Kein Sofa und kein Fernseher, was dann?

Bielefelds Lion Class, Baujahr 1964, 36 Fuß lang. Foto: Marc Bielefeld
Liebeserklärung ans Segeln Ein Mann, ein Boot

Neulich segelte ich nach Dänemark, zwischen den südlichen Zipfeln Langelands und Aerøs hindurch in die Dänische Südsee. Es gibt viele Inseln dort, viele Buchten und versteckte Häfen.

Flach und beinahe maledivisch liegen die Sandbänke im Meer, die Enden der Menschenwelt, umflogen von nichts als Vögeln. Oft schwimme ich dorthin, setze mich in den Sand. Tauche am Meeresgrund ein wenig durch die Gegend und betrachte mir das Seegras. Wunderschöne Gemälde darf ich erblicken, und werde da unten manchmal traurig, dass ich kein Fisch bin.

Seit drei Monaten bin ich nun wieder an Bord; und ab und an wackele ich schon selbst ein wenig. Um mich herum nur Wasser. Am nördlichen Ufer, etwa 500 Meter entfernt, sehe ich Schilf und einige Stockenten, schaue durchs Fernglas. Im Süden ein kleiner Hafen, dort liegen Yachten und an den Pfählen vertäut vier, fünf offene Fischerboote, die noch rausfahren und meistens am frühen Morgen zu den Reusen tuckern.

Die Yacht ist älter als ich

Fünf Tage war ich nicht mehr an Land. Die gute Yacht ist schon alt, älter als ich, 52 Lenze hat sie auf dem Buckel. Ganz aus Holz gebaut, zehn Meter und 70 Zentimeter lang, zwei Meter und 80 breit. Vier Kojen gibt es an Bord, ein kleines Waschbecken, dazu drei Petroleumlampen, einen zweiflammigen Spirituskocher und eine winzige Seetoilette. Mehr nicht.

Ich habe um die 50 Bücher dabei. Keinen Fernseher, kein Sofa, kein großes Bett. Aber das macht nichts. Ich klappe den kleinen Tisch aus Teak auf, setze mich auf eine der Kojen und arbeite, schreibe meine Texte. Schwebe dabei auf dem Wasser, irgendwo in der Stille unseres Nordens.

Inzwischen summieren sich Jahre, die ich so verbracht habe. Einige haben mich deswegen schon für verrückt erklärt. Andere sagen: wie schön. So einfach und weit weg von allem.

Ich denke, ich spüre, wie es dem Boot geht. Wann es Zeit ist, aufzuklaren. Wann ein Blick in die Bilge nötig ist und wann das alte bronzene Seeventil an Backbord nachgezogen werden muss. Ich weiß, welches Fall im Wind zappelt, wann die 60 Liter Wasser nachzubunkern sind, zum Trinken, Kochen, Spülen. Ich schreibe Listen und gehe den Punkten in Ruhe nach. Die kleine Stelle an Backbord schleifen und lackieren, vorne am Kajütaufbau, da ist Farbe abgeplatzt. Den kleinen Propeller der Logge unten am Rumpf gelegentlich freitauchen.

Du reparierst dich um die Welt

Viele solcher Aufgaben sind an Bord zu erledigen. Ein ewiges Justieren, Prüfen, Schrauben, Montieren. Hören die Probleme irgendwo auf, fangen sie an anderer Stelle wieder an.

Tausend Segler haben mir das bestätigt, ihnen und ihren Schiffen gehe es genauso. Einer sagte mir mal: „Wenn du um die Welt segeln willst, musst du gar kein Segler sein. Du musst ein Bastler sein. Du reparierst dich um die Welt.“

Ich rege mich nicht mehr darüber auf. Ein leckendes Ventil, ein abgebrochenes Positionslicht, der verbogene Sicherungsbolzen am Anker. Ich schreibe die Listen und gehe die Punkte an. Ich weiß jetzt, dass es ein Gesetz ist und dass es nie aufhört. Es ist wohl ein bisschen so wie mit dem Leben.

Irgendwann, wenn du zu lange in einem Hafen, in einer Bucht liegst, sagt dir das Boot, dass es los will. Das Boot sagt das natürlich nicht wirklich. Aber es sagt es eben doch.

Ich stehe ganz hinten im Cockpit, in der Plicht, schaue zum Bug. Der ganze Rumpf strebt von hier aus betrachtet nach vorn, biegt sich in zwei schönen Linien zusammen und am Ende leicht nach oben. Der Bug erhebt sich und verschmilzt mit dem Vordersteven. Hübsch sieht das aus. Fast wie eine Pfeilspitze zeigt das Boot aufs Wasser. Und auf diese Weise sagt es dir irgendwann, wenn du nur lange genug in diesem Anblick versinkst: Schmeiß die Leinen los, Junge, ich will jetzt raus und einen großen Schluck Wind trinken.

Wie viele Seemeilen bin ich diesen Sommer gesegelt? Es sind immer zu wenige. Durch die deutsche Ostsee, ein paar Runden zu den dänischen Inseln, ein Abstecher ins Smålandsfahrwasser, wo nur weitere Inseln schwammen.

Omø, Fejø, Femø. Ich sah die hellbraunen Felder, die grünen Wiesen, die Dörfer. Die Kirchen der kleinen dänischen Kommunen. In den Gärten standen die Holzbänke unter Schatten werfenden Birken und Weiden, und die Frauen brachten Kaffee in alten, angelaufenen Silberkannen.

Freunde kamen an Bord. Wir gingen an den Stränden und Stegen baden und sprangen von Bord. Doch nun war die Zeit gekommen, eine größere Seekarte herauszukramen für ein anderes Seegebiet. Es sollte nach Norden gehen. Einfach los. Ohne Ziel, ohne Zeit. Strecke machen, ein paar Seemeilen mehr und das Boot laufen lassen.

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