In der Abteilung „Landschaften und Biodiversität“ zeigt das belgische Africa-Museum unter anderem ausgestopfte Affen. Foto: RMCA/Jo Van de Vijver
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Africa-Museum in Belgien Der Schatten über den Kolonialherren

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Belgiens renoviertes Africa-Museum bietet einen neuen Blick auf das schwierige geschichtliche Erbe des Landes.

Kein Museum kann sich frei machen von dem Zeitgeist, in dem es entstand. Die Architektur, die Auswahl der Exponate sowie die Erläuterungen senden immer auch eine politische Botschaft. Besonders ausgeprägt war dies im Africa-Museum in der Nähe von Brüssel.

In dem Jugendstilbau aus dem Jahr 1910, den Belgiens König Leopold II als „Kolonialpalast“ im Städtchen Tervuren vor den Toren der belgischen Hauptstadt bauen ließ, spürte der Besucher dies bereits am Eingang: Der erste Raum huldigte dem Kolonialismus und dem Herrscher, der den Kongo als seinen Privatbesitz erworben hatte.

In der Mitte stand eine mächtige Statue von Leopold II. In den Nischen standen vergoldete Bronzestatuten des belgischen Bildhauers Arsène Marton. Die Sprache der Kunstwerke war eindeutig: Der belgische Kolonialherr bringt die Zivilisation zu einer minderwertigen Kultur. Der Europäer ist größer als der Afrikaner, bei den schwarzen Frauen werden die sexuellen Merkmale betont.

Das Africa-Museum war bis zu seiner Schließung vor fünf Jahren voll von diesen Stereotypen über Afrika. Der Besuch im Museum war Pflicht für belgische Schulen. Bis zu 20.000 Schulkinder wurden der kolonialen Propaganda jedes Jahr ausgesetzt. Die Ausstellung wurde bis 2013 nahezu unverändert so gezeigt, wie sie 1958, also zwei Jahre vor der Unabhängigkeit der Kolonie, konzipiert worden war.

An einer Wand waren die Namen von 1508 Männern verewigt, die zwischen 1876 und 1908 im Kongo starben. Die Kongolesen, denen von den Kolonialherren zur Strafe die Hände abgehackt wurden und die mutmaßlich fünf Millionen Schwarzen, die von den Kolonialherren ermordet wurden, fanden mit keinem Wort Erwähnung.

Am Samstag wurde das Museum nach fünfjähriger Renovierung wieder geöffnet. Die Besucher bekommen jetzt ein anderes Bild präsentiert. Die Leopold-II-Statue wurde aus dem Kuppelsaal, der dem Kolonialherren und seinem Tun huldigte, entfernt. Im Zentrum steht jetzt eine Skulptur des Künstlers Aimé Mpane, der in Brüssel und Kinshasa lebt, die das Profil eines Kopfes mit afrikanischen Gesichtszügen zeigt.

Der Mensch mit afrikanischen Wurzeln tritt in den Dialog mit den Statuen aus der Kolonialzeit. Und über den Namen der belgischen Männer, die als Kolonialherren gestorben sind, fällt nun buchstäblich ein Schatten. Der Künstler Freddy Tsimba projiziert auf die weißen Wände darunter Namen von Kongolesen, die zur gleichen Zeit in Belgien umkamen.

Darunter sind jene sieben Kongolesen, die hinter der Kirche von Tervuren begraben sind. Sie waren aus dem Kongo verschleppt worden und wurden 1897 bei der Weltausstellung in nachgestellten „afrikanischen Dörfern“ gezeigt und starben, nachdem sie sich im kühlen belgischen Sommer mit Erregern angesteckt hatten, die ihr Immunsystem nicht kannte. Auf Schildern wurden die Besucher damals aufgefordert, die Schwarzen „nicht zu füttern“.

Zeitgleich beginnt Belgien anders über seine Kolonialvergangenheit zu denken

Das für rund 70 Millionen Euro renovierte Museum, das jetzt über eine neue Eingangshalle und einen unterirdischen Tunnel betreten wird, und die Ausstellung sprechen eine deutliche Sprache zur Kolonialvergangenheit. Museumsdirektor Guido Gryseels sagt: „Der Kolonialismus kann nur als unethisches System verstanden werden.“ Gewalt und Ausbeutung in den Kolonien dürften nicht heruntergespielt werden.

„Wir distanzieren uns moralisch von der Politik, die Leopold II als Herrscher des Kongo-Freistaates betrieben hat.“ Das Museum zeigt Exponate, die Zeugnis ablegen von Sklaverei und Entrechtung, etwa Ketten, mit denen Afrikaner gefesselt wurden. Es gehören auch ungeheure Schätze afrikanischer Kunst dazu, etwa die hölzerne Liavela-Maske, die ein Tier darstellt. Die älteste Maske der Welt stammt aus dem achten oder neunten Jahrhundert.

Zeitgleich mit der Eröffnung des Museums beginnt Belgien, anders über seine Kolonialvergangenheit zu denken. Dieser Prozess setzt um Jahrzehnte später ein als etwa in Frankreich und Großbritannien. Dies hängt wohl auch damit zusammen, dass Belgien kaum Kongolesen ins Land ließ, als die Kolonie seine Unabhängigkeit erkämpft hatte. Paris und London vergaben in großer Zahl Einreisevisen. In Belgien lebten etwa im Jahr 2000 nur rund 20.000 Menschen mit afrikanischen Wurzeln, bei einer Gesamtbevölkerung von rund zehn Millionen. Der Kongo und die gemeinsame Geschichte waren also lange Zeit weit weg.

Auch in Belgien wird der Ruf nach Rückgabe von Kulturgütern laut

In Frankreich hat Präsident Emmanuel Macron eine Debatte über die Rückgabe von Kunstwerken angestoßen, die im Zuge der Kolonialisierung nach Frankreich entführt wurden. Auch in Belgien wird der Ruf nach Rückgabe von Kulturgütern laut. Im Africa-Museum wird eigens darauf hingewiesen, dass Exponate von Missionaren geraubt wurden, dass etliche Kunstwerke auch aus Schenkungen und Privatbesitz von Belgiern stammen und dass dabei die Herkunft vielfach ungeklärt ist.

Dazu laufen bereits Gespräche zwischen der Diasporagemeinde aus dem Kongo und dem Museum. Doch die Gespräche sind auch deswegen schwierig, weil die Beziehungen zwischen der heutigen Regierung im Kongo und Belgien zerrüttet sind. Der Direktor sagt: „Wir haben bisher noch keine offizielle Forderung auf Rückgabe von Kunstwerken bekommen.“

Im Land beginnt eine Debatte über die Denkmäler für Leopold II und andere Vertreter des Kolonialismus. Überall in Belgien sind noch Straßen nach ihnen benannt, es gibt unzählige Statuen für den König, der den Kongo als seinen Privatbesitz ausgepresst hat und für den Tod von Millionen von Afrikanern verantwortlich ist.

Zum Beispiel in Ostende an der Strandpromenade, wo Leopold von einem überlebensgroßen Reiterstandbild auf die Passanten herabguckt. Bambi Ceuppens, die Kuratorin der ständigen Ausstellung, hat dazu eine klare Meinung: „Jemand, der für Massenmorde verantwortlich ist, verdient es nicht, auf einem Podest zu stehen.“

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