Klaus Voormann erinnert sich. Leider mangelt es an weiblichen Gegenstimmen. F.: Arte
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Arte-Doku Männer vom alten Schlag

Vom Hafenarbeiter zum Millionär: Arte-Doku über das Geschäft mit der Prostitution auf St. Pauli.

Der Lack ist ab, auch wenn sich manche Herren noch so viel Mühe geben. „Der schöne Klaus“ zum Beispiel, Klaus Barkowsky, der in den 1970ern auf St. Pauli dem einträglichen Job eines Zuhälters nachging, trägt die Haare hinten immer noch lang und eine Melone auf dem Kopf, die dieses Mannsbild von gestern recht originell abrundet. Die Falten im Gesicht bleiben jedoch nur unzureichend durch eine getönte Brille verborgen, die er auch beim Interview im schummrigen Licht des „Elbschlosskellers“ nicht absetzt.

Barkowsky rekrutierte in den 1970er Jahren junge Frauen zur Prostitution für die „Nutella-Bande“, wie die neue Generation der Luden von der Konkurrenz genannt wurde. „Der sah wirklich hübsch aus, so wie ein Filmstar“, sagt die Journalistin Ariane Barth in Oliver Schwabes Doku-Dreiteiler „Die Paten von St. Pauli“.

Man kann das überprüfen: Fotos vom jungen Barkowsky gibt es reichlich, die illustre Szene des Hamburger Vergnügungsviertels übte bei allen moralischen Bedenken auch auf die Medien eine besondere Anziehungskraft aus. („Die Paten von St. Pauli“, Arte, Donnerstag, drei Teile, ab 20 Uhr 15)

Schon nach 90 Sekunden singt Hans Albers. Das war es mit nostalgischer Verklärung. Schwabe lässt die alten Zeiten auf der Reeperbahn mit Archivmaterial aufleben, beschränkt sich auf Ausschnitte aus den Jürgen-Roland-Filmen „Die Engel von St. Pauli“ (1969) und „St. Pauli Report“ (1971).

Er folgt dem Doku-Trend, nachgespielte Dramen im Graphic-Novel-Stil zu erzählen. Nicht überraschend, dass der erste Teil über weite Strecken dem legendären „Star Club“ und den jungen Beatles gewidmet ist, die dort unter dem Schutz von Schlägern auftraten. Musiker Klaus Voormann, Rocko Schamoni und Fotograf Günter Zint dürfen als St.-Pauli-Experten nicht fehlen, wobei sich Schwabe vor allem für die Strukturen im Rotlicht-Milieu interessiert.

Sein Dreiteiler dokumentiert die Entwicklung von den 1960ern bis Ende der 1980er Jahre, beginnend beim Regiment des Paten Wilfried Schulz und dem ersten Eros-Center des Immobilienhändlers Willi Bartels, durch das die Sex-Arbeit „wie im Kaufhaus zur Massenware“ wurde.

Nichts erscheint anachronistischer

Während sich in den 1970er Jahren mit der „GmbH“ und den „Nutellas“ zwei Banden das Geschäft einvernehmlich teilten, waren die 1980er durch blutige Machtkämpfe in einer – auch wegen Aids – kriselnden Branche geprägt, bis hin zu den Morden des Auftragskillers Werner „Mucki“ Pinzner. .

Schwabe spielt in seiner Bildsprache mit der erotischen Faszination, während er ins Innere einer Welt mit eigenen Gesetzen blickt. Noch irritierender ist, dass er erst im dritten Teil ein Interview mit einer Ex-Prostituierten zu bieten hat, während sich vorher zahlreiche Zuhälter zu ihrer Karriere äußern durften.

Zwar gehören auch starke Frauen wie die Wirtinnen Rosi Sheridan-McGinnity und Erika Allnoch zu den Befragten. Dennoch mangelt es an weiblichen Gegenstimmen in dem Mehrteiler, der den Fokus auf die „Paten von St. Pauli“ und deren männlichen Herrschaftsblick legt.

Nichts erscheint anachronistischer, als Männern, die ihr Leben lang von der Sex-Arbeit der von ihnen abhängigen Frauen gelebt haben, eine Bühne zu bereiten. Zu sehen sind Männer vom – buchstäblich – alten Schlag. Erfolg hat, wer stark ist, wer zuschlagen kann. Der eigene Aufstieg muss dann mit Rolex, Goldkettchen und protzigen Autos der ganzen Welt mitgeteilt werden. Selbstverständlich habe es auch mal eine Ohrfeige gegeben, sagt der „schöne Klaus“ im Rückblick.

Allerdings hatte zuvor der langjährige Zivilfahnder Waldemar Paulsen erläutert, dass die Zuhälter bevorzugt in den Bauch geschlagen oder getreten hätten, oder eben auf andere Körperteile, bei denen Schläge keine sichtbaren Spuren hinterließen.

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