Jule Jank gehört neben Uri Zahavi, Nadine Heidenreich und Tom Garus zum Moderationsteam von „schön + gut“. Das Format wird sukzessive umgebaut. Foto: Thomas Ernst/RBB
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RBB-Programmdirektor im Interview „Wir können uns nicht täglich neu erfinden“

Das RBB-Fernsehen kämpft um Akzeptanz und Quote. Programmchef Schulte-Kellinghaus über Gründe und Abhilfe.

Herr Schulte-Kellinghaus, die Einstellung des TV-Formats „Zuhause in Berlin und Brandenburg“ – kurz Zibb – hat nicht so gefruchtet, wie es sich die RBB-Führung erhofft hat. Seither sind die Freien in Aufregung und die Quoten deutlich schlechter geworden. Da möchte man die Entscheidung lieber rückgängig machen, oder?
Was ich am liebsten möchte? Ich möchte am liebsten erfolgreiches Programm machen: Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen Sendungen entwickeln, die die Menschen begeistern und für die man gerne arbeitet. Nah an den Menschen, modern und spannend. Da sind wir mit der Sendestrecke im Vorabend offensichtlich noch nicht angekommen. Aber das Schöne am Fernsehen ist: Man bekommt mit jedem neuen Sendetag eine neue Chance, die Menschen zu faszinieren. Wir können uns nicht täglich neu erfinden, aber kontinuierlich für die Zuneigung der Zuschauerinnen und Zuschauer arbeiten. Und das tun wir. Dieser Blick hilft bei der Frage, wo wir besser werden müssen, was unser Publikum sucht, und wir bei „schön+gut“ stärker anbieten können: mehr Abwechslung und mehr Geschichten aus Berlin und Brandenburg. Da wollen wir hin.

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Zu den Ängsten der freien Mitarbeiter, die gerade für einen erweiterten Bestandsschutz kämpfen: Was wollen Sie tun, um diese Auseinandersetzung zu beenden, die mit Warnstreiks und Programmeinschnitten einhergeht?
Aufeinander zugehen. Miteinander reden. Kompromisse finden.

Zum Programm: Vor allem „schön+gut“ funktioniert nicht wie erhofft. Jetzt soll nachjustiert werden. Wie genau soll das aussehen?
Wir geben die thematische Fokussierung pro Wochentag wieder auf und mischen die Servicethemen, denn das Leben ist bunt. Wir werden also thematisch überraschender werden. Außerdem drehen wir für jede Sendung eigene Geschichten aus Berlin und Brandenburg, und stellen die Menschen und die Region in den Mittelpunkt.

Verantwortung für "schön+gut"

„schön+gut“ war Ihre Idee?
Die Rahmenbedingungen für die Sendung habe ich gesetzt, die Kolleginnen und Kollegen haben das Format während des letzten Jahres mit dem Sendungstitel und allem Drum und Dran konzeptioniert. Das war eine intensive kreative Arbeit. Im Herbst habe ich mir die Ergebnisse angeschaut und gesagt: So machen wir das.

Das Sparverdikt, das ja einen erheblichen Anteil am Umbau des Vorabend-Programms hatte, bleibt aber bestehen. Wie soll der Ausgleich zwischen Sparen und wieder mehr eigenen Beiträgen aus der Region klappen?
Im Moment wollen wir erstmal die Sendung so attraktiv wie möglich machen. Wie wir das im Gesamtbudget abbilden, müssen wir mittelfristig klären. Jetzt steht das Gelingen des Programms im Fokus.

Nicht zuletzt aus Geldgründen wird in der Sommerpause weder „schön+gut“ noch „Studio 3“ gesendet. Stattdessen werden Wiederholungen ausgestrahlt. Auf welche Kritik der Zuschauer und Beitragszahler stellen Sie sich ein?
Es geht um sechs Wochen im Sommer, in denen das Sehverhalten ja ohnehin etwas anders ist. Vom 11. Juli bis 19. August werden wir werktags von 18.15 bis 18.45 Uhr Reportagen aus Berlin und Brandenburg senden. Wir mischen neu gedrehte Geschichten mit Publikumslieblingen, das mit den Wiederholungen stimmt also nur teilweise. Um 18.45 strahlen wir die tagesaktuelle Ausgabe von Brisant aus. Um 19.30 Uhr sind wir dann wieder im Regelprogramm mit täglich neuen Ausgaben der „rbb24 Abendschau“ und „rbb24 Brandenburg aktuell“. „schön+gut“ und „Studio 3“ starten wieder ab dem 22. August.

Weitere Erfolge

„Abendschau“ und „Brandenburg aktuell“, die „Schicksalsjahre“, Kurt Krömer – es gab und gibt auch sehr erfolgreiche Fernsehformate. Viele sind es aber nicht.
Ich kann die Aufzählung locker fortsetzen zum Beispiel mit „Super.Markt“, „Geheimnisvolle Orte“, „Studio 3“, „Wieprecht“ oder „Warten auf’n Bus …“ und jetzt habe ich noch immer nicht alle tollen Kolleginnen und Kollegen und ihre Sendungen erwähnt… wir entwickeln laufend neue Ideen und werden davon einige im zweiten Halbjahr zeigen.

Das RBB-Fernsehen liegt unter den ARD-Dritten wieder auf dem letzten Platz. Ist das ein Naturgesetz oder Reflex ungenügender Programmarbeit?
Das ist vor allem ein sportlich spielerischer Wettbewerb der Programmplaner der Dritten Programme. Für den einzelnen Zuschauer ist es ja völlig egal, ob zusammen mit ihm 5,9 Prozent oder 8,4 Prozent des Fernsehmarktes die jeweilige Sendung schauen. Für das Publikum zählt nur: Ist die Sendung, die ich gerade schaue, gut oder schlecht. Schaue ich weiter? Oder schalte ich um? Für die Macherinnen und Macher sind Marktanteile aber ein Anhaltspunkt, wie viele Menschen man mit den vorhandenen Ressourcen erreichen kann. Aber allen Profis ist klar, dass die Grundvoraussetzungen unter den Dritten völlig verschieden sind.

Jan Schulte-Kellinghaus leitet seit 2017 die Programmdirektion des Rundfunk Berlin-Brandenburg. Foto: RBB/Gundula Krause Vergrößern
Jan Schulte-Kellinghaus leitet seit 2017 die Programmdirektion des Rundfunk Berlin-Brandenburg. © RBB/Gundula Krause

Inwiefern?
Nehmen Sie nur den WDR: Das Leben am Rhein und oder im Sauerland ist anders als in Berlin und Brandenburg. Genauso sind die Erwartungen der Menschen an ihr Drittes ganz unterschiedlich. Und mit 18 Millionen Einwohnern in NRW kommen beim WDR natürlich auch mehr Einnahmen aus den Rundfunkbeiträgen an als beim RBB mit insgesamt rund sechs Millionen Einwohnern in Berlin und Brandenburg. Und noch ein Hinweis: Der Zuschauerzuspruch wird in 200 Haushalten in Berlin und in 200 Haushalten in Brandenburg gemessen und jeden Morgen hochgerechnet. Die Zahl steht dann für das Fernsehverhalten von sechs Millionen Menschen. Das muss man wissen, um tägliche Schwankungen nicht überzubewerten.

Die Einführung des Crossmedialen Newscenters, das für Radio, Fernsehen und Internet zusammen neue Nachrichtenthemen finden und koordinieren soll, sorgt für einigen Unmut unter den Beschäftigten. Zu viele Absprachen, zu viel Zeitbedarf, heißt es. Ist die Kritik berechtigt?
Ich würde mich im Gegenteil wundern, wenn es zu diesem Zeitpunkt keine Diskussionen gäbe. Wir praktizieren eine wirklich neue, crossmediale Zusammenarbeit. Die Topthemen des Tages werden nicht in getrennten Redaktionen erarbeitet, sondern von Online-, Radio- und Fernsehkollegen gemeinsam. Das bedeutet: Alle müssen sich darauf einstellen, dass sie nicht mehr alleine ihr „Ding“ durchziehen können. Das ist erstmal ungewohnt und kann gerade jetzt in der Startphase für Reibung sorgen, bringt uns aber durch klügere Zusammenarbeit eine größere Vielfalt in der Berichterstattung.

Reibung heißt Streit?
Ich habe die Arbeit im Crossmedialen Newscenter hautnah erlebt. Ich weiß, dass da viele engagierte Kolleginnen und Kollegen arbeiten, sich auch mal streiten und das Beste für den RBB wollen. Da klappt derzeit noch nicht alles. Aber dafür, dass wir gerade erst mit dieser neuen Form der Zusammenarbeit begonnen haben, können sich die Ergebnisse jetzt schon sehen lassen.

Social-Live-Sendung

Können Sie uns Beispiele für den Erfolg nennen?
Wir haben zum Beispiel am ersten Mai mit einer Social-Live-Sendung unsere Reporterinnen und Reporter an den relevanten Brennpunkten gehabt und social und im Web gestreamt. Diese halbe Stunde wurde auch auf Tagesschau24 gesendet – und zugleich haben wir dieselben Journalistinnen und Journalisten in der „Abendschau“ live geschaltet. Hörfunk, online und Fernsehen haben sich hier vorbildlich abgestimmt.

Ein Beitrag für alle Kanäle, das ist der zukünftige Weg?
Als die ganze Republik auf den Besuch von Bundeswirtschaftsminister Habeck bei den Raffinerie-Mitarbeitern in Schwedt schaute, hat die crossmediale Absprache gemeinsam mit unserem Studio Frankfurt (Oder) geklappt. Wir setzen vermehrt Themenschwerpunkte, übergreifend in allen Medien.

Weitere Vorteile des Newscenters?
Wir sind schneller geworden. Es gelingt uns besser, Recherchen unmittelbar für alle Ausspielwege in die Umlaufbahn zu schießen. Dabei geht’s im Newscenter jetzt erst richtig los: Weil wir endlich stärker in Präsenz zusammenarbeiten können. Bisher haben die Kolleginnen und Kollegen coronabedingt virtuos digital kooperiert. Aber ein echtes Nachrichtenherz in einem vibrierenden Newsroom – das werden wir erst noch erleben.

Das Interview führten Joachim Huber und Kurt Sagatz.









Jan Schulte-Kellinghaus leitet seit März 2017 die Programmdirektion des Rundfunk Berlin-Brandenburg.

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