Paul Blobel war der Leiter des Kommandos 1005. Nach dem Krieg wurde er 1948 im Einsatzgruppen-Prozess in Nürnberg zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet. Foto: Wikimedia
© Wikimedia

Sonderkommando 1005 der NS-Besatzer in der Ukraine Der doppelte Mord

Die Arte-Dokumentation „NS-Geheimkommando 1005“ schildert, wie die Nazis ihre Gräueltaten in der Ukraine zu vertuschen suchten.

Während in der Ukraine ein neuer Krieg begonnen hat und neue Massengräber gefunden werden, sind die Spuren der alten Verbrechen noch gar nicht alle gesichert. Allein in der Ukraine, die damals Teil der Sowjetunion war, wurden während des Zweiten Weltkriegs 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Viele von ihnen starben bei Massenerschießungen durch deutsche Einsatzgruppen, allein in Babyn Jar, einem Tal auf Kiewer Stadtgebiet, wurden innerhalb von 48 Stunden 33 000 Menschen erschossen. Viele der dort und an vielen anderen Orten in Gruben verscharrten Leichen wurden später vom Sonderkommando 1005 der NS-Besatzer wieder ausgegraben und verbrannt. Die Juden und Zwangsarbeiter, die gezwungen wurden, diese Arbeit zu verrichten, wurden als unliebsame Zeugen bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls getötet.

[Alle aktuellen Nachrichten zum russischen Angriff auf die Ukraine bekommen Sie mit der Tagesspiegel-App live auf ihr Handy. Hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen.]

Bis heute sammeln Historiker und Menschenrechtsaktivisten Augenzeugenberichte und Belege für die NS-Verbrechen in der Ukraine, wie Ingolf Gritschneder in der Arte-Dokumentation „NS-Geheimkommando 1005“ berichtet. Der Autor begleitete Teams der Pariser Organisation „Yahad – In Unum“ (hebr.-lat.: „Zusammen – in einem“), die die greisen Augenzeugen in den Dörfern aufspüren und die Tatorte lokalisieren, sowie den Hamburger Rüdiger Schallock, dessen Großvater Walter Schallock sowohl für Erschießungen als auch für deren Vertuschung als Mitglied des Sonderkommandos 1005 verantwortlich war. Der Enkel hat die Geschichte seines Großvaters in der Ukraine akribisch recherchiert. „Die Wunde heilt nie“, sagt Rüdiger Schallock.

[„NS-Geheimkommando 1005“, Arte-Mediathek]

Gleichzeitig hat der Film angesichts des inzwischen erfolgten Angriffs der russischen Armee auf die Ukraine eine makabre Bedeutung gewonnen. Gritschneder drehte Ende 2021 unter anderem in der Hauptstadt Kiew und in Lwiw, dem ehemaligen Lemberg. „Der Film zeigt ein Land, das es so nie wieder geben wird“, heißt es auf einer Schrifttafel zu Beginn. Die Bilder aus dem ukrainischen Noch-Frieden bilden im Kopf des Betrachters einen krassen Kontrast zum aktuellen Kriegsgeschehen, während die Archivaufnahmen aus den 1940er Jahren der Gegenwart näher scheinen. Eine Gleichsetzung des Holocausts mit den mutmaßlichen Kriegsverbrechen der russischen Invasoren lässt sich daraus natürlich nicht ableiten, zudem ist der aktuelle Krieg in Gritschneders Film gar kein Thema. Aber wenn man denn beide historischen Ereignisse verknüpfen möchte, dann wohl durch die Erkenntnis, dass die Aufklärung von Kriegsverbrechen möglichst schnell erfolgen sollte.

Und so sammelt auch „Yahad – In Unum“ bereits Zeugenaussagen von den aktuell begangenen Kriegsverbrechen. Der von dem katholischen Priester Patrick Desbois 2004 gegründete Verein hat etwa zwei Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus aller Welt. Desbois veröffentlichte 2008 ein Buch über die Massenerschießungen der Einsatzgruppen („The Holocaust by Bullets“; 2009 in Deutschland erschienen unter dem Titel: „Der vergessene Holocaust“, Berlin Verlag). Nach Angaben Gritschneders hat „Yahad – In Unum“ mittlerweile fast 2000 Tatorte identifiziert. Und Umansky erklärt, die Reaktion vieler Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sei: „Wieso kommt ihr erst jetzt?“ Das ist auch der blinde Fleck in Gritschneders Film: Wieso bedarf es 80 Jahre nach den Massenmorden des Engagements eines Vereins, um ein genaueres Bild zu erhalten? Hat die historische Forschung – auch die in Deutschland – nicht gründlich genug recherchiert? Wie stand es um den Aufklärungswillen in der Sowjetunion und später in der Ukraine?

Verbrechen akribisch vertuschen

Ein Grund ist der (nur zum Teil gelungene) Versuch der Nazis, die eigenen Verbrechen ebenso akribisch zu vertuschen, wie sie sie generalstabsmäßig geplant hatten. Schriftliche Dokumente zum Geheimkommando 1005 wurden vermieden, die Quellenlage ist entsprechend dünn. Der Berliner Historiker Andrej Angrick, Autor des Buchs „Aktion 1005“ (Wallstein, 2018), spricht im Film von lediglich 20 Dokumenten. Zeugnis ablegen konnten nur die wenigen, denen die Flucht gelungen war, darunter Leon Wells (ehemals Weliczker).

Hauptverantwortlich für die Aktionen war Paul Blobel. Der in Remscheid aufgewachsene Architekt war mit dem Kommando beauftragt worden. „Ein Mann aus dem Bürgertum“, wie die Remscheider Stadtarchivarin Viola Meike etwas fassungslos sagt. 1948 wurde Blobel im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet.

Zur Startseite