Die italienische Rockband Måneskin. Foto: REUTERS/Piroschka van de Wouw
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Ausblick auf das ESC-Finale Corona-Regeln, französischer Chanson und ein Favorit aus Italien

Am Sonnabend findet in Rotterdam das ESC-Finale satt – mit Publikum, vielen Coronatests und einigen starken Songs. Ein Ausblick.

Maskenlose Menschen, dicht an dicht – jubelnd, klatschend, singend. Ist die Pandemie in Rotterdam schon vorbei? Man könnte es fast glauben, wenn man diese Woche die Fernsehbilder aus der Ahoy Arena verfolgt hat, wo die Halbfinals des Eurovision Song Contests stattfanden und am Sonnabend auch das Finale über die Bühne geht. 3.500 Fans dürfen in die Halle, die rund 16.000 Plätze hat. Doch am Bildschirm und auch von der Bühne aus wirkt es voll.

Natürlich ist die Pandemie in den Niederlanden noch nicht vorbei, die Zahlen sinken zwar, doch die Sieben-Tage-Inzidenz liegt immer noch knapp über 200, das Auswärtige Amt in Deutschland warnt vor Reisen in das Hochrisikogebiet. Dass der Gesangswettbewerb dennoch vor Publikum stattfindet, liegt daran, dass die niederländische Regierung ihn als sogenanntes Fieldlab-Event durchführen lässt, das wissenschaftlich begleitet wird.

Zugelassen sind nur inländische Zuschauer*innen unter 70 Jahren ohne Vorerkrankungen, die nicht zu einer Risikogruppe zählen. Sie alle brauchen ein negatives Schnelltestergebnis, das von einem bestimmten Anbieter stammt. Dafür gibt es in der Halle keine Abstandsregeln, Masken müssen nur getragen werden, wenn man den eigenen Platz verlässt. Die regelmäßig getesteten ESC-Teilnehmer*innen dürfen sich nur zwischen ihren Hotels und der Arena bewegen.

Das Konzept konnte allerdings nicht verhindern, dass es mehrere positive Coronafälle beim ESC gab. Eine Hiobsbotschaft für die Gastgeber war am Donnerstag die Meldung, das Duncan Laurence infiziert ist. Der Sänger hatte den Wettbewerb 2019 in Tel Aviv gewonnen und so nach Holland gebracht.

Der Sieger von 2019 ist in Quarantäne

Beim Halbfinale am Dienstag war er zu Gast und sollte eigentlich in der Final-Show seinen neuen Song präsentieren. Stattdessen sitzt er nun mit milden Symptomen in Quarantäne und man kann nur hoffen, dass er sich nicht als Superspreader entpuppt. Die Veranstaltung wirkt schon ziemlich riskant. Nicht umsonst sind in Rotterdam ansonsten keine Events mit Publikum gestattet. Kinos, Theater, Bibliotheken und Zoos bleiben geschlossen.

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Auch die ESC-Delegationen aus Polen und Island mussten sich diese Woche in Quarantäne begeben, weil Teammitglieder infiziert waren. Deshalb präsentierte die isländische Gruppe Daði og Gagnamagnið ihren Elektropop-Song „10 Years“ im Halbfinale am Donnerstag nicht live, sondern mit einer Probenaufnahme. Es hat gereicht: Die sechsköpfige Band, die vor dem abgesagten ESC 2020 als eine der Favoritinnen gehandelt worden war, ist für das Finale qualifiziert.

[Der Tagesspiegel begleitet das ESC-Finale am Samstag mit einem Live-Blog]

Insgesamt sind am Sonnabend 26 Länder dabei, mehr als 180 Millionen Menschen werden die Show vor dem Fernseher verfolgen. Glaubt man den Buchmachern, hat die italienische Rockband Måneskin (Dänisch für Mondschein) die besten Chancen auf einen Sieg.

Rockband Måneskin entschärfen ihren Text für ESC

Das Quartett gewann mit seinem Song „Zitti e buoni“ bereits beim traditionsreichen Festival della Canzone Italiana in Sanremo. Den Text haben sie für den ESC an zwei Stellen etwas entschärft. Auch so kommt ihre Performance in rot-weißen Lederoutfits – die drei männlichen Bandmitglieder zeigen viel Haut – ziemlich scharf, androgyn und energiegeladen rüber.

Wenn Måneskin tatsächlich das gläserne Mikrofon gewinnen, wäre das der erste Sieg einer Rockformation seit die finnische Band Lordi 2006 mit „Hard Rock Hallelujah“ erfolgreich war. Finnland schickt mit Blind Channel diesmal wieder eine Gruppe, die eine härtere Gangart pflegt. Ihr Song „Dark Side“ folgt den Spuren von Nu-Metal-Gruppen wie Linkin Park oder Limp Bizkit, die Rock- mit HipHop-Elementen verbanden.

Damit werden die sechs Männer aus Oulu in dem von Dancepop geprägten Feld sicher auffallen. Das gilt auch für die russische Finalistin Manizha, denn sie kommt in einem riesigen fahrbaren Kleid aus bunten Stoffstücken hereingerollt. Nach der ersten Strophe ihres Songs „Russian Woman“ steigt sie aus und rappt in einem roten Overall weiter.

Der größtenteils auf Russisch gehaltene Text richtet sich gegen klischeehafte Weiblichkeitsvorstellungen und spricht Frauen Mut zu. Die 1991 im heutigen Tadschikistan geborene Sängerin, die mit zwei Jahren als Bürgerkriegsflüchtling nach Moskau kam, wurde dafür in Russland massiv angefeindet.

Manizha rappt "Russian Woman" im fahrbaren Riesenkleid. Foto: dpa Vergrößern
Manizha rappt "Russian Woman" im fahrbaren Riesenkleid. © dpa

Manizha arbeitet in „Russian Woman“ auch mit Anspielungen an russische Folklore, was eine eher ironische Wirkung hat. Die ukrainische Gruppe Go_A nimmt hingegen in „Shum“ (Lärm) auf ernsthafte, innovative Weise Bezug auf die Volksmusik ihres Landes. Traditionelle Flöten und Trommeln treffen auf elektronische Beats und den durchdringenden Gesang von Kateryna Pawlenko. Das Lied steigert sich am Ende in einen Hochgeschwindigkeitsrausch, der ein wohlige Schwindelgefühl im Kopf hinterlässt. Laut den Buchmachern wird es für eine Platzierung unter den ersten Fünf reichen.

Frankreich schickt ein Chanson ins Rennen

Noch weiter vorn, nämlich auf Platz zwei, sehen sie die Französin Barbara Pravi mit „Voilà“. Ihr Song ist ein Chanson, das sich langsam in die Höhe kreiselt und recht deutlich in Richtung Édith Piaf schielt. Der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die 27-jährige Sängerin aus Paris über eine ähnliche Lockenpracht verfügt wie die hochverehrte Legende.

Mit dunkler Lockenmähne und einem französischen Lied geht auch die Schweiz ins Rennen: Gjon Muharremaj, der unter dem Namen Gjon’s Tears auftritt, trifft mit „Tout l’univers“ den klassischen ESC- Balladenton. Große Gefühle, große Stimme – und sicher auch große Chancen auf ein gutes Abschneiden.

Gjon’s Tears singt für die Schweiz Foto: dpa Vergrößern
Gjon’s Tears singt für die Schweiz © dpa

Und Deutschland? Schickt den 26-jährigen Hamburger Jendrik ins Rennen. Mit seiner Glitzerukulele, Background-Chor und Bläsersektion trägt er den von ihm geschriebenen Song „I Don’t Feel Hate“ vor. Eine gut gelaunte Nummer plus Step-Einlage, die kaum jemand weit vorne sieht. Was dem ausgebildeten Musical-Darsteller allerdings nicht viel ausmacht. Im Tagesspiegel-Gespräch sagte er gerade: „Ich bin auch mit dem letzten Platz“ zufrieden.

Als Showgäste treten übrigens Lordi auf. Ein paar Masken werden also doch zu sehen sein in der Ahoy Arena.

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