„Fürsorge ist unser größtes gesellschaftliches Defizit“

Notstand. In Deutschland gibt es i mmer mehr Pflegebedürftige und zu wenig Pflegekräfte. Foto: imago/Gerhard Leber
Interview mit Schriftstellerin Juli Zeh "Ich bin eine gut bezahlte Arbeitslose"

Welches Modell schwebt Ihnen vor?

Ein System zu finden, was das menschliche Leben unabhängig von Arbeit würdigt. Denn die Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt weiter verändern. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein allererster zarter Ansatz. Die große Frage bleibt, wie wollen wir uns in Zukunft definieren, wenn nicht über die Arbeit? Und dann kommen wir zu unserem größten gesellschaftlichen Defizit. Wir sind ein schweinereiches durchindustrialisiertes Land und bei der Fürsorge für Schwächere, die Alten, die Kranken, die Kinder, völlig defizitär aufgestellt. Pflegenotstand, Krankenhäuser am Abgrund, zu wenige Kitaplätze. Das kann doch nicht sein. Wäre es möglich, eine Gesellschaft zu organisieren, in der die Fürsorge den menschlichen Wert ausmacht und nicht die bezahlte Arbeit? Ansätze gibt es schon, kleine Gemeinschaften, die sich in einem Stadtviertel vernetzen und eine Hilfeleistungstauschbörse anbieten. Einer kann Kinder betreuen, Hunde ausführen, Klavierspielen, was weiß ich. Dann brauchst du nur einen Umrechnungsmodus, aber ich meine jetzt nicht Geld, sondern ein Creditsystem.

Seit Jahren leben Sie in einem Brandenburger Dorf. Hat Ihnen das Landleben diese soziale Dimension nahegebracht?

Zumindest greifbarer gemacht. Es hat mir eine Idee davon verschafft, was Leute zufrieden macht. Ich lebe in einer Gegend, in der Menschen ökonomisch betrachtet sehr arm sind. Sie arbeiten viel, kriegen aber keinen Burnout. Weil sie ihr Selbstbild, ihre Freude, ihre Energie über die soziale Dimension beziehen.

Sie sind gut im Dorf vernetzt. Die Nachbarin kommt und bringt Ihnen Selbstgebackenes?

Kuchen ist die Idee des Städters vom Landleben. Nee, bei uns ist das nicht so. Neulich bin ich mit einer Schubkarre voll perfekt reifer Pfirsiche durch das Dorf gefahren, frisch gepflückt aus unserem Garten. Die wollte keiner haben. Es gibt hingegen eine große Selbstverständlichkeit in der Begegnung und in der Kooperation. Jeder sieht sich ständig, redet über seinen Alltag, findet eine Möglichkeit, zu helfen.

Umgekehrt fühlt man sich im Dorf schnell überwacht.

Also das empfinde ich halt null, ich habe mich in der Stadt total beobachtet gefühlt, da hängen doch die Kameras. Ich kann bei uns im Schlafanzug mit hochstehenden Haaren und einer Zahnbürste im Mund aus dem Haus gehen und mit meinem Hund morgens seine Pinkelrunde machen. Interessiert keine Sau.

Sie reden von persönlicher Freiheit, die Sie empfinden. Wie haben Sie die als Jugendliche in Bonn erlebt?

Ich habe mich total frei gefühlt. Vielleicht lag’s auch an der Epoche, Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, die Zeit des Mauerfalls, des Endes von Blockkonfrontation. Die Zukunft sahen wir positiv. Wir Schüler waren so: Yeah, ich will reisen, Sprachen lernen, raus hier. Das schon mal sowieso. Ich wollte weg ...

… von der Godesberger Mischung, wie Sie das einmal nannten ...

… aus der sehr sicheren und ein wenig langweiligen Stadt. Wir hatten alle hochtrabende Pläne. Aber eben nicht, um bloß keinen Fehler zu machen. Wir sind mit 16 auf Interrail gegangen, wo die Eltern gekreischt haben. Richtung Süden, durch Italien tingeln, das war unser Ausdruck von Lebensgefühl. Natürlich hatte das was Kulissenhaftes. Wir spielten Vagabunden. Landstreicher, die sich vier Wochen plagten und dann zurück nach Hause fuhren.

Und wie war es, ohne Eltern zu verreisen?

Objektiv betrachtet: die Hölle. Ich hatte nach einer Woche einen Darminfekt, habe nachts draußen in irgendwelchen Stadtparks gepennt, bin von der Polizei mit einem Wasserschlauch weggespritzt worden. Aber ich fand mich selber toll, der erste Gang in die Welt hinaus. Interrail steht symbolisch für die damalige Zeit. Zu sagen, ich brauche keine Sicherheit, kein Geld, nur mich selber und dieses Zugticket. Heute ist es ja oft so, oh Gott, ich muss in die Stadt, wo ist mein Handy, wo sind meine passenden Schuhe und noch drei Pullover. Diese Absicherung gegen jede Form von Alltagsrisiko empfinde ich als den Zeitgeist.

Sie haben damals auch die sichere Variante gewählt und nach der Schule Jura studiert – in Passau.

Können wir das nicht ausklammern? Ich bin wirklich nur hin, weil ich dachte, ich kann da mein Studium mit einer fachspezifischen Fremdsprachenausbildung kombinieren. Das gab es kaum an einer anderen Uni. Unter den Studenten war die Perlenketten- und Barbour-Jacken-Dichte extrem hoch, die trugen alle diese Gold-Creolen, richtig fies. Das hatte den angenehmen Effekt, dass ich provokant sein konnte, ohne mich weit aus dem Fenster zu lehnen. Es hat völlig gereicht, keine Barbour-Jacke zu tragen – schon war ich der Ober-Punk.

Was haben Sie sich davon versprochen?

Keine Ahnung, einfach so „anti“, das war damals die Zeit, superlinks, Grunge, kaputte Klamotten. Wir aus dem gesettelten Westen wollten irgendwie der Wohlstandsgesellschaft entkommen.

Während zur selben Zeit der Osten hinein wollte.

Endlich mal was zu haben, was nicht kaputt ist, stimmt. Als ich 1995 nach Leipzig zog, hatte ich am Anfang Diskussionen mit Leuten, die nicht verstanden, dass ich die kaputte Stadt so romantisch fand. Ich konnte mich begeistern für das alte Reichsgericht, den Birkenwald auf dem Dach, der in den Regenrinnen gewachsen war und einen Kranz um das Gebäude bildete. Die Leute fanden es obszön, dass ich das nicht als Zeichen einer Verwahrlosung begriff.

War die persönliche Freiheit in Leipzig größer als in Passau?

Nach Ostdeutschland zu gehen, das war wie der Aufbruch ins Weltall. Ich fand es so irre in den ersten Jahren, welche unterschiedlichen Lebensauffassungen ich im Vergleich zum Westen sah. Dass es im Leben nicht nur darum geht, mehr zu erreichen, mehr zu schaffen. Natürlich herrschte eine Aufbruchsstimmung, ein Zustand der Befreiung. Und der wurde nicht umgesetzt in roboti, roboti, sondern es wurde Kunst gemacht, gefeiert, ohne Ende geredet.

Spielten andere soziale Werte eine Rolle?

Der hilfsbereite Ossi, dieses Klischee stimmt eben auch. Ich bin mit meiner ganzen WG von Passau nach Leipzig gezogen, in ein total frisch saniertes, nach Trockenbau stinkendes Haus. Nach drei Monaten waren wir nicht mehr zu viert, sondern zu acht, weil der Winter kam, es bei vielen Leuten keine Heizung gab oder gerade keine Kohlen, und die gingen dann zu denen, die warme Öfen hatten. Das war völlig normal. Oder dass man in einen Elektronikladen geht, wo irgendein Bastler sitzt, man wollte eigentlich nur was gucken, und dann trinkt man drei Stunden Kaffee mit dem Mann.

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