Bereits 2008 schilderte eine Fallstudie vor Ort die Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch, Natur – und nistende Schildkröten. Seitdem verschlimmerte sich die Situation auf den Inseln nochmal dramatisch. Foto: imago images/Ardea
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Australien kämpft mit dem Klimawandel Wasser bis zum Hals

Der Klimawandel bedroht eine australische Inselgruppe massiv. Die Bewohner fürchten sich vor dem Untergang – die Regierung schaut weg.

Australien stellt sich bei den Klimazielen stur. Nicht einmal der Druck von US-Präsident Joe Biden beim virtuellen Gipfel im April konnte den australischen Regierungschef Scott Morrison dazu bewegen, die schwachen Klimaziele aufzubessern. Bisher will das Land seine Emissionen bis 2030 um 26 bis 28 Prozent unter das Niveau von 2005 senken, ein Nullemissionsziel bis 2050 ist bisher nicht offiziell ausgesprochen worden.

Dabei ist Australien eines der Länder, das die Auswirkungen des Klimawandels schon heute deutlich spürt. Die Bewohner der Torres-Strait-Inseln, eine Gruppe von über 100 Inseln zwischen der Kap-York-Halbinsel an der Spitze Australiens und der Küste von Papua-Neuguinea, erleben seit Jahren, wie der steigende Meeresspiegel, extreme Wetterereignisse und Küstenerosion ihre Heimat und ihre Lebensweise bedrohen.

Schon 2008 schilderte eine Fallstudie die Auswirkungen auf nistende Schildkröten, die Vogelwelt und das Seegras in der Region. Über die Bewohner der Insel hieß es in der Studie: „Sie fühlen, dass ihr Leben physisch wie kulturell gefährdet ist.“ Über zehn Jahre später ist die Situation nochmal dramatischer: Der Inselbewohner Yessie Mosby berichtete im Interview mit dem australischen Sender ABC, wie der Klimawandel seine Insel – Masig Island – zu einem zunehmend trostlosen Ort gemacht hat.

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Beispielsweise sei der Brunnen der Insel durch eingedrungenes Meerwasser salzig geworden, die Korallen vor der Insel seien abgestorben. „Das Riff sieht aus wie eine Wüste“, sagte Mosby. Auf anderen Inseln ist die Lage ähnlich: Auf Poruma Island, eine etwas kleinere und schmalere Insel, ist bereits eine Plantage mit 250 Kokospalmen ins Meer gespült worden. Eine Straße und Gebäude auf der Westseite der Insel sind ebenfalls gefährdet.

Prognosen zufolge sind einige Inseln schon bald nicht mehr bewohnbar

Wissenschaftliche Modelle deuten darauf hin, dass einige der tief liegenden Inseln innerhalb von Jahrzehnten unbewohnbar werden könnten, sollten die globalen Temperaturen weiter ansteigen. „In diesem Fall werden wir in unserem eigenen Land Klima-Flüchtlinge werden“, sagte Kabay Tamu, ein weiterer Inselbewohner von der Insel Warraber. „Wenn ich nur daran denke, kommen mir manchmal Tränen in die Augen.“

Bereits 2019 haben Tamu und Mosby gemeinsam mit sieben anderen Inselbewohnern deswegen eine Beschwerde beim UN-Menschenrechtsausschuss in Genf eingereicht. In der Petition werfen die Insulaner der australischen Regierung vor, ihre Menschenrechte verletzt zu haben, indem sie nicht ausreichend gegen den Klimawandel vorgeht. Damals schrieb Tamu in einer Erklärung, dass er fürchte, der Klimawandel führe erneut zu einer Art Kolonialisierung, wenn seine Leute ihr Land verlassen müssen und ihre Sprache, Kultur und Traditionen dann nicht mehr ausleben können.

Die australische Regierung weist die Vorwürfe von sich. Sie hat den Menschenrechtsausschuss im August deswegen aufgefordert, die Petition abzulehnen. Gegenüber lokalen Medien betont der Minister für indigene Angelegenheiten, Ken Wyatt, stets, dass die Regierung davon überzeugt sei, „dass ihre Klimapolitik im Einklang mit den internationalen Menschenrechtsverpflichtungen“ stehe. Zudem wolle man die Inselbewohner nicht allein lassen, sondern ihnen mit dem Bau von Infrastruktur – wie zum Beispiel Seemauern – helfen. Anfang 2018 wurde für Poruma beispielsweise eine Notfinanzierung über 650.000 Australische Dollar, umgerechnet fast 420.000 Euro, genehmigt, um das gefährdete Westufer der Insel zu schützen. Die speziellen Sandsäcke, die anstatt von Felsen oder Ziegeln für den Wall benutzt wurden, haben aber lediglich eine Lebensdauer von rund 50 Jahren.

Den Bewohnern der Torres-Straße läuft die Zeit immer mehr davon. Erfüllen sich die wissenschaftlichen Prognosen und der Meeresspiegel steigt in ihrer Region bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa 80 Zentimeter an, hätte dies noch verheerendere Auswirkungen auf die Inseln. Bereits während des UN-Klimagipfels in New York 2019 hatte Kabay Tamu den australischen Premierminister Scott Morrison deswegen aufgefordert, seine Insel Warraber zu besuchen, um sich selbst ein Bild von den Auswirkungen des Klimawandels zu machen. Der Politiker lehnte die Einladung später jedoch per E-Mail ab.

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