Als die Hoffnungen und der Mut groß waren. Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Februar 2011. Foto: APA Images/Karam Nasser/Shutte
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Arabischer Frühling Mehr als ein Fehlschlag

Manfred Riepe

Das Erbe des Arabischen Frühlings muss nicht sein Ende sein, wie eine zweiteilige Arte-Dokumentation zeigt..

Im Dezember 2010 wird Mohamed Bouazizi zum wiederholten Mal von korrupten tunesischen Polizisten schikaniert. Doch diesmal leistet der Gemüsehändler verzweifelt Gegenwehr: Er greift zum Benzinkanister und entflammt sich. Sein Tod wird zum Auslöser einer Revolution, die zum Sturz des tunesischen Autokraten Ben Ali führte – und bald auf 17 weitere Staaten der arabischen Welt übergriff.

In seiner zweiteiligen Arte-Dokumentation „Das Erbe des Arabischen Frühlings“ blickt Autor Michael Richter zurück auf die Anfänge. In Tunesien hatten die Menschen genug von einer korrupten Oligarchie und dem brutalen Polizeiapparat. Ihre Forderung: Würde, Gerechtigkeit und Brot auf dem Tisch.

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Der Film betont jene beiden Faktoren, welche die Revolution in Tunesien begünstigten. Zum einen gibt es in diesem nordafrikanischen Land traditionell eine intakte Zivilgesellschaft. Vor allem aber waren es die Bilder der sozialen Medien, die von den Machthabern unterschätzt wurden. Eine Schlüsselrolle kommt der kürzlich verstorbenen Bloggerin Lina Ben Mhenni zu, die durch ihre unabhängige Berichterstattung berühmt wurde. Die Dokumentation verdeutlicht, wie unter anderem ihre Facebook-Posts die Grausamkeit der tunesischen Polizei verbreiteten. Bilder in sozialen Netzwerken rüttelten die Menschen wach und schweißten sie zusammen.

Zweischneidige Rolle der Medien

Der Blick auf den Fortgang der Proteste in Ägypten zeigt jedoch, dass die Rolle der Medien sehr zweischneidig sein kann. Auch in diesem arabischen Land waren es zunächst hauptsächlich jüngere Menschen ohne religiöse Ideologie, die auf die Straßen gingen. Doch gegen die gut organisierten Islamisten hatten jene jungen Idealisten, die Staatschef Hosni Mubarak zum Rücktritt gezwungen hatten und eine Zeitlang von Freiheit und Demokratie träumten, keine Chance.

[Das Erbe des Arabischen Frühlings“, Arte-Mediathek, Dienstag, 20 Uhr 15 im linearen Programm]

Eine Schlüsselrolle spielt hierbei der von Katar finanzierte Sender Al Jazeera. Der Film zeichnet nach, wie diese Fernsehstation daran mitarbeitete, die Muslim-Brüderschaft als „intellektuelle Führer der Revolution“ aufzubauen. Wohin die islamistische Diktatur in Ägypten letztlich führte, ist bekannt.

Der zweite Teil der Dokumentation widmet sich jener Dynamik, welche die auf Syrien übergegriffenen Proteste des Arabischen Frühlings zu einem Dauerkonflikt eskalieren ließen. Der Gewaltherrscher Baschar al-Assad versuchte die Aufstände in seinem Land durch einen grausamen Krieg gegen das eigene Volk niederzuschlagen.

In dieses Machtvakuum stieß der sogenannte Islamische Staat vor. Der Film zeichnet nach, wie das Gift des Islamismus den Arabischen Frühling allmählich infizierte. Denn die Pläne des IS, ein rückwärts gewandtes Kalifat zu errichten, führten unter anderem zu jener gigantischen Welle von Flüchtlingen, von der auch Deutschland betroffen war.

Komplexer Syrienkonflikt

Diesen relevanten Aspekt des Arabischen Frühlings spart der zweiteilige Film aus. Michael Richter konzentriert sich stattdessen auf das komplexe Schachbrett des Syrienkonflikts. Der zunehmend autokratischer werdende türkische Staatschef Erdogan nutzte die Krise im Nachbarland aus, um gegen jene Minderheit der Kurden mobil zu machen, die erfolgreich gegen den IS gekämpft hatten. Unterdessen befeuerte auch Präsident Wladimir Putin den Syrienkrieg, „um Russland als geopolitische Macht im arabischen Raum zu etablieren“.

Der zweiteilige Film endet dort, wo er begann: in Tunesien. Die Dokumentation porträtiert eine Gruppe von Arbeitern, die in einer südtunesischen Stadt eine Plantage besetzten. Mit juristischen Mitteln gelang es ihnen, den Großgrundbesitzer zu enteignen. Es geht diesen Arbeitern um Würde, Gerechtigkeit und Brot auf dem Tisch – nicht um die Scharia. Mit diesem versöhnlichen Ausblick signalisiert der differenziert argumentierende Film, dass die Utopie des Arabischen Frühlings nicht durchweg gescheitert ist.

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