Challenge! Sami (Ugur Kay, v. l. n. r.), Berti (Patrick Güldenberg), Alexander (Vladimir Burlakov) und Roman (Helgi Schmid) studieren einen Väter-Tanz ein. Foto: Degeto Foto: ARD Degeto/Keshet Tresor Fiction
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„How to Dad“ Gefasel mit Substanz

Jan Freitag

Je mehr die Hauptfiguren auf andere zeigen, desto mehr zeigen sie auf sich selber und damit uns. Die ARD-Serie „How to Dad“ versammelt Männer, die Väter geworden sind.

Was Männer so reden, wenn der Tag lang ist? Brennpunktgewächse faseln offenbar gerne von Muckis und Ehre, Homosexuelle dagegen nur über Wokeness und Diversität, während Managertypen dauernd denglischen Dünnschiss von „Mindset“ bis „Me-Time“ absondern, was lässige Influencer dann mit „Nice, nice, nice“ kommentieren. Wer die vier Hauptfiguren von „How to Dad“ in der ARD-Mediathek hört, könnte da meinen, die beiden Autoren Anneke Janssen und Richard Kropf würden ihre Figuren nur Superplattitüden absondern lassen.

Denn was Männer so reden, wenn ihre Kinder nebenan beim Ballettunterricht sind, hat Regisseur Jakob Lass in ein Webformat gegossen, das es dem Publikum zunächst mal schwer macht, länger als die ersten paar Wortwechsel dranzubleiben. Selten, vielleicht nie zuvor, hat sich ein Mehrteiler nach so kurzer Zeit als Phrasendreschmaschine entlarvt. Selten, vielleicht nie zuvor, war das allerdings weniger relevant für den überwiegenden Rest von insgesamt 150 Minuten als in dieser erstaunlichen Miniserie. („How to Dad“, ARD-Mediathek, fünf Folgen, ab 10. Juni)

Das Brennpunktgewächs heißt hier Sami (Ugur Kaya) und fährt fernsehstandesgemäß gleich mal aus seiner türkischstämmigen Haut, weil der biodeutsche Influencer Roman (Helgi Schmid) ihn für seine Eitelkeit veräppelt, was der schwule Akademiker Berti (Patrick Güldenberg) wiederum mit Vorträgen über „radikale Akzeptanz“ oder „Bodyshaming“ zu schlichten versucht, bis der eitle Fintech-CEO Alexander (Vladimir Burlakov) mit einer Kanonade angloamerikanischer Lehnworte die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht.

Vier Männer, vier Habitate, vier Klischees soziokultureller Frontverläufe auf engstem Raum, die fünf Mittwochnachmittage für jeweils 30 Minuten den täglichen Clash of Civilizations einer gespaltenen Gesellschaft verkörpern. Diese vier Archetypen abgeschotteter Mikrokosmen sitzen also im Vorraum einer Münchner Tanzschule, haben sich aber eigentlich nichts mitzuteilen – außer die Aggressivität ihrer wechselseitigen Verachtung.

Alltagsrassismus oder Altersdiskriminierung, mütterlicher Mental Load oder Feierabendväter

Weil sie natürlich wie im israelischen Original trotzdem miteinander ins Gespräch kommen, erzeugt das Drehbuchrascheln demnach eher Ohrensausen als Unterhaltung. Aber als Ballettlehrerin Theresa (Nikeata Thompson) kurz darauf den kursüblichen Mutter-Kind-Tanz fürs Staffelfinale ankündigt, gewinnt die Serie schlagartig an Substanz.

Zwangsläufig zum Vater-Kind-Tanz umgewidmet, sind die verschiedenen Charaktere nun nicht mehr zufällig, sondern zielgerichtet beisammen und zeigen ihre wahren Gesichter. Zum Wohle der Spannung werden die nicht verraten; aber wenn es in der ersten Folge ums Bodyshaming geht und in der zweiten um Bildung, wenn es in der dritten Folge um Sex geht und in der vierten um Gesundheit, offenbaren diese vier Archetypen ihrer jeweiligen Milieus Seiten an sich, für die man dringend Cutterin Adrienne Hudson hervorheben muss.

Wie sie die dauernde Selbstbeweihräucherung mit Schnitten ins reale Leben der vier Aufschneider als Posen widerlegt, ist auf ähnlich originelle Art entlarvend wie Acelya Sezer als Samis große Tochter Sema, die ihrem Vater hinterm Tanzstudiotresen ständig den Familienspiegel vorhält.

Oder auch Valerie (Lisa Bitter), die ihrem Ex Roman auch nach vier Jahren Erziehung ständig die Basics der Vaterschaft erklären muss. Damit gelingt „How to Dad“ der heitere, nicht ulkige Abgleich männlicher Rollenbilder mit denen der Gesellschaft und umgekehrt.

Egal ob Alltagsrassismus oder Altersdiskriminierung, mütterlicher Mental Load oder Feierabendväter, Diversitätsarroganz oder Homophobie: Je mehr die Hauptfiguren auf andere zeigen, desto mehr zeigen sie auf sich selber und damit uns, die Zuschauer, alle.

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