Neues Ermittlerinnen-Team im Einsatz. Die gegensätzlichen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher, li.) und Tessa Ott (Carol Schuler) müssen sich erst noch zusammenraufen. Foto: ARD Degeto/SRF/Sava Hlavacek
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Der „Tatort“ aus der Schweiz Gespenster der Vergangenheit

„Züri brännt“ ist ein vielversprechender Auftakt für das neue weibliche „Tatort“-Duo aus der Schweiz.

Die erste „Tatort“-Episode mit dem neuen Zürcher Ermittlerduo führt in die Vergangenheit: Der Titel „Züri brännt“ weckt bei älteren Schweizern ungute Erinnerungen an die Jugendunruhen vor vierzig Jahren. Im Frühjahr 1980 lehnte der Stadtrat den Bau eines autonomen Jugendzentrums ab, genehmigte aber die viele Millionen Euro teure Renovierung des Opernhauses. Die Folge waren Proteste und Krawalle, die schließlich an Weihnachten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führten. Der Dokumentarfilm „Züri brännt“ sorgte mit seinen Aufnahmen von Polizisten, die hemmungslos auf Demonstranten einprügeln, auch hierzulande für Empörung.

Der Hintergrund verdeutlicht bereits, dass „Züri brännt“ kein „Tatort“ wie viele andere ist. Der Film beginnt mit den historischen Aufnahmen, die immer wieder aufgegriffen werden. So verknüpft das Drehbuch von Lorenz Langenegger und Stefan Brunner die beiden Zeitebenen miteinander: In der Gegenwart ist ein unbekannter Mann erschossen und dann angezündet worden. Die Vergangenheit kommt ins Spiel, als der Chef der Kriminalpolizei, Peter Herzog (Roland Koch), ein Paket mit einem Totenschädel erhält.

[„Züri brännt“, Sonntag, 20 Uhr 15, ARD]

Nach allerlei Untersuchungen kommen zwei vor vierzig Jahren verschwundene junge Frauen als Täterinnen in Frage: die Polizistin Eva und die Aktivistin Ava. Tatsächlich handelt es um ein und dieselbe Person: Die Beamtin ist als verdeckte Ermittlerin bei den Autonomen eingeschleust worden, hat offenbar die Seiten gewechselt und wurde schließlich erschlagen. Selbst wenn diese Tat in der Schweiz verjährt ist, ahnen die Ermittlerinnen doch, dass die Lösung des vierzig Jahre zurückliegenden Mordes auch der Schlüssel zur Lösung des aktuellen Falls ist; und beide Ermittlungen betreffen die Kommissarinnen persönlich.

Ein besonderer Krimi mit verzwickter Geschichte

Allein schon die verzwickte Geschichte würde „Züri brännt“ zu einem besonderen Krimi machen, aber auch für die beiden Hauptfiguren hat sich das Autorenduo besondere Merkmale einfallen lassen. Angesichts der mittlerweile mehreren Dutzend „Tatort“-Ermittler ist die Einführung neuer Charaktere eine echte Herausforderung. Langenegger und Brunner bedienen sich der beliebten Kontrastmethode: Die Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) können sich auf Anhieb nicht leiden. Grandjean ist Westschweizerin und spricht daher mit einem leicht französischen Akzent. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und ist darum überzeugt, dass die jüngere Kollegin ihren Posten allein ihrem Nachnamen verdankt: Die Otts gehören zu den angesehensten Züricher Familien. Denkbar unterschiedlich ist auch der berufliche Hintergrund: Ott wurde beim deutschen BKA zur Profilerin ausgebildet, Grandjean kommt vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Das sanfte Lächeln täuscht; Ott hält sie für eine emotionslose Zynikerin.

Die beiden Hauptdarstellerinnen interpretieren ihre Rollen allerdings differenzierter, als die Typisierung der Figuren nahelegt. Das Drehbuch verzichtet ohnehin auf schlichte Schwarzweißmalerei. Kripochef Herzog, 1980 ein junger Beamter, nimmt die damaligen Kollegen in Schutz: Einfache Stadtpolizisten seien in Kampfmonturen gesteckt worden, während die Autonomen nach der Devise „Pflastersteine auf Bullenschweine“ agiert hätten. Ähnlich ausgezeichnet wie das Buch ist auch die Besetzung: Carol Schuler wirkt oft als Komödiantin in hiesigen TV-Produktionen mit („Zweibettzimmer“). Die Theaterschauspielerin Anna Pieri Zuercher ist hingegen fürs deutsche Fernsehen eine echte Entdeckung.

Regisseurin Viviane Andereggen ist zwar ebenfalls Schweizerin, lebt aber in Berlin und hat in Deutschland auch ihre Filme gedreht: von ihrem famosen Debüt „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ (2015) über die grandiose Komödie „Kein Herz für Inder“ (2017) bis zum Cybermobbing-Drama „Rufmord“ (2019). Für die Bildgestaltung bei „Züri brännt“ war Martin Langer verantwortlich. Der vielfach ausgezeichnete deutsche Kameramann setzt immer wieder Akzente: mal durch ungewöhnliche Blickwinkel, öfter noch durch seine bemerkenswerte Lichtgestaltung. Langers Arbeit lässt den sehr visuell inszenierten Film für eine TV-Produktion ungewöhnlich aufwändig wirken. Optisch effektvoll sind auch die Heimsuchungen aller Beteiligten durch einen Geist aus der Vergangenheit, was zudem für unheimliche Effekte sorgt. „Züri brännt“ ist ein vielversprechender Auftakt für den neuen Schweizer „Tatort“ und setzt hohe Maßstäbe für die weiteren Episoden.

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