Unvollständig, aber begehrt. Seit Jahren lockt das 2000 Jahre alte „Zigeunermädchen“ viele Besucher ins Museum von Gaziantep. Foto: Wikipedia
© Wikipedia

Archäologie Heimkehr zum "Zigeunermädchen"

Das Frauengesicht gilt als Covergirl der Antike. Doch bisher fehlen dem Mosaik wichtige Teile. Nun gibt eine US-Universität einige Stücke an die Türkei zurück.

Ein Eimer Wasser bescherte der Welt eines der berühmtesten Gesichter der Antike. Als der türkische Archäologe Rifat Ergec vor etwa 20 Jahren mit seinem Team in Südostanatolien die Mosaiken der römischen Stadt Zeugma ausgrub, stieß er unter einer umgestürzten Säule auf eine Stelle, die er mit einem Schwall Wasser vom Erdreich befreite – und blickte in das Gesicht einer jungen Frau mit Ohrringen und wehenden Haaren, die er spontan das „Zigeunermädchen“ taufte.

Fast 2000 Jahre hatte das Mosaik unter der Erde geruht, bis die Wissenschaftler es fanden. Doch Schwarzgräber waren schneller gewesen: Weite Teile des Mosaiks rings um das Frauengesicht fehlten bereits. Zwölf dieser Stücke kehren nun in die Türkei und damit zum „Zigeunermädchen“ zurück.

Das Frauengesicht ist Teil eines Bodenmosaiks, mit dem ein wohlhabender Bewohner von Zeugma im zweiten Jahrhundert nach Christus das Esszimmer seiner Villa verschönerte. Zeugma, im heutige Landkreis Nizip im Südosten der Türkei, war damals eine bedeutende Handelsstadt am Euphrat.

Hauptattraktion eines Museums in Gaziantep

Zur archäologischen Sensation wurde die antike Stadt im Jahr 2000, als Experten aus aller Welt dort in einer Eilaktion fast 50 wertvolle Mosaiken ausgruben und so vor der Zerstörung durch das steigende Wasser eines Stausees retteten. Seitdem gilt Zeugma wegen der erhaltenen Kostbarkeiten als „zweites Pompeji“. Das „Zigeunermädchen“, das nach Einschätzung der Fachleute eine Begleiterin des Weingotts Dionysos darstellt, wurde weltbekannt und gewissermaßen zum Covergirl der Antike.

Heute ist das Mädchen die Hauptattraktion im Museum von Gaziantep, dem größten Mosaiken-Museum der Welt, doch bisher war es dort sehr allein. Viele andere große Stücke des Bodenmosaiks waren lange vor der Ankunft von Ergec gestohlen worden.

Auf dem Schwarzmarkt verkauft

Wie das vor sich ging, berichtete ein Bauer aus der Nähe dem Forscher freimütig. Immer wenn er selbst oder jemand aus seiner Familie das Geld für eine Hochzeit oder eine größere Anschaffung brauchte, griff er sich ein Stück von einem Mosaik und verkaufte es auf dem Schwarzmarkt.

Über Jahrzehnte ging das so. Denn lange waren die Mosaiken von Zeugma ungeschützt. Welche Schätze auf diese Weise für die Forschung und die Öffentlichkeit unwiederbringlich verloren gingen, ist unbekannt. Nur selten tauchen wertvolle Stücke wieder auf. Das Bodenmosaik von Zeugma war das fast 10.000 Kilometer von der Villa am Euphrat entfernt der Fall.

Die Bowling Green State University im US-Bundesstaat Ohio hatte in den 60er Jahren einem Antiquitätenhändler für 35.000 Dollar ein Dutzend Mosaike abgekauft, die damals als Stücke aus Antiochien, südwestlich von Zeugma, ausgegeben wurden. Erst eine Untersuchung durch Experten der Universität vor einigen Jahren ergab, dass die Porträts und Tier-Bilder aus demselben Esszimmer in Zeugma stammen wie das „Zigeunermädchen“.

Langwierige Verhandlungen über Rückgabe

Für die Hochschule in Ohio stand rasch fest, dass die Kunstschätze an ihren Ursprungsort zurückgegeben werden müssen, auch wenn sie vor 50 Jahren im guten Glauben gekauft worden waren. Türkischen Medien zufolge forderten die Amerikaner von der Türkei allerdings mehrere Hunderttausend Dollar, was in Ankara abgelehnt wurde.

Erst nach langwierigen Verhandlungen konnte die Rückgabe der Mosaiken vereinbart werden. In Gaziantep sollen sie nach der für Montagabend erwarteten Heimkehr mit dem „Zigeunermädchen“ wiedervereinigt und im Museum ausgestellt werden.

Für die Türkei ist die Rückgabe nicht nur deshalb wichtig, weil damit noch mehr Besucher nach Gaziantep gelockt werden können. Seit einigen Jahren bemüht sich Ankara verstärkt um die Rückgabe von antiken Kunstschätzen, die von ausländischen Forschern mit oder ohne Genehmigung aus dem Land geschafft oder von Schwarzgräbern verhökert wurden.

Das Geheimnis eines Lächelns

Rund 4300 Stücke sind inzwischen nach Anatolien heimgekehrt, darunter eine 3500 Jahre alte Sphinx-Statue aus der Hethiter-Hauptstadt Hattuscha in Zentralanatolien, die im Jahr 2011 vom Berliner Pergamonmuseum zurückgegeben wurde.

Doch auch nach der Rückkehr der Mosaike aus Ohio wird eine Frage unbeantwortet bleiben: Wer war die junge Frau, die als „Zigeunermädchen“ verewigt wurde? Archäologe Ergec erinnert sich noch gut an den Moment, als er das Gesicht freilegte. „Sie hat uns sofort angelächelt“, sagte er der Nachrichtenagentur Anadolu. „Wir haben uns gefragt, wer sie wohl ist, aber wir wissen es nicht.“ Das „Zigeunermädchen“ behält bis heute sein Geheimnis weiter für sich.

Zur Startseite