Der Weg vom Alt- zum Neo-Hippie ist kurz

Zum Hedoné trafen sich Neo-Hippies im polnischen Debrznica. Foto: Hedoné /A.Schwarz
Neo-Hippies Warum der Trend zu „Make love, not war“ jetzt wieder kommt

In Woodstock jedoch dominierten weniger die großflächigen Blumenprints als schlichte weiße T-Shirts und Jeansschlaghosen. Im Haight-Ashbury-Viertel in San Francisco, das bald den Spitznamen „Hashbury“ bekam, mieteten sie sich in die historischen Häuser ein, die in den Nachkriegsjahren leerstanden und trieben die Gentrifizierung des Viertels voran. Auf einmal waren die Straßen voller Hanfläden, Kleinkunsttheater und Vollwertkostcafés. Heute zeichnet sich das Viertel durch Sneakershops und Vintageläden aus.

Hört sich bekannt an? Der Weg vom Original- zum Neuhipster, vom Alt- zum Neo-Hippie ist kurz, trotz eines halben Jahrhunderts Abstand.

Die Blumenkränze und der Hang zu knalligen Farben kamen in der Technokultur der 90er kurzzeitig wieder auf, nur, dass die Sonnenblumen jetzt zu harten Elektro-Beats wippten. Im neuen Jahrtausend nahm dann die Burner-Bewegung Fahrt auf, zunächst beim Burning Man-Festival. Aussteiger fahren inzwischen von überall auf der Welt mit bunten Vans los, nach Kalifornien oder ins Brandenburgische, um eine Utopie des abgeschiedenen Gemeinschaftslebens und der kollektiven Kunst aufzubauen, wie einst die Hippies.

Dafür bedienen sie sich bis heute modisch bei ihren Vorgängern: Lange Baumwollwesten umrahmen nackte Brustkörbe, auf denen großteilige Holzperlenketten ruhen, durchsichtige Maxiröcke und Wildlederbustiers mischen sich mit Cyberpunk- und Renaissance-Elementen wie Schweißerbrillen und Reifröcken.

Die Hippies von einst können sich nur wundern

Der Neo-Hippie hat also Lust auf Kindergeburtstag und Rückkehr in die Natur. Möglichst bunt und verspielt muss es zugehen, dabei unbedingt ästhetisch oder eben „instagrammable“, Instagram-tauglich. Dass diese Bilder, für ein Publikum gemacht werden, darüber kann auch der versunkene Gesichtsausdruck auf dem Foto vom Kopfstand beim Abendyoga am thailändischen Strand nicht hinwegtäuschen. Einfach hängen lassen ist nicht, unrasierte Achselhöhlen sieht man selten beim Coachella in Kalifornien, dem Berliner Burn-Ableger Kiezburn oder dem polnischen Garbicz-Festival. Glitzer und Körperbemalung sind stets sorgsam aufgetragen. Zu einem Festival nimmt ein Burner leicht zwei Outfits pro Tag mit und reist um die halbe Welt. Besonders nachhaltig ist das nicht, dafür sind die Kondome der Marke Einhorn bio und vegan.

„Eigentlich geht es den Neo-Hippies überhaupt nicht um materielle Werte – sie brauchen keine Rolex und kein Auto“, sagt die Zukunftsforscherin Papasabbas. Wichtig seien der Zielgruppe immaterielle Werte wie Erlebnisse und Gemeinschaft. „Aber sie sind auch bereit, viel Geld für diese Erlebnisse auszugeben und verfallen dann in Konsummuster, die sie eigentlich ablehnen.“ Neo-Hippies sind für die Marktforschung auch deshalb so interessant, weil sie einen hohen Bildungsstand und eine hohe Kaufkraft haben und eine schnell wachsende Gruppe sind. Über sechs Millionen soll es in Deutschland bereits geben, ergab die Lebensstil-Analyse des Zukunftsinstituts.

Die Hippies von einst können sich über diesen Lebensstil nur wundern. Die Autorin Rhiannon Lucy Cosslett beschreibt im „Guardian“ ihre Kindheit als Tochter gemäßigter Hippies und ihren Leidensweg, wenn es mal wieder nur Hummus auf dem Pausenbrot gab. Sie erinnert sich an unmodische Klamotten aus der Kleiderkette und einen sparsamen Lebensstil mit Linsen-Großpackungen und Eingemachtem in der Speisekammer.

Davon unterscheiden sich die Fashion-Hippies von heute schon. Zwar sind Kleiderkreisel und Flohmärkte wieder in Mode, genauso wie Weckgeschirr und veganes Essen. Der Paleo-Dattelriegel kommt aber meist aus der Bio-Bäckerei, die Marmelandengläser sind dekorative Limo-Gefäße, und zum Kleidertausch werden die Stücke gegeben, die man bei der letzten Party bereits präsentiert hat. Auch mit Befreiung von Konventionen haben die knappen Bodys und durchsichtigen Blusen nicht mehr viel zu tun.

Was bleibt, ist die Sehsucht nach dem Sommernachtstraum

Der Einfluss von sexpositiven Partyreihen und Clubs wie dem Berliner KitKat zeigt sich im Stil der Neo-Hippies. Zwar sieht man auf den Festivals auch den typischen Rastaträger in Pumphose. Und die Seminare zu Konsens bei Orgien, Techniken zum Beckenbodentraining mithilfe von Halbedelsteineiern und dem Verhältnis zur eigenen Gebärmutter leisten sicher einen Beitrag zum bewussteren Miteinander und zur besseren Kommunikation in der freien Liebe. Im Gegensatz zu den Alt-Hippies geht es den Kindern der Blumenkinder aber eher um alternative Lebensentwürfe als um Rebellion gegen konkrete Gruppen oder Personen. „Auch wenn sie nur am Rande der Party stattfinden – Werte wie Nachhaltigkeit und Anliegen wie der Kampf gegen den Klimawandel oder den globalen Wachstumskapitalismus liegen den Neo-Hippies am Herzen“, sagt Papasabbas. Zumindest den Anspruch teilen sie mit ihren Vorgängern.

Die Nacht dauert lang bei der Hochzeit im Zauberwald, es ist schon längst wieder hell, als sich die letzten Gäste zusammen in die Betten kuscheln. Das Aufwachen und die Abfahrt am nächsten Morgen sind grausam. Je näher der Bus von der Hochzeit Berlin kommt, desto weniger wollen die Gäste die Verbundenheit der vergangenen Nacht loslassen. Zu Hause warten Termindruck, müffelnder öffentlicher Nahverkehr und ein heraufziehender Herbst.

Es bleibt die Sehnsucht nach einer warmen, fürsorglichen Parallelwelt, in der es jedem frei steht, halbnackt herumzulaufen und elfengleich durch den Wald zu hüpfen. Auch wenn der Sommernachtstraum, wie bei Shakespeare, durch Liebesnektar angetrieben wird und nur ein vorübergehender ist – ein wenig Ringelreigen im Wald ist vielleicht nicht das schlechteste Mittel gegen die Kälte.

Foto: imago/Westend61 Vergrößern
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