Militär vor dem Mailänder Dom. Foto: REUTERS/Flavio Lo Scalzo
© REUTERS/Flavio Lo Scalzo

Coronavirus-Lockdown Während ganz Italien still steht, kämpfen Ärzte verzweifelt gegen das Virus

Die Italiener ertragen die drakonischen Corona-Maßnahmen im Land mit Disziplin. In den Krankenhäusern im Norden verschlechtern sich derweil die Zustände.

Die Eingriffe in den Alltag sind drastisch, die Reaktion ruhig. Italien hat sich schnell und mit spürbarer Zustimmung an die “emergenza”, den Notstand gewöhnt und akzeptiert mit einer als unitalienisch geltenden Disziplin die drakonischen Maßnahmen, die erst für den Norden, seit Montag fürs ganze Land gelten und die seither fast im Tagesrhythmus verschärft wurden.

Das Land ist mit dem jüngsten Dekret von Ministerpräsident Giuseppe Conte von Mittwochabend praktisch stillgelegt, Züge leer, selbst sonst belebte Einkaufsstraßen ohne Menschen. Seit Donnerstag sind auch die Gaststätten dicht und nur noch Geschäfte offen, die den unmittelbaren Grundbedarf decken: Lebensmittel, die Apotheken für Arzneien und, ja auch, die Tankstellen für den Sprit und die “tabaccai”.

Touristen-Hotspot fast menschenleer: Das Kolosseum in Rom. Foto: REUTERS/Guglielmo Mangiapane Vergrößern
Touristen-Hotspot fast menschenleer: Das Kolosseum in Rom. © REUTERS/Guglielmo Mangiapane

Wobei die Tabakläden schon längst nicht mehr nur die Nikotinabhängigen versorgen, sondern traditionell Fahrkarten für Bus und Bahn verkaufen und auch Strom- und Gasrechnungen entgegennehmen.

Für alle gilt: Bleibt zu Hause

Etliche Bekleidungsgeschäfte hatten schon vorher freiwillig die Pforten geschlossen: “Unser Handelssektor ist nicht lebensnotwendig” plakatierte ein römsiches Wäschegeschäft. “Wir schließen jetzt, um später desto sicherer zu sein.” Für alle Bürgerinnen und Bürger gilt: Bleibt zu Hause, sofern ihr nicht Alte und Kranke versorgen oder den Kühlschrank wieder auffüllen müsst.

Ein einsamer Wanderer in Genua. Foto: AFP/Marc Bertorello Vergrößern
Ein einsamer Wanderer in Genua. © AFP/Marc Bertorello

Chat-Anfrage bei Freundinnen, die seit einer Woche mit ihrem zweijährigen Sohn in den eigenen vier Wänden in Trastevere ausharren müssen. Schon Lagerkoller? Gar nicht. “Wir spielen, arbeiten und entspannen mal ein bisschen.” Laura, 61-jährige engagierte Mittelschullehrerin, sagt zwar, sie sei überhaupt nicht glücklich über die Schulschließung: Sie fürchtet für ein paar Sorgenkinder, die schon zuvor viele Fehlstunden hatten, im Rückstand und versetzungsgefährdet waren.

Dennoch zögert sie auf Nachfrage keinen Moment: “Es war absolut nötig, die Schulen zu schließen, eine Riesenansteckungsgefahr.”

Ein Mann geht in Rom an einem Bild des Papstes vorbei. Foto: REUTERS/Guglielmo Mangiapane Vergrößern
Ein Mann geht in Rom an einem Bild des Papstes vorbei. © REUTERS/Guglielmo Mangiapane

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Die Nachrichten, die seit Wochen aus den Fernsehnachrichten, Zeitungen, Online-Portalen auf Italien herabregnen, sind dramatisch genug. Ärzte, Epidemiologen, Virologinnen – zum ersten Mal erreichen Expertinnen, viele mit Professuren im Ausland, in Italiens Machomedien eine kritische Masse – sind zu bevorzugten Talkshowgästen geworden und geben Einblick in eine Art verschärfter Naturkatastrophe. So jedenfalls beschrieb es jetzt der Notfallarzt Roberto Cosentini in der Donnerstagausabe von “La Repubblica”.

Ein Arbeiter desinfiziert in Mailand die Straßen. Foto: REUTERS/Daniele Mascolo Vergrößern
Ein Arbeiter desinfiziert in Mailand die Straßen. © REUTERS/Daniele Mascolo

Das Fieber erreiche am Nachmittag den Höhepunkt, dann kämen Menschen “mit schwerer Lungenentzündung, die Intensivtherapie und Beatmung braucht”, sagte der 60-jährige Chefarzt der Klinik “Papst Johannes XXIII” in Bergamo. “Täglich zwischen 16 und 18 Uhr erreicht uns eine massive Welle von Notfällen. So etwas kennt man nur nach Erdbeben, aber wir sind damit in der dritten Woche und es ist kein Ende abzusehen.” Eine normale Lungenentzündung bedeute drei bis vier Tage Fieber. Aber “mit Covid-19 sind wir im Schnitt bei acht bis zehn Tagen.”

Appell eines Arztes: "Wir halten nicht mehr lange durch"

Dass die Intensivbetten dreimal so lange belegt würden wie üblich, das habe es noch nie gegeben, eine völlig neue Situation. Cosentini warnt: “Wenn wir nicht bald neue Betten schaffen, mehr Krankenpflegepersonal und Ärzte bekommen, halten wir unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr lange durch.” Zumal es jetzt “die Jungen und die Gesündesten” treffe, die sich bisher zu Hause irgendwie selbst kuriert hätten. Cosentini plädiert dafür, die nicht akuten Fälle weiter auszulagern, nicht nur in private Kliniken und Militärhospitale, sondern auch in Altenheime, die geräumt und umfunktioniert werden müssten.

Sanitäter arbeiten in Brescia vor Notfallzelten, die in der Nähe eines Krankenhauses errichtet wurden. Foto: dpa/Luca Bruno Vergrößern
Sanitäter arbeiten in Brescia vor Notfallzelten, die in der Nähe eines Krankenhauses errichtet wurden. © dpa/Luca Bruno

Und er warnt: “Vielleicht ist außerhalb [der ersten Notstandszone im Norden, red.] noch nicht begriffen worden, welchen Massen von Angesteckten sich in unseren Krankenhäusern sammeln. Ich bin sehr besorgt beim Gedanken, solche Szenarien könnten auch in andern Teilen des Landes Wirklichkeit werden, vor allem im Süden.

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Kolleginnen und Kollegen formulieren eher noch drastischer: Christian Salaroli aus derselben Klinik in Bergamo, ein 48-jähriger Anästhesist und Fachmann für Reanimation, sprach im “Corriere della sera” von einem “Krieg”, den er und die ärztlichen und Pflegeteams in den Krankenhäusern führten. Und er gibt zu, dass man Menschen auch dem Tod überlassen müsse: “Wir sind dazu gezwungen, eine Auswahl zu treffen.”

Medizinisches Personal in Brescia. Foto: REUTERS/Flavio Lo Scalzo Vergrößern
Medizinisches Personal in Brescia. © REUTERS/Flavio Lo Scalzo

Weil die Mittel begrenzt seien, könnten nicht alle schweren Fälle zur Beatmung intubiert werden. Geschriebene Regeln gebe es dafür nicht, die Auswahl, so Salaroli, werde nach ärztlicher Übereinkunft getroffen, “mir ist klar, was für ein hässliches Wort das ist”. Aber: “Wenn eine Person zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und schwere Atemprobleme hat, wird man höchstwahrscheinlich die Behandlung nicht fortsetzen.

Am Ende ein völlig anderes Gesundheitssystem

Wenn drei lebenswichtige Organe nicht gut funktionieren, hat man eine Sterbewahrscheinlichkeit von hundert Prozent.” Patientinnen und Patienten, die bereits unter schweren Herz- und Atembeschwerden litten, vertrügen die massiven Eingriffe auch schlecht und hätten “wenig Chancen, die kritische Phase zu überleben”.

Cosentini, Salarolis älterer Kollege aus der Notfallmedizin, glaubt, dass am Ende der Epidemie “ein völlig verändertes Gesundheitssystem” stehen werde. Auch die Gesellschaft werde nicht wiederzuerkennen sein. “Unsere Städte und unser Lebensstil”, so der Arzt, “werden nicht mehr sein wie zuvor.”

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