Das Lesen wird als soziales Erlebnis beworben

Rauchen gestattet. Lesungen sind heute keine reine Buchpräsentationen mehr, sondern Events. Illustration: Irvandy
Nachtlesungen Warum Literaturevents das neue Ausgehen sind

Die schätzen auch viele Schriftsteller. Lucy Fricke, 43, schwarze Locken, die beim Writers’ Thursday aus ihrem neuen Roman „Töchter“ liest, erzählt, dass sie gerne mit anderen zusammen auftritt. Alleine von Lesung zu Lesung durch die Republik zu pendeln, könne sich auch einsam anfühlen. „Eigentlich wäre ich lieber eine Band“, sagt sie.

Die meisten Gäste des Writers’ Thursday gehören ziemlich genau zu der Altersgruppe, die sich am stärksten vom Buch abgewendet hat: Sie sind zwischen Mitte 20 und Ende 50. Hier hören sie sich sechs Lesungen hintereinander an und können sich gleich austauschen. Eine Besucherin sagt: „Das Beste ist, dass jeder nur so kurz liest. Wenn einem ein Autor nicht gefällt, ist es jedenfalls schnell überstanden.“

Eine wachsende Zahl von Verlagen bewirbt das Lesen als soziales Erlebnis. Sie haben Internetportale gestartet, die Buchfreunde mit Lesekreisen in ihrer Nähe vernetzen und stellen Material für die Literaturzirkel bereit. Die Literaturkritikerin Sandra Kegel fragte sich in der „FAZ“ schon, ob die Leute die Einsamkeit beim Lesen nicht mehr aushielten.

Dass Veranstalter das klassische Format der Dichterlesung zunehmend an den Haken hängen, ruft auch Kritik hervor. Kulinarische Lesungen, Beachclubs in Buchhandlungen, „literarische Speeddates“ (Kurzbegegnungen mit Autoren) – Kulturpessimisten gefällt das gar nicht.

Menschen suchen vermehrt flüchtige Gemeinschaften

Der Emotionssoziologe Christian von Scheve erklärt, geteilte Emotionen seien grundlegend für ein Gefühl von Zugehörigkeit. Über sie könne man sich vergewissern, einem bestimmten Kreis anzugehören. Das sei auch deswegen wichtig, weil sich das Bedürfnis, sozial eingebunden zu sein, für viele heute nicht mehr in Familie, Verein oder Kirchengemeinde erfülle. Stattdessen suchten Menschen vermehrt flüchtige Gemeinschaften, die nicht fest umrissen seien und nur unregelmäßig zusammenkämen. Solche „situativen Kollektive“ bildeten sich beispielsweise auf Festivals und könnten ähnlich identitätsstiftend wirken wie eine Subkultur.

Der Schriftsteller und Musiker Thorsten Nagelschmidt, 42, Rufname Nagel, kennt solche Momente auch: „Wenn da jemand mit einer geilen Lache in der fünften Reihe sitzt, steckt das die anderen an“, sagt er. Der frühere Sänger der Punkband Muff Potter veranstaltet seit einem Jahr die „Lese- und Labershow“ Nagel mit Köpfen in der Fahimi Bar am Kottbusser Tor.

Die Bar liegt im ersten Stock, ihre bodentiefen Fenster lehnen sich so tief in die Stadt, dass man noch die Richtungsanzeige der U1 lesen kann, die hier gewöhnlich im Minutentakt vorbeirauscht. Drinnen dominieren die riesige Theke und Sichtbeton, auch hier wird noch geraucht.

Die Labershow will keine Messe der Hochkultur sein

Wenn Autoren wie Thomas Klupp oder Friedemann Karig bei Nagelschmidt lesen, ist der Laden meistens voll. Eine Einladung braucht keiner. Die Labershow will keine Messe der Hochkultur sein. Nagelschmidt trägt ein schwarzes T-Shirt zum schwarzem Jackett, seine Arme sind tätowiert. „Ich sehe das mehr wie ein Konzert. Es geht mir um Abendunterhaltung“, sagt er. Auch wenn Entertainment in Deutschland ein schwieriger Begriff sei und schnell als flach gelte: Er wolle die Idee wieder positiv besetzen.

Und aufräumen mit dem Eindruck, dass man am besten Literaturwissenschaft studiert haben sollte, wenn man zu einer Lesung geht. Er komme selbst nicht aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus und habe erst relativ spät angefangen, Bücher zu lesen, erzählt Nagelschmidt.

Lesungen hätten aber immer noch diesen Nimbus, als seien sie nur für einen Kreis von Auskennern und würden in autoritären Sälen präsentiert, so sagt er das. Meint: imposante Bühne, 1000 Watt Beleuchtung, hochtrabendes Gespräch. Ihn habe das lange abgeschreckt. „Man fühlt sich gleich unwohl, will kein Geräusch machen, darf sich nicht unterhalten.“

Nagel findet, dass die Gäste Spaß haben dürfen. Bei seiner eigenen Veranstaltung geht die erste Frage auf der Bühne nicht an den Autor, sondern an das Publikum. „Habt Ihr alle was zu trinken?“ Sein eigenes Weinglas steht vor ihm.

Viele bleiben nach der Lesung an der Bar hängen

An einem Abend im September liest Thomas Klupp aus seinem Roman „Wie ich fälschte, log und Gutes tat“. Zwischen den einzelnen Passagen unterhält sich Nagelschmidt mit dem Schriftsteller – über das Buch, klar, aber am liebsten kommt er im Gespräch „von Höcksken auf Stöcksken“. So sagt es Nagelschmidt, der seit fast zehn Jahren in Berlin lebt, aber in Westfalen aufgewachsen ist.

Bei ihm spielen auch kulturelle Randgebiete wie Amazon-Kundenrezensionen eine Rolle. Am liebsten liest er jene vor, die seinen Autoren nur zwei Sterne vergeben. Über Thomas Klupps Roman resümiert einer: „Das war irgendwie nix!“ Nagelschmidt klickt sich weiter durch und trägt vor, was derselbe User sonst noch rezensiert hat. Eine Spielzeug-Hasenfamilie zum Beispiel („riecht streng“) und ein Ballett-Tutu („läuft beim Waschen ein“).

Dann fährt die Musik hoch, die Lesung ist beendet, aber viele bleiben noch an der Bar hängen. Vor allem an dem Abend, als Friedemann Karig sein Buch „Wie wir lieben: Vom Ende de Monogamie“ präsentiert hat. Daran war das Publikum offensichtlich nicht nur theoretisch interessiert. „Da wurden viele Blicke getauscht, es lag so in der Luft: Ach, du interessierst dich für das Thema? Bist du vielleicht in einer offenen Beziehung, kann ich da noch irgendwie mitmachen?“, erzählt Nagelschmidt. „Ich dachte schon, der Abend wird noch zur Swingerparty.“

Auch Rainer Schmidt will eines auf keinen Fall bei seinem Writers’ Thursday: eine Stimmung wie beim Kommunionsunterricht. Für das nächste Jahr plant er bereits ein Writers’-Thursday-Festival. Dafür will er diejenigen Autoren, die auch Musik machen, mit ihren Bands einladen.

Wenn alles klappt, kann sich das Line-up sehen lassen. Schmidt hat ein Faible für Multitalente. Neben Sven Regener haben schon Flake von Rammstein, Tobias Bamborschke von Isolation Berlin, Thees Uhlmann von Tomte und Frank Spilker von den Sternen bei Schmidt gelesen.

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