich ist.

Dass sich die Gliederung eines Lebens in die klar unterscheidbaren Abschnitte Kindheit/Jugend, Erwachsenen- und Seniorenalter auflöst, zeigt sich auch in der Formel vom „lebenslangen Lernen“. Dieses von Politik und Wirtschaft herausgegebene Motto transportiert neben möglichen Aussichten auf immer neue Chancen ebenfalls eine Botschaft mit Depressionspotenzial. Sie lautet: Du wirst niemals fertig sein.

Schaffenmüssen bis ins Grab?

Wenn aber das Leben als Leistungsaufforderung nicht mehr endet, ist die Gesellschaft letztlich wieder in der Vor-Bismarkschen Zeit angekommen: Schaffenmüssen, bis man ins Grab fällt.

Lernen war mal eine Aufforderung aus den Bereichen Kindheit und Jugend. Als Erwachsener hatte man ausgelernt und häufte nun altersangemessen Erfahrung an – welche die Aufnahme immer neuer Informationen sogar behindern kann. Studien zufolge ist es dem Gehirn durchaus möglich, lebenslang neues Wissen aufzunehmen. Aber was ist mit der psychosozialen Konstitution? Was Kolland „Autonomiezumutung“ nennt, füllt als Erschöpfungsdiagnose bereits Buchregale und die Depressionsstatistiken der Krankenkassen.

In der Altersforschung versucht man sich derweil an neuen Konstruktionen fürs Alter. Demnach wären das „dritte Alter“ die körperlich fitten Jahre von 60 bis 80, deren Möglichkeiten vor allem sozial definiert sind, und erst das daran anschließende „vierte Alter“ umfasste die biologisch bedingte Zeit vor dem „endgültigen Niedergang“, so die unbarmherzige Formulierung von Ludwig Amrhein vom Zentrum Altern und Gesellschaft der Universität Vechta. Aber auch damit zöge man wieder nur, wie er selbstkritisch anmerkt, „willkürliche Grenzen zwischen relativ Jüngeren und relativ Älteren“.

Der Körper als „soziales Layout“

Und inhaltlich – Stichwort Fahrradladen – ist damit auch noch nichts gesagt.

Aber je weniger über die Inhalte diskutiert wird, desto unbändiger kann die Biologie die Deutung bestimmen. Sie wird über den Körper sichtbar, den manche Soziologen treffend das „soziale Layout“ nennen. Damit ist die Gefahr groß, dass „das Alter“ negativ besetzt bleibt. Ein zu vermeidender Zustand, der sich in verlorenen Kämpfen gegen faltige Gesichter, runzelige Hälse, trockene Haut und schlaffe Bäuche ausdrückt. Die allgemein altersdiskriminierende Haltung würde Frauen zudem besonders benachteiligen, weil sie in viel höherem Maß als Männer nach optischen Kriterien bewertet werden. Aber was blüht einer Gesellschaft, die das „Schicksal“ der Mehrheit ihrer Bevölkerung schlimmstenfalls verachtet oder bestenfalls ignoriert? Sie wird sich niemals um die Bedürfnisse dieser Mehrheit kümmern. Sie wird sich damit selbst verleugnen.

Erstmal zum Altsein bekennen

Die kulturelle Herausforderung, die mit der alternden Gesellschaft immer dramatischer wird, muss angenommen werden. Es braucht Ideen für die Zukunft des Alterns. Und zwar positive, die ein Dabeiseinwollen auslösen.
Der Altersforscher Kolland verweist auf Kanada, wo neuartige Hausprojekte für ältere Menschen zugleich Modellanlagen für emissionsfreies Wohnen sind, also Testfelder für die Zukunft. Ebenso könnten die älteren und alten Menschen barrierefreie Verkehrskonzepte voranbringen. Statt sich im Fitnesscenter abzustrampeln, um gegen ihr Langsamerwerden anzukämpfen, weil sie das Tempo halten wollen, könnten Ältere gemeinsam auf Entschleunigung bestehen. Profitieren würden am Ende alle.

Die Alten könnten – so gedacht – dafür sorgen, dass nicht alles beim Alten bleibt. Sie könnten zur die Speerspitze für moderne Gesellschaftskonzepte werden. Sie müssten sich aber erst mal dazu bekennen, dass sie die Alten sind.

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