Mamaaaa, hör' doch mal auf, die Bilanzen zu checken! Foto: Getty Images / iStockphoto
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Kinderliebe ist Arbeit Warum bin ich jetzt so müde?

Dass ein Kind Geborgenheit braucht, darüber herrscht Einigkeit. Aber muss die meiste „emotional labor“ dann noch immer an den Frauen hängenbleiben?

Wenn die Tochter Geburtstag hat, muss es dann ein selbstgebackener Kuchen sein? Spürt das Kind mehr Liebe und Geborgenheit, wenn der Kuchenduft aus dem Ofen durch die Wohnung wabert? Ist der Sohn glücklicher, wenn sein neues Lego-Set in Geschenkpapier gewickelt wurde? Oder tut es auch der braune Pappkarton?

Über diese Fragen zerfleischen sich viele Elternpaare. Mit erstaunlich gleichförmig verteilten Rollen: Sie findet, ein gekaufter Geburtstagskuchen kommt einer emotionalen Bankrotterklärung gleich. Er meint: Hauptsache, es steht überhaupt was mit Schokolade auf dem Tisch.

Weil die Mutter nicht will, dass ihr Kind an seinem Ehrentag vor einem rechteckigen Klotz von Dr. Oetker sitzt und sein Präsent aus einem Karton friemeln muss, rennt sie also los, besorgt Zutaten und Papier, stellt sich am Abend in die Küche und rührt den Teig an. Während der Kuchen im Ofen aufgeht, packt sie die Geschenke ein, inklusive Schleife und mit Luftballon obendrauf. Hat dabei allerdings schlechte Laune, weil mal wieder alles an ihr hängen bleibt. Er dagegen sieht gar nicht ein, dass er sich stressen soll – nur weil sie übersteigerte Erwartungen hat.

Die unsichtbare Arbeit der Frauen

Das Problem ist: Die Frage, ob sich ein Kind wirklich mehr über einen selbstgebackenen Kuchen freut, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Die Maßstäbe in diesem Bereich sind schwammig. Einigkeit besteht allerdings in dem Umstand, dass dem Nachwuchs ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt werden muss, damit er gesund aufwächst – und, dass die damit einhergehenden Aufgaben immer noch öfter die Frauen schultern.

Um die Art von Fürsorge zu benennen, die über die reine Versorgungsebene hinausgeht, hat sich im angelsächsischen Raum der Begriff „emotional labor“ etabliert. Im Deutschen spricht man von emotionaler Arbeit oder Gefühlsarbeit. In ihrem Buch „Es reicht. Warum Familien- und Beziehungsarbeit nicht nur Sache der Frau ist“ erklärt die Amerikanerin Gemma Hartley, was damit gemeint ist: „Die unbezahlte, unsichtbare Arbeit, die wir leisten, damit die Menschen in unserer Umgebung zufrieden sind und sich wohlfühlen können.“ Die Journalistin argumentiert, die Frauen lieferten damit den Schmierstoff für das funktionierende Zusammenleben. Sie führen den Smalltalk mit den Nachbarn, sie rufen die Verwandten an, sie besorgen die Geschenke für Kollegen.

Hartley meint: „Für sich genommen ist keine dieser Aufgaben besonders aufwendig, aber in Summe werden sie zur Belastung, vor allem, weil an Männer nicht dieselben Anforderungen gestellt werden.“ Erschwerend kommt noch hinzu, dass auch bei den Aufgaben, die eher in den Bereich der reinen Verwaltung und Organisation fallen und im Englischen als „mental load“ („mentaler Ballast“) bezeichnet werden, meist ein Geschlecht gefordert ist: Wer plant den Einkaufszettel, wenn Besuch ins Haus kommt, hat die Ferientermine und Kita-Schließzeiten 2020 im Kopf, den Pegelstand der Milch im Kühlschrank und die Handynummer des Gitarrenlehrers? Die Frauen.

Ein blinder Fleck im kapitalistischen System

Die Berliner Geschlechterforscherin Aline Oloff findet den Begriff „emotionale Arbeit“ gut gewählt, weil er verdeutlicht, dass es sich hierbei um eine Leistung handelt, die Kraft kostet und Anerkennung verdient. Für braucht man Kompetenzen, sie zu erbringen kostet Zeit. Es ist keine Erwerbsarbeit, aber Arbeit ist es trotzdem. Und zwar eine, die keinen Feierabend kennt.

Studien belegen, dass Frauen in der Phase, wenn die Kinder klein sind und gleichzeitig die Karriere vorangetrieben werden will, einen höheren Vereinbarungsdruck empfinden als Männer, alles unter einen Hut zu bringen. In dieser Lebensphase fühlen sich viele Mütter permanent gestresst und erschöpft. Und hadern mit sich: Was ist denn los mit mir? Ich war doch den ganzen Nachmittag nur mit den Kindern zu Hause und kurz bei der Nachbarin oben, warum bin ich jetzt so fertig?

Es kann eine große Entlastung bedeuten, wenn man das, was man getan hat, auf einen Begriff bringen kann, wenn man also weiß, dass man zwar keiner bezahlten Tätigkeit nachgegangen ist, aber sehr wohl gearbeitet hat. Weil Frauen sich so lange stillschweigend und unbezahlt hinter den Kulissen darum gekümmert haben, gelten diese Tätigkeiten als blinder Fleck im kapitalistischen System. Die „mental load“ kann man vielleicht auf Babysitter oder Lieferdienste abwälzen, wird dann jedoch vielfach mit schlechtem Gewissen bestraft. Und emotionale Arbeit lässt sich gar nicht delegieren.

Die Hälfte der Frauen in Deutschland arbeitet in Teilzeit

Mithilfe von Zeitbudgetstudien lässt sich die Verteilung der Zuständigkeiten genau beziffern, etwa wenn man sich die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern im Vergleich anschaut. Obwohl die Summe der wöchentlich geleisteten Arbeit bei Müttern und Vätern mit durchschnittlich rund 58 Stunden etwa gleich hoch ist, unterscheidet sich die Aufteilung deutlich: Väter verbringen 62 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Erwerbsarbeit, während bei Müttern die Nichterwerbsarbeit mit 70 Prozent den größten Anteil darstellt, ergab eine von der Bundesregierung geförderte Erhebung.

Geschlechterforscherin Oloff sagt, dass wir uns an vielen Stellen für wesentlich gleichberechtigter halten, als wir sind. Knapp die Hälfte der berufstätigen Frauen in Deutschland arbeitet in Teilzeit. Während die Zahl der Stunden, die Väter mit Erwerbsarbeit verbringen, steigt, wenn das erste Kind kommt, nimmt sie bei den Müttern ab. Mütter verdienen in Deutschland zehn Jahre nach der Geburt im Schnitt 61 Prozent weniger als im letzten Jahr davor.

Für viele Paare ist das zum Zeitpunkt der Familiengründung eine rationale Entscheidung: Männer arbeiten häufiger in besser bezahlten Branchen oder verdienen mehr, sie sind meistens älter als ihre Frauen und haben schon eine höhere Karrierestufe erreicht. Diese Differenz vergrößert sich mit jedem weiteren Kind. Wenn die Frau Teilzeit arbeitet und der Mann voll, wird er auch schneller die Karriereleiter erklimmen. Laut Bundesfamilienministerium verdienen in Deutschland 90 Prozent aller Frauen zwischen 30 und 50 Jahren weniger als 2000 Euro netto im Monat. Eine Spätfolge ist, dass Frauen hierzulande im Schnitt nur 47 Prozent der Altersbezüge von Männern erhalten, wie aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Jahr 2017 hervorgeht.

„Wir leben noch in der Epoche der Spätmoderne“

Für Oloff sind diese Zusammenhänge ein Anhaltspunkt dafür, wie wirkmächtig die traditionellen Geschlechterrollen noch immer sind. „Historisch betrachtet leben wir noch in der Epoche der Spätmoderne“, sagt sie. Das heißt, die Paradigmen der Moderne prägen uns weiterhin – und damit auch die entsprechenden Rollenerwartungen an Mann und Frau.

In den Konversationslexika des 19. Jahrhunderts waren deren Eigenschaften genau festgelegt, man ging von „Geschlechtscharakteren“ aus. Im „Handwörterbuch für die gebildeten Stände“ von 1815 heißt es etwa: „Der Mann muss erwerben, das Weib sucht zu erhalten; der Mann mit Gewalt, das Weib mit Güte oder List. Jener gehört dem geräuschvollen öffentlichen Leben an, dieses dem stillen häuslichen Circel.“ Damit fällt der Frau die Aufgabe zu, die Kinder aufzuziehen und dafür zu sorgen, dass der Mann zu Hause seine Batterien ganz entspannt wieder aufladen kann.

Ich mach’ das schon. Viele Frauen planen den gesamten Familienalltag. Die Aufgaben werden in Summe zur Belastung. Illustration: Jonas Schulte, Hau Le; Foto: Rachel-Pfuetzner/Unsplash Vergrößern
Ich mach’ das schon. Viele Frauen planen den gesamten Familienalltag. Die Aufgaben werden in Summe zur Belastung. © Illustration: Jonas Schulte, Hau Le; Foto: Rachel-Pfuetzner/Unsplash

Noch in den 1950er Jahren waren Ratgeber für Ehefrauen üblich (und sie sind bis heute auf dem Markt), in denen die Frauen nachlesen konnten, wie sie sich zu verhalten hätten – etwa wenn der Gatte am Abend heimkam. Es empfehle sich, ein köstliches Abendessen bereitzuhalten, die Kinder und sich selbst schön zurechtzumachen („Gönnen Sie sich 15 Minuten Pause, so dass sie erfrischt sind, wenn er ankommt!“) und vor allem: Heiter sein!

Kinder kopieren, was sie vorgelebt bekommen

Auch wenn heute niemand mehr erwartet, dass die Frau sich abends extra eine Samtschleife ins Haar bindet – die Muster stecken noch in den Köpfen. Hartley schreibt: „Mein Leben lang war ich konditioniert worden, immer einen Schritt weiter zu denken, die Bedürfnisse meiner Umgebung vorauszuahnen und mich liebevoll um deren Erfüllung zu kümmern. Sorgearbeit war ein Komplex von Fertigkeiten, in denen ich seit der Kindheit trainiert worden war.“ Wie sie fühlen sich viele Frauen ständig dafür verantwortlich, dass es allen in ihrem Umfeld gut geht. Nicht nur ihren Männern und Kindern, sondern auch Nachbarn, Verwandten, Haushaltshilfen, Kollegen. Nach deren Befinden erkundigen sie sich zuverlässig, besorgen zum Geburtstag einen Blumenstrauß.

Die New Yorker Kolumnistin Judith Shulevitz wertet diese „innere Besorgtheits- und Organisationsplackerei“ sogar als eines der am schwierigsten zu überwindenden Hindernisse für die Gleichberechtigung der Frau am Arbeitsplatz. „Aufgrund dieser zusätzlichen Erwartungen ist es Frauen nicht gestattet, sich im gleichen Umfang wie Männer einer konzentrierten Arbeit zu widmen“, stellt Hartley fest.

Die Kinder wiederum beobachten ihre Eltern und entwickeln ihr eigenes Rollenverständnis auch vor diesem Hintergrund. Wie verhält sich ein Mann, wie eine Frau? Das Kind kopiert, was es vorgelebt bekommt.

Fürsorglich – oder verweichlicht und unmännlich?

Es ist nicht leicht, die Geschlechterrollen einfach abzustreifen, weil die damit verbundenen Erwartungen noch immer im Raum stehen. Wer davon abweicht, braucht ein gesundes Selbstbewusstsein. Denn immer wenn man die vorgesehene Rolle nicht ausfüllt, schwingt die Sorge mit, als Frau oder Mann nicht begehrenswert zu sein. Gilt ein Mann, der die Geschenke schön verpackt, noch als fürsorglich – oder schon auch als verweichlicht und unmännlich?

Der Schauspieler Til Schweiger hat den Kriterienkatalog für seine nächste Ehefrau kürzlich so formuliert: „Ich muss sie hübsch finden, sie muss mich verzaubern, zum Lachen bringen und sich auch für Schwächere einsetzen.“

Nun wird allerdings eine Frau kaum für fröhliche Stimmung sorgen, wenn sie ihrem Partner sagt, dass er in Zukunft mehr liefern muss. Etwas zu bemängeln und Ansprüche zu formulieren, gehört nicht zum Idealbild von Weiblichkeit. Frauen, die es trotzdem wagen, laufen Gefahr, mit den gängigen Stereotypen abgespeist zu werden: Sie sind unentspannt, machen Stress, micromanagen ihre Männer.

Wir müssen unsere Rollen neu definieren

Das Konzept der „emotionalen Arbeit“ kann da helfen. Um klarzumachen, dass es um eine strukturelle Schieflage geht. Um die zu ändern, müssten zum Beispiel die Arbeitszeitmodelle flexibler werden, so dass beide Partner ihre Arbeitszeit verkürzen können, solange sie sich um kleine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern. Während der „Rushhour des Lebens“ wird dann keiner der Partner 40 Stunden pro Woche im Büro sein können. Aber wenn dafür etwa beide 30 Stunden arbeiten, gerät auch niemand in die Rolle der reinen Zuverdienerin, die in finanzielle Abhängigkeit schlittert.

Hartley jedenfalls ist davon überzeugt, dass sich das in jeder Hinsicht auszahlt: „Die eindeutigen, unmittelbaren Vorteile, die es mit sich bringt, dass wir unsere Rollen neu definieren, liegen auf der Hand: ein erfülltes Leben, eine bessere Partnerschaft, das Gefühl echter Gleichstellung.“

Wenn sie recht hat, bedeutet das möglicherweise auch: nie mehr Stress wegen des gekauften Kuchens oder verkrumpeltem Geschenkpapier.

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