Demonstranten in London haben auf ein Putin-Foto ein Hitler-Bärtchen gemalt. Foto: REUTERS
© REUTERS

Putin als Programmdirektor Krisen- oder Krimifernsehen?

Der Krieg in der Ukraine wird auch das deutsche Fernsehen zur Neuorientierung zwingen. Der Zuschauer muss die Richtung vorgeben. Ein Kommentar.

Diesen Krieg hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht verpasst. Nur zum Beleg, mit welchem Ehrgeiz und Einsatz gearbeitet wird: ARD und ZDF haben dem Thema die gesamte Primetime am Donnerstag gewidmet, Phoenix hat die Nacht von Donnerstag auf Freitag durchgesendet.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Was mit Corona eine Krise für die deutsche Gesellschaft, ist mit der russischen Invasion in die Ukraine ein Krieg. Ein Propaganda-, ein Informations-, ein Fernsehkrieg. Und wenn es stimmt, dass mitten in Europa eine Zeitenwende eingetreten ist, wird dieser tiefgehende Einschnitt auch das Fernsehen treffen. Was aktuell heißt:: „Brennpunkt“ und „ZDF spezial“ statt „Zerv“ und Karneval, Ernst statt Entspannung, Waffen statt Worte.

Und künftig? Das deutsche Fernsehen, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, ob linear oder im Stream, war nah dran an Menschen- und Völkerverständigung, im besten Falle ein Love-and-peace-Fernsehen – auch in der Fiktion, selbst im Lieblingsformat Krimi wurde das Böse zur Verantwortung gezogen.

Verzicht auf Karneval

Der Karneval muss als erstes Programmelement dran glauben. Im großen Schaufenster der Hauptprogramme wird auf die Sitzungen in Mainz und Köln verzichtet, die vor Kriegsausbruch aufgezeichneten Sendungen werden in den Mediatheken platziert. Da kann schunkeln, wem immer auch zum Schunkeln ist. Kann da einer meckern, wenn in den linearen Programmen der Aktualität der Vorzug gegeben wird? Live is live, so leibhaftig Putins Überfall ist.

Es ist nicht zynisch gemeint, sondern eine schlichte Tatsache: Autokraten wie der russische Präsident bestimmen die Fernsehprogramme mit. Nicht ausgeschlossen, dass die gewohnte Balance aus Information und Fiktion ins Wanken gerät, dass das Beunruhigende den Spaß überflügeln wird. Ein Fernsehen, das auf Relevanz setzt, wird an dieser Verschiebung nicht vorbeikommen. Es muss nicht Kriegsfernsehen sein, ein Krisenfernsehen aber kündigt sich an.

Nun ist das Fernsehen, das zuschauerträchtigste aller Medien. ein Nachfragemedium. Im Endeffekt dominieren die Zuschauer mit ihrem Einschaltverhalten die Programmierung. Die Frage wird sein: Will der friedensbewegte Deutsche ein Kriegs- und Krisenfernsehen oder lieber ein Krimifernsehen? Ablenkung oder Alarm? Das Publikum hat mit der Fernbedienung die Entscheidung in der Hand.

Zur Startseite