Ikone ihrer Zeit. Nach Queen Victoria, hier gespielt von Gisela Salcher, wurde eine ganze Epoche benannt. Foto: Thomas Beckmann
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Victoria's Secret Sex, please!

Manfred Riepe

"Zwischen Lust und Pflicht": Eine Arte-Dokumentation über Queen Victoria retuschiert das Bild der prüden Herrscherin.

Die viktorianische Epoche gilt als Inbegriff von Spießigkeit und Prüderie. Doch wie steht es um die Königin selbst, nach der dieses Zeitalter benannt wurde? Eine Arte-Doku bürstet die Biografie der britischen Monarchin gegen den Strich.

Am 24. Mai jährt sich der Geburtstag von Alexandrina Victoria of Kent zum 200. Mal. Andrea Oster, Fernsehautorin und Historikerin, nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, um die Geschichte der legendären Königin aus einer etwas anderen Perspektive aufzurollen. Gemeinhin gilt Victoria ja als zurückgezogene und verkniffen dreinblickende Matrone. Ihr Vater hatte keinen männlichen Nachfahren, und so bestieg sie schon mit 18 Jahren den Thron. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1901 herrschte Victoria über 500 Millionen Menschen – das größte Weltreich in der gesamten Historie.

Die Frau, die bereits zu Lebzeiten einer Ära ihren Namen gab, verkörperte selbst alles andere als jene bürgerlichen Konventionen der viktorianischen Epoche. Über Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, den sie mit 20 heiratete, notiert sie nach dem ersten Treffen in ihr Tagebuch: „Er hatte weiße Marinehosen an und nichts drunter.“ Neun Kinder mit Prinz Albert bezeugen lebhaftes Interesse an diesem „nichts drunter“. Victoria liebte Sex – aber nicht die Folgen. Als gute Mutter hat sie sich nicht hervorgetan. Nach Alberts frühem Tod hatte Victoria eine lebhafte Affäre mit ihrem Stallmeister. Beide haben „gelacht und Whiskey getrunken“. Victoria ist sogar betrunken die Palasttreppe hinuntergefallen.

Die frivole Königin

Die Dokumentation zeichnet das Bild einer frivolen Königin aus der Schlüssellochperspektive. Für Kernfragen ihrer Zeit wie Kinderarbeit und die Armut ihrer Untertanen interessierte Majestät sich zunächst gar nicht. Sie war sogar gegen das Frauenwahlrecht. Erst mit dem lauter werdenden Ruf nach Abschaffung der Monarchie begriff Victoria, dass soziales Engagement förderlich für das angeknackste Image ihres kostspieligen Hofstaates sein könnte. Victoria wird sich radikal verändern. Doch der Wandel von einer weltabgewandten Angehörigen einer funktionslosen Herrscherklasse hin zur modernen, weltoffenen Repräsentantin des Empires vollzieht sich vor diesem Hintergrund.

Mit Blick auf die etwa zeitgleiche Erfindung der Fotografie setzt die Dokumentation hier neue Akzente: Es war Victorias Gatte Albert, der es verstand, das neue Medium entscheidend zu nutzen. Albert inszenierte das staatstragende Image der steifen Victoria. Vor der Kamera wurde sie zur brav-biederen Gattin, die auf den Fotos von ihm als buchstäblichem Familien-„Oberhaupt“ überragt wurde – obwohl Albert als Prinzgemahl nur die zweite Geige spielte. Diese Fotografien wurden massenhaft verkauft und zierten fortan die Wohnstuben der Untertanen. Das heutige Bild Victorias, so die Pointe der Doku, basiert auf einer Vorform dessen, was man als Fake News bezeichnet.

Zitate aus "Assassin's Creed"

Neben diesem medienhistorisch bedeutsamen Umbruch setzt die Dokumentation formal auf konventionelles Reenactment. Die TV-Darstellerin Franziska Singer schlüpft in die Rolle der aufmüpfigen jungen Victoria, die als reife Frau von Gisela Salcher verkörpert wird. Bildzitate aus dem populären Computerspiel „Assassin's Creed“, die das Zeitkolorit der viktorianischen Epoche sinnlich nachvollziehbar machen sollen, muten aber eher steril an. Sehenswert ist „Zwischen Lust und Pflicht – Queen Victoria“ aber dennoch. Die Dokumentation rückt das Bild der vermeintlich viktorianischen Victoria zurecht. Man erahnt so, dass diese lebenslustige Queen durch ihre Medienpräsenz und die später forcierten Charity-Aktivitäten der Popularität der heutigen Royals den Weg ebnete. Manfred Riepe

„Zwischen Lust und Pflicht – Queen Victoria“, Arte, Samstag, 21 Uhr 45

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