Uns geht’s nicht um Pietät. In „Das letzte Wort“ hat sich Anke Engelke als Karla Fazius auf eine erstaunliche Maske eingelassen. Foto: Netflix
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Netflix-Serie mit Anke Engelke Masche zu Masche

Die deutsche Netflix-Serie „Das letzte Wort“ mit Anke Engelke und Thorsten Merten erinnert an ein großes Vorbild.

„Wenn das Schlimmste geschieht, und Sie jemanden Besonderen verlieren, was für einen Bestatter wünschen Sie sich dann?“ Oder aber: „Ihr Vater hat Sie ein Leben lang tyrannisiert, und jetzt wollen Sie es ihm nach seinem Tod heimzahlen?“ Es sind nicht die profansten Fragen, die in dieser neuen deutschen Netflix-Serie gestellt werden. Zumal, wenn sie von Anke Engelke gesprochen werden, die in „Das letzte Wort“ darüberhinaus auch kaum wieder zu erkennen ist.

„Willkommen bei Bestattungen Bowowski!“ heißt es ab Donnerstag im weltweiten Streamingdienst („Das letzte Wort“, sechs Folgen, auf Netflix). Anke Engelke und Thorsten Merten als ungleiches Job-Paar, dass das marode Bestattungsinstitut Borowski mit unkonventionellen Mitteln nach vorne bringt. „Das letzte Wort“ erzählt die Geschichte von Karla Fazius (Anke Engelke), die den plötzlichen Tod ihres Ehemannes Stefan zu bewältigen hat.

Sehnsucht, Angst, Wut, Sprachlosigkeit, Karla findet ihre eigenen Worte erst auf der Beerdigung wieder. Sie will selbst Trauerrednerin werden. Zusammen mit Bestatter Andreas Borowski (Thorsten Merten), dem sein Institut in Familientradition aus den Händen gleitet, inspiriert sie Hinterbliebene auf ihrem Weg zum letzten Abschied.

Netflix verspricht eine „berührende wie humorvolle Dramedy zum Lachen und Weinen über Familie, Neuanfänge und den Umgang mit Tod und Trauer“, nach einer Idee von Hauptdarsteller Thorsten Merten übrigens. Tatsächlich ist das weitestgehend eine One-Woman-Show. Anke Engelke hat sich ja jüngst in Interviews von manchen Rollen ihrer Comedy-Vergangenheit („Ladykracher“) teils distanziert.

Es ist schon beachtlich, welchen Weg die Komikerin und Schauspielerin nach Rollen in „Kommissarin Lucas“, „Wellness für Paare“ oder „Deutschland 86“ sowie Ausflügen zum ernsten Talk („Anke hat Zeit“) genommen hat, zwischen Komik und Drama immer mehr auch entlang auf der Seite in Moll.

In der neuen Netflix-Serie hat sich Engelke dann noch auf eine erstaunliche Maske eingelassen, die sie irritierend älter aussehen lässt (als 54), was im bezaubernden Kontrast steht zu den unkonventionellen Methoden, mit denen sie Borowskis Bestattungsinstitut auffrischt. Motto: „Uns geht es nicht um Pietät, uns geht’s um Emotionen, Geschichten erzählen, Feste feiern.“ Was es dem tapferen Thorsten Merten & Co. (im Cast unter anderem: Godehard Giese, Nina Gummich, Johannes Zeiler) schwierig macht, neben Fazius/Engelke nicht ganz zu verblassen.

Im Hintergrund säuselt Paolo Conte

Autor und Regisseur Aron Lehmann („Das schönste Mädchen der Welt“) hat es, abgesehen davon, über weite Strecken hinbekommen, diese schwierige Tonlage: mal lustig, mal traurig, immer ein bisschen absurd, die Balance aus Lachen und Weinen. Klar, das Drehbuch knarzt schon mal über knapp sechs Stunden unter mancher Kraftanstrengung, dem Anreißen noch eines Thema (Sterbehilfe, Pubertätsnöte, psychische Erkrankungen, Homosexualität, der Kampf Tradition gegen Moderne).

Großes Figurentheater. Im Hintergrund säuselt Paolo Conte, wenn sich die dann doch leicht durchgeknallte Fazius mit ihrem eben doch verstorbenen (!?) Mann in den Arm liegt. Noch so eine Themenvolte. Die Witwe kommt einem langjährigen Geheimnis ihres Gatten auf die Spur – ohne jetzt zu viel zu spoilern.

Eingestaubt ist hier wirklich nichts. Höchstens etwas der Anspruch, eine Art deutsches „Six Feet Under“ hinlegen zu wollen. Einmal zitiert Borowski den Untertitel der preisgekrönten HBO-Saga von Alan Ball („Gestorben wird immer“) um die Bestatterfamilie Fisher, die Mitte der Nuller Jahre Format-Maßstäbe setzte. „Six Feet Under“ war das große Serien-Ding im Anschluss an die „Sopranos“.

Die deutsche Netflix-Serie kann nichts für diesen Vergleich, aber er drängt sich auf. Schräge Kameraperspektiven, das Intro, das braun-un-heimelige Interieur jener Beerdigungsinstitute, Personenkonstellationen, viel Verschlossenheiten – das ist schon „Six-Feet-Under-Lookalike“, bis hin zur Problematik unverstandener Jugendlicher, die direkt aus dem sinistren Hause Fisher kommen könnten. Zentrales Motiv neben den einzelnen Todesfällen hier wie da: die Lebenswege der Familienmitglieder und ihres Umfelds, Konflikte und Selbstfindungen, partnerschaftliche Beziehungen.

„Das letzte Wort“ ist ein amüsanter Serien-Blick auf ein noch allzu oft aus Pietätsgründen verschwiegenes Thema, mit einem interessanten Konzept. Das Thema: der Tod. Die Zielgruppe: alle. Die Geschichten dazu liegen tatsächlich auf der Straße. Auch in den traurigsten Momenten gibt es Komik in unserem Leben. Auch wenn einem nicht nach Lachen zu Mute ist. Karla Fazius sagt, sie würde sich gerne „von uns“ beerdigen lassen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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