Dieter Nuhr gibt es in der Öffentlichkeit zwei Mal – als Kabarettist und als konzeptueller Fotokünstler. Gerade war er mit seiner Ausstellung „Local Texture“ in Chengdu/China. In der ARD wird er am 21. und am 28. November wieder mit „Nuhr im Ersten“ auftreten. Sein Jahresrückblick „Nuhr ein Jahr“ ist für den 19. Dezember avisiert. Foto: imago/Agentur 54 Grad/Felix König
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Dieter Nuhr „Zahlreiche Menschen haben einen Gerichtshof im Kopf“

Der Kabarettist Dieter Nuhr holt aus und spricht über China, Weltretter-Attitüde, Wutbürgertum und letzte Greta-Thunberg-Witze. Ein Interview.

Herr Nuhr, was lernt man in China über Deutschland?
Man lernt auf Reisen, dass scheinbar selbstverständliche Normen keineswegs überall gleich sind. In China ist das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum anders als bei uns. Das kann man schön finden oder nicht, aber das ist dem Chinesen egal. Wir halten unsere Vorstellungen gerne für universell. Das ist lächerlich.

Eine Reise nach China ist ein Blick in die Zukunft. Viele bei uns denken, die Chinesen werden uns irgendwann überholen. Tatsache ist: Die können uns im Rückspiegel schon gar nicht mehr sehen. In China hat der Turbo-Kapitalismus, den wir für unsozial halten, ein paar hundert Millionen Menschen aus der Armut geholt. Das sollte doch bei aller kritischen Distanz auch Linke irritieren. In China ist man pragmatisch. Da wird die Ideologie der Realität angepasst, bei uns ist es umgekehrt.

Von China lernen, heißt siegen lernen?
Es gibt in China für uns unzumutbare Einschränkungen von Freiheit, aber es gibt auch ungeheure Errungenschaften. Die Verhältnisse lassen sich nicht einfach mit den Begriffen "gut" oder "schlecht" beurteilen. Aber wenn Dinge viele Seiten haben, ist man bei uns gerne überfordert. Wir werden im Ausland, nicht nur in China, als Romantiker betrachtet. Wenn man viel reist, lernt man, dass das stimmt. Und man lernt, dass einfache und selbstsicher gefällte Urteile meistens falsch sind.

Und was lernt Dieter Nuhr über Dieter Nuhr?
Ich bin ja grünalternativ sozialisiert worden. Dann bin ich auf Reisen gegangen. Das hat meinen Horizont extrem erweitert. In Deutschland glaubt man immer noch, dass jeder Einzelne die Welt retten muss. Aber die Welt will gar nicht von uns gerettet werden. Kein Mensch in China ruft: „Oh, diese Probleme, was helfen uns endlich die Deutschen?!“ Ich habe auf Reisen gelernt, wie vermessen diese Weltretterattitüde ist. Und dass unsere Normen relativ sind. Ich weiß jetzt, dass man auch seine vermeintlichen Gewissheiten ab und zu in Frage stellen muss..

Sind Sie in China nur als Fotokünstler bekannt oder auch als Kabarettist?
In China wird das nicht getrennt. Für die Zuständigen da bin ich in erster Linie ein Künstler. Bei uns wird ja gerne getrennt, weil wir gerne in Schubladen denken. Da ist man unter chinesischen Kulturschaffenden weitgehend ungebundener im Kopf. Dort kommt man gar nicht auf die Idee, ein kreativer Geist müsse sich auf ein Medium beschränken.

Irgendeine Ahnung davon, ob deutscher Humor exportfähig ist?
Ich trete ja ab und zu im Ausland auf, in Baku oder Shanghai, in Lissabon oder nächstes Jahr dann in Warschau. Das macht mir Spaß. Das Publikum besteht dann zum größten Teil aus der deutschsprachigen Community, es kommen aber auch immer wieder Einheimische, die aus irgendeinem Grund Deutsch gelernt haben. Mein Humor beruht natürlich auf Sprache, insofern geht es ohne Deutschkenntnisse nicht. Mein Netflixspecial ist aber auch mit Untertiteln angeschaut worden, und mir haben Leute aus Kanada oder Indien geschrieben. Humor scheint irgendwie universell zu sein.

Außer Millionen Chinesen soll es auch noch ein paar Deutsche geben, die Dieter Nuhr nicht kennen. Ihr Humorprofil in drei bis fünf Sätzen?
Ich breche gerne scheinbar Selbstverständliches auf. Ich konfrontiere Anspruch und Wirklichkeit. Ich widersetze mich dem Zeitgeist. Ich lasse Moral und Wirklichkeit aufeinanderprallen. Ich mache die, die glauben, alles zu wissen, lächerlich. Das waren exakt fünf. Mehr Platz habe ich ja leider nicht. Ich sehe keinen Sinn darin, die üblichen Erwartungen zu bedienen.

Als Kabarettist hat man es natürlich einfacher, wenn man das Übliche loslässt: die da oben sind doof, die da unten sind gut, die Regierung ist schlecht, der Wähler wird betrogen… So wird ein plattes Bedürfnis nach Erregung befriedigt. Ich denke aber, der Wutbürger ist heute eh schon dauerregt. Da ist es viel subversiver, die Selbstsicherheit des Wutbürgertums infrage zu stellen.

Wie hat es sich mit deutschem Scherz und mit deutscher Satire entwickelt? Sind die Bewegungsmöglichkeiten für Sie gewachsen oder geschrumpft?
Meine Bewegungsmöglichkeiten waren immer gleich. Sie richten sich ausschließlich nach meinen eigenen Maßstäben. Allerdings wird die soziale Normierung totalitärer. Wenn Sie bei uns etwas sagen, was dem Mainstream links und rechts widerspricht, kommen Sie zwar nicht ins Gefängnis, aber es wird massiv versucht, sie sozial zu vernichten. Man wird bewusst falsch etikettiert, beleidigt, bedroht. Da ist die Freiheit in jedem Fall rasant auf dem Rückzug.

Ist Ihre Perspektive zu bestimmten Themen fluide oder wird eine Position von einem Programm zum nächsten immer entschiedener eingenommen?
Meine Haltung zur Welt verändert sich ständig. Ich versuche zu lernen. Viele Leute glauben, alles zu wissen, ich nicht. Ich vertrete einen Standpunkt, und wenn er sich als falsch erweist, korrigiere ich ihn. Die Veränderung der eigenen Haltung ist ein Reifeprozess. Im Kabarett sind viele Kollegen stolz darauf, dass ihnen das nicht passiert ist.

Wer sich, ob Kabarettist oder nicht, heute äußert, der muss mit Reaktionen auf der Social-Media-Ebene rechnen. Kalkulieren Sie das mit ein?
Nein. Wenn ich anfange, mich an den Krawallschlägern auszurichten, würde es keinen Spaß mehr machen. Der nächste Shitstorm kommt bestimmt. Und mit jedem Mal wird es egaler.

Was verbietet sich für einen Kabarettisten im Herbst 2019?
Nichts. Außer, dass er sich selbst verbiegt, um in der öffentlichen Wahrnehmung stromlinienförmig mitzulaufen. Beziehungsweise: Auch das ist erlaubt. Der Kabarettist ist dann aber uninteressant.

Sehen Sie sich generell in einer Haltungskette gefangen, sprich, wenn ich über den Klimawandel das scherze, dann muss ich über das Flüchtlingsthema zwangsläufig jenes scherzen?
Man muss immer stärker darauf achten, nicht missverstanden zu werden. Sonst kommt sofort die Moral-Polizei. Oder noch schlimmer: Man wird von den falschen Leuten vereinnahmt. Wenn Sie etwas Kritisches über Linke sagen, droht das auf der Facebookseite irgendwelcher Rechten zu landen. Umgekehrt ist es ähnlich. Ich will aber nicht von irgendwelchen verbohrten Gestalten vereinnahmt werden.

Die bürgerliche Mitte wird in dieser Erregungsroutine überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Der falsche Eindruck ist heute: Alle sind rechts oder links. Die Mehrheit fühlt sich in dieser Hysterie überhaupt nicht mehr repräsentiert. Von denen kommen viele zu mir. Ich fungiere quasi als Antiextremist. Früher sagte man: Ich will nicht mit den Wölfen heulen. Heute muss man sagen: Es heulen so viele Wölfe, dass es Mühe macht, zu keinem Rudel zu gehören.

Meinem Eindruck nach werden Sie häufig und heftig beurteilt. Welches Urteil können Sie akzeptieren, welches aber nicht?
Urteile akzeptiere ich nur von Richtern. In Deutschland gab es schon immer zahlreiche Menschen, die keine Haltung, sondern einen Gerichtshof im Kopf haben. Oder noch schlimmer: Sie urteilen nicht, sondern gehen gleich über zur Exekution. Ich bin absolut kritikfähig und jedem Argument gegenüber offen. Aber bei den „Diskussionen“ bei uns geht es in 99 Prozent der Fälle nicht um die Weiterentwicklung eines Standpunktes, sondern um die Herabwürdigung des Andersdenkenden. Ich versuche meinen Standpunkt weiterzudenken. Die öffentliche „Diskussion“ in den sozialen Medien ist aber geprägt von Desinteresse und Vernichtungswille gegenüber abweichenden Haltungen.

Wie groß ist die Solidarität unter den Kabarettistinnen und Kabarettisten? Groß oder ein Schimpfwort?
Die gibt es selten bis gar nicht. Ich habe natürlich Freunde in der Szene. Aber bei vielen Kollegen ist es wie in der freien Wirtschaft: Wenn einer wegfällt, wird ein Platz frei, dann freut man sich und versucht das Pöstchen zu bekommen. Den Gefallen habe ich bisher niemandem getan, und das wird mir auch übelgenommen... Ich habe für diese zynische Haltung wenig übrig und habe mich weitgehend rausgezogen. Unter Comedians geht es oft weit angenehmer zu. Da gibt es sehr alte Freundschaften.

Wann, Herr Nuhr, sind die letzten Scherze über Greta Thunberg gemacht?
Wenn der lächerliche Personenkult abebbt. Früher war es im Kabarett üblich, an Denkmälern zu sägen. Was ich, als ich anfing, nicht wusste, war: Das galt nur für die Denkmäler der anderen...

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