Damals und heute. Für das „Histopad“ rekonstruieren Grafiker und Wissenschaftler bis ins kleinste Detail, wie Räume in der Vergangenheit aussahen. Foto: Histopad
© Histopad

Loiretal Auf dem Silber-Tablet

Kahle Wände, leere Säle – doch plötzlich brennt Feuer im Kamin und ein Choral erklingt. Ein Display erfüllt die Schlösser der Loire wieder mit Leben.

Und wo ist jetzt das Schloss? Hat man den Eingang zu Chambord passiert, geht es erstmal durch den Wald. Schilder entlang der Straße warnen vor Wildwechsel. Einst luden hier französische Könige und Präsidenten zur Jagd, das Revier wird von einer 32 Kilometer langen Mauer umgrenzt. Es braucht ein paar Minuten, bis sich das Grün lichtet. Schließlich taucht hinter den Bäumen das größte und vielleicht schönste Schloss des Loiretals auf. Unzählige Türme, Türmchen und fast 300 Schornsteine krönen das Gebäude, drinnen gibt es 440 Räume – und viel Leere.

Manche Reiseführer raten deshalb, sich den Eintritt zu sparen, es bei Fotos von außen zu belassen. Weder Bauherr François I. noch Sonnenkönig Louis XIV. noch irgendein anderer Herrscher verbrachte hier je mehr als ein paar Wochen. Möbel wurden für die Besuche herbei- und danach wieder fortgeschafft.

Um Leute ins Innere zu locken, setzt Chambord seit 2015 auf: eine Zeitreise. Am Eingang können Gäste für 6,50 Euro ein Tablet leihen, das sie zurückversetzen soll ins 16. Jahrhundert, als François I. das Fundament für die absolute Monarchie und für Frankreichs Kolonialreich in Nordamerika legte, gegen die Habsburger kämpfte und vergeblich versuchte, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs zu werden; der Prunk von Chambord war Teil seiner Kampagne für die Krone. Das Gerät, das die damalige Zeit lebendig werden lassen soll, heißt „Histopad“ und ist die Entwicklung einer Pariser Firma. Seit kurzem bieten es auch andere Schlösser der Loire an, wo es besonders viele prächtige alte Bauten gibt. Wie nah kann man der Vergangenheit damit kommen?

Ein Fenster ins Jahr 1545

Also, das Tablet um den Hals gehängt und hinein ins Schloss. Per GPS erkennt das Gerät, wo man sich befindet, bietet einem überall zusätzliche Informationen zu Gemälden an der Wand oder zum Weg in den interessantesten Saal. Für eine Reise zurück in der Zeit muss man sich in den einzelnen Räumen jedoch anmelden, dafür scannt man mit der Kamera des Tablets einen Code. Auch im Eingangsbereich von Chambord. Das Histopad vibriert, das Kamerabild verschwindet, und das Display ist plötzlich ein Fenster ins Jahr 1545. In 360 Grad. Richtung Mauer gehalten, zeigt das Gerät dieselbe – aber eben 500 Jahre früher. Dreht man sich zur anderen Seite oder zur Decke, bewegt sich auch das Bild auf dem Display. Auf dem eigentlich leeren Boden stehen jetzt Tische, mit weißem Tuch verhüllt, eine Leiter, ein thronartiger Holzstuhl. Klick auf einen Pfeil: Der König, liest man da, sei noch nicht eingetroffen. Die Aufbauten für seinen Besuch hätten aber schon begonnen. Hunderte Helfer sind vorab mit den Möbeln angerückt.

Die Momentaufnahmen aus der Vergangenheit sind so exakt rekonstruiert, wie es nach aktuellem Stand der Forschung möglich ist. „Wissenschaftler und lokale Experten arbeiten monatelang zusammen“, sagt Mathilde Michaut vom Entwickler „Histovery“. Virtuell lassen sich auch wertvolle Schmuckstücke von damals, die nun vielleicht im Louvre oder in anderen Museen lagern, zurückholen.

Die 28-jährige Michaut, selbst studierte Historikerin, führt in einen ihrer Lieblingsräume. Er ist kahl, normalerweise würde man hier keine Minute verbringen. Dank der Technik verwandelt er sich in die Gemächer Margarete von Navarras, Schwester von François I. und Schriftstellerin. Wo der Kamin eigentlich mit einer Metallplatte versiegelt ist, lodert nun wieder Feuer. Man hört es tatsächlich knistern, umso lauter, je näher man herantritt. Margaretes Bett mit Baldachin und Vorhängen ist zu sehen, an den Wänden hängen Teppiche. Gegenstände auf den Tischen lassen sich in 3D genauer betrachten und, gleitet man mit den Fingern über das Display, drehen und öffnen. Etwa ein Amulett, das Frauen wie Männer um den Hals trugen, und in dem Zimt, Muskat, Rosmarin steckten.

Leonardo da Vinci verbrachte seine letzten Jahre hier

Figuren sind eher rar in den Histopad-Szenen, sie könnten schnell billig aussehen. Stattdessen soll es oft so wirken, als wäre vor fünf Minuten noch ein Edelmann im Raum gewesen. Wissen kommt in Form interessanter Happen daher. Das Tablet sei kein Ersatz für eine Führung, sagt Mathilde Michaut. Es gehe um eine Erweiterung der Wahrnehmung. Taucht ein Scheren-Symbol auf, blickt man per Klick sogar durch Wände: im Falle von Margarete von Navarras Raum in die angrenzende Privatkapelle und das Zimmer ihres Leibarztes.

Die Zeit auf den Schlössern vertrieb man sich unter François I. nicht nur mit Jagden, sondern auch mit großen Festen. Der König förderte Kunst und Wissenschaft, die Renaissance erlebte in Frankreich damals ihren Höhepunkt, zwischenzeitlich war das Loiretal wichtiger als Paris. Dieses Jahr wird die Epoche in der ganzen Region gefeiert, Anlass ist der 500. Todestag von Leonardo da Vinci. Der Italiener verbrachte seine letzten Jahre hier. Im Schloss von Blois, 16 Kilometer von Chambord entfernt, ist ab Mitte Mai eine Schau zu Kindern in der Renaissance zu sehen. Nochmal 50 Kilometer Richtung Westen, in Amboise, starb Leonardo. Das dortige Schloss zeigt in Kürze eine Ausstellung, die sich mit dem Mythos um die Beziehung zwischen dem Universalgenie und François I. beschäftigt. An beiden Orten gibt es inzwischen Histopads, im Ticket inbegriffen.

Auch an Chambord soll Leonardo mitgewirkt haben. Der Entwurf für die große Wendeltreppe, auf der sich Hinunter- und Hinaufgehende nicht begegnen, stammt wohl von ihm.

Festung von Chinon und Jeanne d’Arc

Doch das Loiretal, Unesco-Welterbe, wurde nicht erst in der Renaissance zum kulturellen Zentrum. Dank der Schönheit der Landschaft und der strategisch günstigen Lage im Herzen Frankreichs war es schon vorher bedeutend. Der Fluss wirkt bis heute sehr ursprünglich, mit seinen Inseln und Überschwemmungsgebieten ist er auch Rückzugsraum für viele Tierarten. Wer mit Auto oder Rad entlang der Loire und ihrer Nebenflüsse unterwegs ist, passiert Seen, Waldgebiete und Weinstöcke, Burgen, Kathedralen, Fachwerkhäuser und enge Altstadtgassen.

In der „Cité royale“ des Städtchens Loches befindet sich einer der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Wehrtürme. Dieser Donjon stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist 36 Meter hoch. Noch heute kann man die Stufen hinauf nehmen, hat dann einen fantastischen Ausblick und schaut zugleich ins leere Innere des Turms. Von den Zwischengeschossen, die hier einst eingezogen waren, sieht man fast nichts mehr, auf den massiven Mauern wächst Moos. Sich mittelalterlichen Alltag in diesem Gemäuer vorzustellen, erfordert viel Wissen und Fantasie. Oder eben ein Tablet, mit dem man zum Beispiel einen Blick in die Kapelle oben im Donjon werfen kann (wenn die Wurfgeschosse bei der Abwehr versagten, konnte man immer noch auf göttlichen Beistand hoffen): an der Wand ein Bild des letzten Abendmahls, ein Choral erklingt, Glocken läuten.

Ganz neu ist das Histopad in der Festung von Chinon, in der sich eine Episode um Nationalheldin Jeanne d’Arc abgespielt hat. Vor eineinhalb Jahren begannen die Vorbereitungen, erzählt Leiterin Marie-Ève Scheffer. Die Archäologin und andere Forscher auf der einen Seite, auf der anderen „Grafiker, die eher aus der Welt der Videospiele stammen – das war leidenschaftlich!“ Eine Histovery-Mitarbeiterin suchte Museen in ganz Europa nach einem bestimmten Krug ab, weil man den unbedingt dreidimensional brauchte, und dann war da diese Episode mit den virtuellen Pferden. Die Grafiker hatten ein Paket mit irgendwelchen Rassen gekauft. Zwischenzeitlich standen also Pferde wie aus einem Cowboy-Film im 15. Jahrhundert herum, „dabei gab es die in Frankreich damals doch gar nicht!“

Zur Startseite