Alles ist irgendwie Schlager und Frohsinn

Alfred Biolek Deutschlands bekanntester Fernsehkoch wird 80

Kein Gespräch mit dem Großmeister der Fernsehunterhaltung ohne Reden übers Fernsehen. Aber man weiß: Es interessiert ihn nicht mehr. „Wenn ich heute so jung wäre, wie ich damals war, würde ich nicht mehr zum Fernsehen gehen, sondern Theater machen oder so was.“ Für schräge Experimente, unbekannte Musiker und internationale Stars, für Performances, generell für Neugier wie in „Bios Bahnhof“ sieht er heute im großen Programm keinen Platz, alles ist irgendwie Schlager und Frohsinn. Die Entfremdung scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen, denn als beispielsweise alle Welt darüber redete, ob „Wetten, dass ..?" zu retten sei, hat ihn niemand angerufen, keiner vermutete das Geheimrezept gerade bei ihm.

Einer wie er, der sich immer auf dem Gipfel verabschiedet hat, versteht sowieso nicht, was manch gestandener Kollege heute im Fernsehen so treibt. Wie hat er den Absprung geschafft? „Man muss vor allem spüren, dass man die Qualität, die man erreicht hat, nicht halten und erst recht nicht verbessern kann.“ Das Große auf dem Höhepunkt beenden, dann wieder klein etwas Neues beginnen, so hat er es gemacht. Er gilt sogar als Erfinder der Kochshow, weil in „Alfredissimo“ unentwegt gekocht und probiert und angestoßen wurde, weist das aber von sich: Kochen, meint er, war nur das Vehikel, das die Gespräche in Gang brachte, war nicht so wie heute das Zentrum der Sendung. Manchmal, sagt er, gerät er beim – seltenen – Fernsehen heute noch in Kochshows hinein, bleibt zwei oder drei Minuten und zappt dann weiter. Irgendwie entnervt, aber doch loyal: „Fernsehen ist heute nicht schlechter, aber total anders als früher.“

Gelassene Routine

Biolek ist im Gespräch konzentriert und genau, sucht manchmal eine kleine Weile nach einem Namen oder Begriff, lässt aber immer noch die gelassene Routine unzähliger Gespräche mit und ohne Kamera spüren. Die Quelle dieser Gelassenheit liegt vermutlich in seinen frühen Jahren, dort, wo es tatsächlich einen gewaltigen Absturz gegeben hat, einen Absturz, der bis heute nachhallt, an den er sich im Detail erinnert. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen. Denn seine glückliche Kindheit und Jugend im heute tschechischen Freistadt wurde 1945 rabiat durch die Vertreibung beendet, russische Soldaten schoben die Familie in Transportwaggons, und der Zug kam erst irgendwo in Bayern zum Stehen, zwischen München und Augsburg.

Der Vater gelangte nach kurzer Haft auf anderen Wegen nach Deutschland, gründete in Waiblingen 1946 eine Anwaltskanzlei. Die wäre selbstverständlich eines Tages an den Sohn übergegangen, wenn der gewollt hätte. Doch Alfred Biolek, Mitglied der CDU und einer katholischen Studentenverbindung, hatte wohl Ambitionen, die über ein solides schwäbisches Bürgerleben hinausreichten. Schon 1951 verbrachte er ein Jahr als einer der ersten deutschen Austauschschüler in den USA, gründete später ein Studentenkabarett. 1958 legte er das drittbeste juristische Staatsexamen in Baden-Württemberg ab, promovierte und vertrat seinen erkrankten Vater – doch dann kam das Fernsehen. 1963, unmittelbar nach der zweiten Staatsprüfung, begegnete er Kurt Rebmann, dem designierten Verwaltungschef des neuen Zweiten Deutschen Fernsehens, der später Generalbundesanwalt wurde, und ließ sich als Assessor in die Rechtsabteilung des ZDF einstellen – für kurze Zeit. Denn nach wenigen Monaten begann er zu moderieren; einen Ruf als begnadeter Witzeerzähler hatte er schon damals.

Als Produzent bei der Bavaria genoss er jede Freiheit

Ungefähr Mitte der 60er Jahre verliebte er sich zum ersten Mal in einen Mann – wohl der Beginn des neuen, ganz anderen Lebens. 1970 kündigte er den bombensicheren Job in Mainz und zog nach München, den Sitz der kulturellen Avantgarde um Rainer Werner Fassbinder. Als Produzent bei der Bavaria genoss er jede Freiheit, durfte die obskuren Witzbolde nach Deutschland holen, die in England unter dem Namen „Monty Python’s Flying Circus“ absurde Sketche vorführten; Rudi Carrells „Am laufenden Band“ war 1974 der berufliche Durchbruch.

Und privat? „Ich habe immer offen schwul gelebt, aber nicht öffentlich“ – dieses Prinzip hielt bis 1991, bis zum berühmten Outing durch den Filmemacher Rosa von Praunheim, dem auch Hape Kerkeling zum Opfer fiel, „ein Schlag, der eine Verspanntheit gelöst hat, die dann weg war“, wie er später aufgeräumt analysierte. Im Maischberger-Film gibt er sich im Rückblick als eher schüchtern und vorsichtig zu erkennen, fährt im Taxi an den legendären Stätten des schwulen Aufbruchs vorbei, berichtet von seinen Erlebnissen. Aber: Der grobe Stil, Darkrooms und so etwas, das sei nichts für ihn gewesen, glücklicherweise, „denn sonst wäre ich heute nicht mehr am Leben“.

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