Nicht alle Briten wollen die EU verlassen. Foto: imago/Zuma Press
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Kolumne: Moritz Rinke erinnert sich Meine Brexit-Schlacht mit Gabeln

Moritz Rinke

„Are you for the Brexit or are you for Remain?“ Wie eine unschuldige Frage bei einem Dinner auf den Kanaren für Eklat sorgte.

Ich habe einer Schlacht zwischen einem Nordiren und Engländern beigewohnt. Der Auslöser war meine Gabel, die ich bei einem Dinner auf einer kanarischen Insel offenbar falsch gehalten hatte. Meine Sitznachbarin, eine Engländerin, tippte auf meinen Arm und sagte, für die Teilnehmer des Essens deutlich zu verstehen: „Are you not educated?“

„Oh, he is a writer from Germany“, sagte die gegenübersitzende Deutsche. „But his fork is focused on me!“, erwiderte die Engländerin. Die Gabel sei auf sie gerichtet.

Mittlerweile war es still am Tisch geworden. Alle starrten auf mein Besteck. In Deutschland hatte ich gerade meine Theaterkritiker überstanden, dachte ich, jetzt kommen die Gabelkritiker! Um das Thema von meiner Gabel auf irgendetwas anderes zu lenken, fragte ich in die Runde: „Are you for the Brexit or are you for Remain? The public opinion in Great Britain is owerflowing to Remain, isn’t it?“ Die Formulierung „owerflowing to Remain“, dachte ich, würde bestimmt als besonders educated betrachtet werden.

Meine Sitzpartnerin sah mich jetzt noch entsetzter an, als hätte ich ein Königreich der Gabeln auf sie gerichtet.

„Never ever our United Kingdom will stay in this European Union!“ Niemals.

Mein Tischnachbar beugte sich seitlich über meinen Teller, um der Never-ever-will-stay-Engländerin in die Augen zu sehen.

„Then leave Spain, right now und go back!“, sagte er mit deutlicherer Stimme, als sie ihre Gabelkritik geäußert hatte.

Rund 50 Prozent der Ausländer hier sind Engländer

Mittlerweile wartete der ganze Tisch auf ihre Antwort. Sie schien plötzlich richtig unter Druck zu geraten und war, was mich freute, aufgefordert worden, Spanien auf der Stelle zu verlassen.

„Why should she leave Spain?!“, erhob der Tischpartner zu ihrer rechten Seite seine Stimme, der sich als ihr Mann herausstellte und sich nun so weit vorgebeugt hatte, dass er mit seinem knallroten Kopf über dem Teller seiner Frau war, also schon fast über meinem.

Man muss dazu erklären, dass auf den Kanaren sehr viele Engländer wohnen. Sie lieben Inseln und gutes Wetter. Rund 50 Prozent der Ausländer auf den Kanaren sind Engländer, die hier ihren Lebensabend verbringen.

Der englische Ehemann meiner Tischnachbarin, wurde mir später erklärt, habe drei Häuser auf der Insel, besitze die spanische Staatsbürgerschaft, verachte aber die Spanier und halte Spanien für falsch regiert.

„Why should she leave Spain, Sir?!“, rief er erneut meinem Tischpartner zu, der daraufhin wiederum seine Gabel nahm, sie in sein blutiges Steak rammte und ohne Antwort die Tafel verließ. Er stand leicht zitternd draußen, rauchte, und ich stellte mich zu ihm. Er habe auch ein kleines Haus auf dieser Insel, erzählte er, und pendele seit Jahren zwischen seinem geliebten Belfast und dieser geliebten kanarischen Insel.

Doch nun fürchte er, für sein eigenes Haus bald ein Visum zu brauchen, und verkaufen könne er auch nicht, weil der Brexit schon jetzt die Preise habe fallen lassen. Und es bringe ihn sehr zum Wahnsinn, wenn Engländer, die gar nicht mehr in England leben, sogar für die Nordiren bestimmen wollen, in was für einer Ordnung Europas sie bitteschön zu leben hätten.

Es schien, als wische sich der Mann Tränen aus den Augen. So ein nordirisch-spanisches Herz, dachte ich, ist doch ein schönes Argument für Europa. Am liebsten wäre ich wieder hineingegangen und hätte die Brexit-Befürworterin mit der Gabel für alle Nordiren zum Remain gezwungen.

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