Florian Kosmowski (23) vor seinem Lkw. Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP
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Mit einem Trucker durch Deutschland Ein Leben neben der Überholspur

Stress, Stau – und Sonnenuntergang über dem Rastplatz Münsterland. Trucker Florian Kosmowski liebt seinen Job. Doch der Branche droht der Kollaps.

Nach 12 Stunden und 59 Minuten, 7 Tassen Kaffee und 13 Kippen endet der Arbeitstag von Florian Kosmowski im Industriegebiet von Münster. 9 Stunden und 13 Minuten hat er davon hinterm Lenkrad verbracht, 639 Kilometer quer durch Deutschland. Jetzt ist er hier am Etappenziel. Fabrikhallen, auf einer verdorrten Wiese hoppeln zwei Kaninchen. Keine Dusche, kein Klo, keine Küche, kein Shop.

Kosmowski bleibt gelassen. Zum Waschen reiche der Wasserkanister, im kleinen Kühlschrank hat er noch belegte Brötchen und Bier, gleich spielt sein HSV gegen Nürnberg. „Was will man mehr?“, sagt er und zieht den Zündschlüssel.

Viele Kilometer und Stunden zuvor: Kosmowski lenkt seinen schwarzen Lkw auf das Gelände der Logistikfirma Trans Express im Norden Berlins und klettert flink die vier Stufen aus seiner Kabine herab. Mit dem Klischee eines Fernfahrers – Plauze, Feinrippunterhemd und Adiletten – hat der junge Mann so gar nichts zu tun. Kosmowski trägt rote Sneaker, die Haare frisch gegelt, seine Waden verraten den Fußballer, der er in seiner Freizeit ist.

Alles im Blick. Florian Kosmowski, 23, verbringt fünf Tage in der Woche in seiner drei Quadratmeter kleinen Fahrerkabine. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Alles im Blick. Florian Kosmowski, 23, verbringt fünf Tage in der Woche in seiner drei Quadratmeter kleinen Fahrerkabine. © Doris Spiekermann-Klaas

Der 23-Jährige macht einen Job, den immer weniger machen wollen. Er ist einer von 600 000 Fernfahrern, die täglich auf Deutschlands Straßen unterwegs sind. Doch die enorme Zahl täuscht. Im Durchschnitt sind Kosmowskis Kollegen 55 Jahre alt. Schlechte Bezahlung – je nach Bundesland verdienen Fahrer nur 2000 Euro brutto – und lange Arbeitstage haben dazu geführt, dass die Branche keinen Nachwuchs mehr findet. Unlängst beklagte der Bundesverband Spedition und Logistik, Deutschland würden rund 60 000 Lkw-Fahrer fehlen. Weil jedes Jahr rund 30 000 Fahrer in den Ruhestand gehen, aber nur 15 000 neue ausgebildet werden, stehe man „kurz vor dem Versorgungskollaps“, warnte der Verband. In einem Land, in dem immer mehr Güter im Netz bestellt werden, die über die Straße müssen, wollen sich immer weniger hinters Steuer setzen.

150 000 Kilometer im Jahr – fast vier Mal um den Globus

Dabei ist Kosmowski längst nicht nur Taxifahrer für Güter. Nach einer Tasse Kaffee auf dem Firmengelände fährt er ein paar Kilometer zum ersten Kunden in Neuenhagen bei Berlin. Hier lädt er leere, hölzerne Kabeltrommeln ab und bekommt neue, volle Kabeltrommeln aufgeladen. Kosmowski legt selbst Hand an, löst die Plane und Spanngurte, navigiert den Gabelstaplerfahrer, sichert die Ladung und kontrolliert die Vollständigkeit der Ware. Rund eine Stunde lädt der Gabelstapler die teils über zwei Tonnen schweren Kabeltrommeln auf. Manchmal, wenn mehrere Lkws gleichzeitig eintreffen, dauert es auch drei Stunden. Für Kosmowski wertvolle Arbeitszeit.

Ab- und Aufladen gehört zur Arbeitszeit von Kosmowski. Manchmal dauert es drei Stunden. Foto: Felix Hackenbruch Vergrößern
Ab- und Aufladen gehört zur Arbeitszeit von Kosmowski. Manchmal dauert es drei Stunden. © Felix Hackenbruch

„Mit dem kann man sich auch mal unterhalten“, sagt die Frau, die Kosmowski die Frachtpapiere überreicht. Im Hintergrund erklärt ihr Kollege einem polnischen Fahrer mit Zeichensprache, wo er den Lkw parken solle.

Die Logistik-Branche teilt sich in drei Bereiche auf. Das klassische Bild eines Lkw-Fahrers ist das aus dem internationalen Fernverkehr. Hier werden die Waren tagelang quer durch Europa gefahren. Tomaten aus Südspanien nach Norwegen, Gütercontainer von Hamburg nach Marseille. Den Gegensatz bildet der Nahverkehr. Dabei sind die Fahrer fast nie länger als einen Tag unterwegs, transportieren Post oder Lebensmittel von den großen Lagern zu den einzelnen Supermärkten. Und dann gibt es den nationalen Fernverkehr – das Metier von Kosmowski und seinem Arbeitgeber. Über eine Börse nehmen sie kurzfristig Aufträge an, vermieten Teile der Ladeflächen und stellen Touren zusammen. So kommt es, dass Kosmowski mal nach Süddeutschland fährt, mal nach Hamburg, mal ins Ruhrgebiet. Mal fährt er Erdnüsse, mal Stahl. Auf 150 000 Kilometer hat er es 2018 gebracht – fast vier Mal um den Globus. Tagsüber auf der rechten Spur, nachts auf zwielichtigen Rastplätzen. Ein Leben in der drei Quadratmeter kleinen Fahrerkabine.

Ohne ihn und seine Kollegen würde in Deutschland gar nichts laufen

Die von Florian Kosmowski ist schlicht eingerichtet, nur wenige persönliche Gegenstände hat der Neuruppiner dabei. Ein paar Kuscheltiere, zwei Polaroid-Fotos, eines zeigt seine Freundin. Eine HSV-Tasse, an der Frontscheibe steht ein Miniatursegelschiff. Teppichboden, Bett und Armaturenbrett sind gewissenhaft sauber, zwei rote Duftsprays stehen im Regal über dem Fahrersitz. An der Treppe zur Beifahrertür hat er zwei holländische Holzpantoffeln montiert, dazu ein Schild: „Doe je schoenen uit.“ Zieh die Schuhe aus! „Ich habe da einen kleinen Fimmel“, sagt Kosmowski, der aus den Arbeitsstiefeln schlüpft, sobald er in den Lkw steigt.

Ein Segelboot, Würfel, Duftspray - und ein Foto des verstorbenen Vaters. Die Kabine von Kosmowski. Foto: Felix Hackenbruch Vergrößern
Ein Segelboot, Würfel, Duftspray - und ein Foto des verstorbenen Vaters. Die Kabine von Kosmowski. © Felix Hackenbruch

Heute geht es mit den Kabeltrommeln nach Münster. Wie so viele Fahrer ist auch Kosmowski überzeugt: Ohne ihn und seine Kollegen würde in Deutschland gar nichts laufen. „Alle wollen die Lkws von der Straße, aber weiterhin einen vollen Kühlschrank haben“, sagt er.

Dass Lkw-Fahrer nicht den besten Ruf genießen, ist ihm bewusst. Elefantenrennen, Unfälle, Müll an Raststätten – Kosmowski kennt die Vorurteile. „Ich habe schon Fahrer gesehen, die während der Fahrt Würstchen auf dem Kabinengrill gewendet haben.“ Andere beobachte er beim DVD-Schauen oder Handyspielen. Trotzdem ärgert er sich über fehlendes Verständnis. Ab einem Geschwindigkeitsunterschied von drei Stundenkilometern überhole er andere Lkws, denn auf die Woche gerechnet mache das bis zu 150 Kilometer mehr aus. „Die wenigsten machen sich über den Job Gedanken, dabei ist es ein Beruf, den jeder braucht – wie Krankenschwester, Lehrer oder Bauarbeiter.“

Warum tut sich ein 23-Jähriger das an? „Ich habe Blut geleckt“, sagt Kosmowski, als er wenig später den nun zu drei Viertel beladenen Sattelschlepper auf den Berliner Ring steuert. Seine halbe Familie fährt Truck. Onkel und Cousin Lkw, sein Schwager Bus. Vor allem sein Vater, der im vergangenen Jahr gestorben ist, hat in ihm die Faszination für die Fahrzeuge mit zwölf Gängen, 40 Tonnen Gewicht und 1000-Liter-Tank geweckt.

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