Call me „Eva“. In Schweden wurde der Prototyp eines weiblichen Dummys entwickelt. Neue Automodelle müssen bisher aber weiterhin nur mit den herkömmlichen, also männlichen Modellen getestet werden. Foto: WDR/btf
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„HERstory“ im Ersten Gendern kann Leben retten

Doku-Reihe über Geschichte aus weiblicher Sicht: Wieso Frauen in Medizinchecks nur lästige Abweichung sind.

Frauen haben in Deutschland aus verschiedenen Gründen eine um mehr als drei Jahre höhere Lebenserwartung als Männer. Aber: Wieso haben insbesondere jüngere Frauen bei einem Herzinfarkt ein deutlich höheres Sterberisiko? Weshalb erleiden viel mehr Frauen bei Verkehrsunfällen ein Schleudertrauma?

Und warum haben viele Frauen keine Chance auf ein Kunstherz? Weil sie bei der Forschung und Entwicklung nicht mitgedacht werden, so der Vorwurf in dem WDR-Film „Lebensgefahr – Frauen und die Medizin“.

Denn die von Männern dominierte Herzmedizin habe sich lange Zeit nicht darum geschert, dass Frauen bei Infarkten andere Symptome zeigen würden als Männer. Die Dummys, an denen die Folgen eines Verkehrsunfalls getestet werden, würden dem Körperbau eines Durchschnittsmannes entsprechen („HERstory: Lebensgefahr – Frauen und die Medizin“, ARD, Montag, 22 Uhr 50).

Und Kunstherzen seien bisher vor allem auf das Volumen eines männlichen Brustkorbs ausgerichtet. „Der männliche Körper als Norm, der weibliche als lästige Abweichung: Das ist noch immer die Blaupause für das Design der Welt“, kommentieren die Film-Autorinnen Julia Friedrich und Nina Ostersehlte sowie Autor Andreas Spinrath.

Mit ihrem Film startet die ARD die vierteilige Doku-Reihe „HERstory“, die „bewusst einseitig Geschichte ausschließlich aus weiblicher Sicht“ erzählen will. Denn „allzu oft und manchmal sogar ausschließlich“ werde Geschichte aus männlicher Sicht überliefert.

Nach der Auftaktfolge, die für diesen pointierten, historisch-kritischen Ansatz drei Beispiele aus der Medizin anführt, macht die Reihe allerdings erst einmal eine längere Pause bis nach der Bundestagswahl. Am 27. September folgt dann der „HERstory“-Film „Angriffslust – Frauen, Krieg und Gewalt“.

Die beiden weiteren Themen sind an historische Epochen geknüpft: „Wendeman(n)över – Frauen und die Wiedervereinigung“ (4. Oktober) sowie „Frauenwunder – Frauen und das Wirtschaftswunder“ (11. Oktober).

Zwar ist der feministische Medizincheck zum Auftakt mit zahlreichen ironischen Kommentaren in Wort und Bild gespickt und nicht jede Einzel-These ist mit Verweis auf Studien oder andere wissenschaftliche Quellen unterfüttert, dennoch handelt es sich keineswegs um schlecht fundierten Meinungsjournalismus. Für die drei gewählten Beispiele stehen renommierte Wissenschaftlerinnen: Die Berliner Kardiologin Vera Regitz-Zagrozek hat jahrzehntelang die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Herzinfarkt-Patientinnen erforscht.

„Wenn sie’s oft genug gesehen haben, dann glauben sie es auch."

Erste Studien, die auf ein erhöhtes Risiko für Frauen hindeuteten, seien von deutschen Kardiologen „erst mal unter den berühmten Teppich gekehrt worden“. Immerhin befindet sich ihr Fachgebiet nach Ansicht der langjährigen Charité-Professorin auf dem Weg der Besserung: „Wenn sie’s oft genug gesehen haben, dann glauben sie es auch und fangen an, die Dinge zu respektieren. Und in dem Stadium sind wir nun gerade.“

In der Herzchirurgie ist die Düsseldorferin Dilek Gürsoy eine erstklassige Adresse. Gürsoy, Tochter einer türkischen Einwanderer-Familie, hat als erste Frau in Europa ein künstliches Herz implantiert und steht auch vor der Kamera am OP-Tisch: Sie testet ein neu entwickeltes Kunstherz „in einem Tierversuch“, wie es etwas schwammig heißt.

Das Modell ist kleiner und hat dennoch – im Gegensatz zu den für Jugendliche entwickelten Kunstherzen – die erforderliche Pumpleistung, die es beim Einsatz bei erwachsenen Frauen benötigt. Weil die Kunstherzen bisher für ein Meter achtzig große, 80 bis 90 Kilogramm schwere Patienten optimal konstruiert seien, hätten viele Frauen nicht gerettet werden können, sagt Gürsoy. Der Durchmesser ihres Brustkorbs sei schlicht zu klein.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede werden auch in der Verkehrssicherheit nicht berücksichtigt, denn die Dummys, die bei Crash-Tests eingesetzt werden, werden ebenfalls nach den Maßen eines Durchschnittsmannes modelliert. Neben drei jungen Frauen, die einen Herzinfarkt überlebten, obwohl Ärzte die Symptome anfangs nicht ernst nahmen, berichten drei weitere Frauen von den schmerzhaften Spätfolgen des Schleudertraumas, das sie bei schweren Verkehrsunfällen erlitten hatten.

In Schweden hat die Verkehrssicherheitsexpertin Astrid Linder den Prototyp eines weiblichen Dummys entwickelt. „Eva“ ist nicht nur kleiner und leichter, sondern berücksichtigt auch, dass Frauen ein breiteres Becken und eine schwächere Nackenmuskulatur haben. Neue Automodelle müssen bisher aber weiterhin nur mit den herkömmlichen, also männlichen Modellen getestet werden. Was man hier jedenfalls lernen kann: Gendern kann Leben retten.

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