Moderatorin Anne Will führt durch den Sonntagstalk im Ersten. Foto: ARD Das Erste/NDR/Wolfgang Borrs/obs
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Anne Will diskutiert Impfstrategie Haseloff erinnert an Realität – und ruft „Halleluja“

In der Talkshow zeigt man sich beeindruckt, dass es überhaupt einen Impfstoff gibt. Doch wie vorgehen auf den letzten (Kilo)Metern bis alle durchgeimpft sind?

Noch im Frühjahr und Sommer des Corona-Jahres 2020 hieß es, es könne Jahre dauern, bis ein Impfstoff gefunden sei. Wenn überhaupt. Das vermehrte noch Sorgen, Zweifel und Verdruss. Dann, am Jahresende kamen die guten Nachrichten: Vakzine wurden entwickelt! Doch nicht alle erhalten sie überall zugleich. Erneut: Sorge, Zweifel, Verdruss.

Entsprechend wählte Anne Will ihr Thema: „Wenig Impfstoff, hoch ansteckende Virus-Mutationen – mühsamer Start ins neue Jahr“.

Umso erfrischender, wenn Wills Gast, Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und von Haus aus Physiker, an die Realität erinnerte. Er habe es nicht für möglich gehalten, „dass es in dieser Geschwindigkeit einen Impfstoff geben würde“, erklärte er. Man könne „dieses neue Jahr mit einem Halleluja beginnen.“

Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes, stimmte zu, er sei optimistisch: „Wir schaffen das!“. Auch die sich gewohnt verhalten äußernde Virologin Melanie Brinkmann von der TU Braunschweig räumte trotz vieler Caveats ein, dass es „ganz gut aussieht“, bisher auch für die Wirksamkeit des Impfstoffs bei den neuen Varianten.

Aber es blieb viel Raum für das Hadern mit der Gegenwart. Hätte die Republik nicht, so stellte Will die derzeit vieldiskutierte Frage, pauschal so viele Vakzindosen als möglich pauschal vorab bestellen müssen, noch vor der Zulassung? Manuela Schwesig, Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, vermutete, solches Vorgehen wäre, samt Risiko, insgesamt wirtschaftlicher gewesen, als das Beharren auf den EU-Prozess. Sie verstehe nicht, „warum man nicht auf alle Impfstoffe gesetzt“ habe.

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Foto: Ronny Hartmann/dpa Vergrößern
Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt © Ronny Hartmann/dpa

Montgomery wies darauf hin, dass nationales Vorpreschen gegen die EU-Haushaltregeln gewesen sei. Gleiche Milliardensummen quasi auf Rouge und auf Noir zu setzen, das wurde klar, hätte die ärmeren Staaten Europas abgehängt und zusätzliches Gefälle verursacht. Sie wolle „eigentlich gar nicht wissen, wie da geschachert wurde“, seufzte Schwesig, die aktuell die zögerliche Impfstofflieferung bedauert. Sie meint allerdings, dass es jetzt darum gehe „nach vorn zu schauen.“

Auf den letzten (Kilo)Metern ehe die Bevölkerung durchimpft ist, das betonten fast alle in der Runde, komme es mehr denn je auf noch klareres, noch intensiveres Vermitteln und Durchsetzen der Schutzmaßnahmen an. Vor allem beim Einschränken der Mobilität sieht Schwesig mehr Bedarf. Martin Knobbe wiederum, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, der zu Covid-19 recherchiert, moniert vor allem die mangelhafte Sequenzierung des Virus-Genoms. Welche Mutanten vorliegen wird in Deutschland nur alle 900 Tests geprüft. Wie sehr die neue „britische“ Variante vorgedrungen ist liegt daher weitgehend im Dunklen.

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Fragenkaskaden waren zu erwarten, und sie kamen - Antworten kann es noch nicht auf alle geben. Wie es mit Terminvergaben für Impfungen vorangeht, je nach Bundesland, kann niemand exakt voraussagen. Klar ist nur: Es geht. Ob Geimpfte oder Genesene das Virus dennoch weitergeben können? „Vermutlich weniger“, schätzt Melanie Brinkmann.

Wann Geimpfte „sterile Immunität“ erwerben, also weder sich noch andere anstecken? Es ist noch nicht raus. Wie sinnvoll ist es, Schulen zu schließen? Dass es so weit kam, sei ein „Versagen“, bedauert die Virologin, notwendig sei es bei hoher Inzidenz gleichwohl.

Warum tauchen gerade unter Ärzten und Pflegern viele Impfskeptiker auf? Montgomery nimmt an, dass Defizite in der Kommunikation schuld sind. Es sei nicht hinreichend erklärt worden, warum die Zulassung so ungewöhnlich zügig lief. Und was macht Australien besser als Deutschland? Lakonisch weist Reiner Haseloff auf die Landkarte: Deutschland ist keine Insel, ununterbrochen kommen und gehen Pendler.

Politik und Medizin müssen gemeinsam die gigantische Aufgabe meistern, eine gute Sache, einen Impfstoff, gut und klug zu verteilen. Logistische wie ethische Fragen müssen möglichst klar beantwortet werden. Kritik ist wichtig, immer. Zugleich darf sich jeder fragen, was er an der Stelle der Verantwortlichen täte. Das ändert nicht die Kritik, aber deren Ton. Hier, im Salon Will, blieb er moderat. Halleluja auch dafür.

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