Jahrhundertzeuge. Mario Adorf wird im September 90. Foto: Hannibal Hanschke/Reuters
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Arte-Porträt von Mario Adorf Heimat ist Gegenwart

In „Es hätte schlimmer kommen können“ blickt der Schauspieler Mario Adorf auf sein Lebenswerk zurück.

Am Ende steht er auf dem durch viele französische Spielfilme weithin bekannten Friedhof von Saint-Tropez, von dem aus man das azurblaue Meer sehen kann und einen weiten Blick entlang der lichten Côte d’Azur hat. Mario Adorf wird gefragt, ob der Tod einen Schrecken für ihn habe.

Die Kamera fängt ihn dabei im Close-up ein. Und der Schauspieler wirkt auch hier ganz offen und authentisch, wenn er bekennt: „Ich bin nicht gläubig im Sinne eines religiösen Glaubens. Die ganze Religion ist ja da, damit man den Gedanken an den Tod überwinden kann, dadurch, dass man sagt: ,Es geht ja weiter, es gibt ein Jenseits‘. Ich glaube das nicht.“

Und er, der seit über sechs Jahrzehnten zu den bedeutendsten Schauspielern Deutschlands zählt, fügt noch hinzu: „Ich beneide Menschen, die glauben können. Diese Fähigkeit habe ich nicht. Deswegen ist der Gedanke an den Tod – endgültiger.“ Es sind gerade diese letzten Worte von Mario Adors, am Ende von Dominik Wesselys fürs Fernsehen neu überarbeiteter Dokumentation „Es hätte schlimmer kommen können“, die nachhallen.

Saint-Tropez ist einer der drei Wohnsitze Mario Adorfs, neben Paris und München. Doch darauf angesprochen, was denn für ihn, der an den europäischen Sets von über 200 Filmen war, ein Zuhause ist, oder Heimat, erwidert er, auch das sei schwierig. Heimat, das sei geografisch zu verorten, das sei das Städtchen Mayen in der Eifel, dort, wo er seine strenge, alleinerziehende Mutter erlebt hat, die ihn eine Zeit lang ins Waisenhaus gibt, wo er die letzten Kriegsjahre verbringt.

Mario Adorf stammt aus der Eifel, aber sein Zuhause? Saint-Tropez?

Die Heimat liegt also in der Eifel. Doch ein wirkliches Zuhause? Saint-Tropez vielleicht, wo er mit seiner französischen Frau Monique, die von dort stammt und eine enge Freundin Brigitte Bardots ist, seit Jahrzehnten Teile des Jahres unweit von Ramatuelle verbringt? „Hier, das ist nicht Heimat, das ist eine lange Gegenwart“, antwortet er daraufhin im Hafen von Saint-Tropez mit seinem sanften Adorf-Lächeln.

Wessely porträtiert Mario Adorf, der am 8. September 1930 zur Welt kam und somit ein Jahrhundertzeuge genannt werden kann, privat wie beruflich, der Filmemacher begleitet ihn zu den geografischen Eckpunkten seines Lebens – nach München, nach Rom und eben nach Saint-Tropez. Der Akteur mit der samt-sonoren Stimme und inzwischen schlohweißem Haar gewährt Einblicke in eine Karriere, in der sich die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auch gesellschaftlich und politisch widerspiegelt.

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Angefangen bei seinem internationalen Durchbruch 1957 in Robert Siodmaks Krimiklassiker „Nachts, wenn der Teufel kam“ und der Literaturverfilmung „Das Totenschiff“, über die italienischen Produktionen, die er in den sechziger und siebziger Jahren in Rom drehte, bis zu den Arbeiten des Neuen Deutschen Films, darunter „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und „Die Blechtrommel“.

Unvergessen: Mario Adorf in "Kir Royal" oder "Der große Bellheim"

Und dann sind da natürlich seine unvergesslichen Fernsehauftritte in Helmut Dietls Schickeria-Serie „Kir Royal“ in den Achtzigern und in Dieter Wedels Mehrteiler „Der große Bellheim“. Adorfs gewaltige Filmografie ist ebenso überbordend wie facettenreich.

Mario Adorf, ein Gentleman alter Schule, stets zuvorkommend und bescheiden, wirkt auch in Wesselys behutsamem Filmporträt angenehm unprätentiös. Neben seinem großen beeindruckenden Werk zeichnet auch das den Star ohne Allüren mithin aus: dass er immer bei sich geblieben ist.
„Es hätte schlimmer kommen können“, Arte, 10. August 21.50 Uhr

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