Der Palliativmedizin steht inzwischen eine ganze Palette an schmerzlindernden Medikamenten bereit. Foto: imago/MITO
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Interview mit Hospizleiter Johannes Schlachter „Nach uns kommt nur noch der Tod“

Mit seinem Team begleitete er tausende Sterbende. Hospizleiter Johannes Schlachter über letzte Wünsche und Witze mit seinem Namen.

Herr Schlachter, Sie leiten seit 20 Jahren ein Hospiz und müssen es wissen: Kann man schön sterben?

Eindeutig ja. Stellen Sie sich vor: Sie sind an dem Ort, an dem Sie sein wollen. Sie sind mit den Menschen zusammen, die Sie um sich haben wollen. Sie haben alles geklärt, was es zu klären gibt. Einen schöneren Tod gibt es gar nicht.

Romantisieren Sie da nicht ein wenig?

Wer am Lebensende angekommen ist, hat meistens eine weite Reise hinter sich. Als erstes die Diagnose: Man ist schwer krank. Dann beginnt man eine Therapie, hofft und bangt und kämpft. Doch die wirkt nicht, jetzt kommt der dritte Schritt: Ich weiß, dass ich sterben werde, ich fange an zu akzeptieren, dass es so ist. Wir sind die vorletzte Station. Nach uns kommt nur noch der Tod.

Laut Insa-Meinungsumfrage hat jeder zweite Deutsche Angst vor dem Sterben.

Unsere Erfahrung ist, je näher der Tod kommt, umso weniger fürchten sich die Menschen davor. Am Anfang kann die Angst, die Wut oder Verzweiflung sehr groß sein. Warum ich? Warum muss ich so leiden? Im Laufe der Zeit verschiebt sich das, die Patienten machen sich größere Sorgen um ihre Angehörigen, die ja weiterleben und alleine bleiben.

Ältere Menschen haben vielleicht erfüllt gelebt, aber wie kann ein junger akzeptieren, dass es vorbei ist?

Wenn junge Leute sterben, ist das schrecklich. Immer wieder. Auch für uns. Da ist die Trauer bei allen ganz anders zu spüren, weil es so nicht vorgesehen ist. Dann wiederum erinnere ich mich an eine junge Frau. Sie hatte seit 13 Jahren Krebs und wirklich alles versucht. Nun war sie am Ende angelangt. Sie sagte: Jetzt erkenne ich, dass ich sterben muss, und ich fühle mich total erleichtert. Ich muss weder schön sein, noch meinen Uniabschluss schaffen, noch einen guten Mann heiraten. Oder da ist gerade ein junger Vater mit zwei kleinen Kindern, die hier über den Gang toben. Die ganze Familie nimmt am Sterbeprozess teil ...

Johannes Schlachter ist Leiter des Ricam Hospiz in Berlin-Neukölln. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Johannes Schlachter ist Leiter des Ricam Hospiz in Berlin-Neukölln. © Thilo Rückeis

Hat der Mann seinen Tod akzeptiert?

In einem Moment ja, im nächsten ist er verzweifelt. Er kommt aus einem anderen Land, hat unsere Sprache gelernt, eine gute Arbeit gefunden – nun stirbt er und wird nicht miterleben, wie seine Kinder zur Schule gehen. Das macht ihn wütend und traurig. Tod, Sterben, alles großer Mist. Das ist der eine Moment. Im nächsten genießt er, dass seine Familie da ist. Wenn schon sterben, dann so. Unsere Aufgabe ist es, dieses gute Leben auch im Sterben zu ermöglichen. Zu sprechen, zu weinen, Witze zu machen.

Witze?

Ja, nehmen Sie meinen Nachnamen. Ein Johannes Schlachter, der in einem Hospiz arbeitet. Sie ahnen ja nicht, wie oft ich schon Scherze darüber gehört habe, zum Beispiel von Frau Huhn.

Die meisten Deutschen möchten zu Hause sterben. Wie trösten Sie Ihre Patienten, wenn sie trotzdem zu Ihnen müssen?

Ja, viele wollen eigentlich zu Hause bleiben. Wenn es dann doch ins Hospiz geht, denken sie, versagt zu haben. Aber so manches Kind oder mancher Ehepartner hat drei, vier Jahre gepflegt. War Tag und Nacht im Einsatz. Das kann niemand durchhalten. Ihnen sagen wir: Ihr kommt jetzt zu uns. Wir kümmern uns um das Essen, die Pflege, die Medikamente, die Schmerzen und das Wohlbefinden.

Und dann?

Damit geben wir der Familie die Freiheit zurück, wieder eine Familie zu werden. Der Ehepartner muss nicht mehr ständig Hilfsmittellieferanten, Ärzte und Physiotherapeuten organisieren. Wir nehmen dem Angehörigen nicht die Arbeit weg, wir nehmen dem Paar nicht die Beziehung weg. Im Gegenteil, wir ermöglichen ihnen, wieder Ehepartner zu sein. Ich erinnere mich an eine Frau, die hat jeden Tag mit ihrem Mann hier im Hospiz ein gemeinsames Glückstagebuch verfasst. Da haben sie den schönsten Gedanken, das schönste Gefühl oder Erlebnis des Tages reingeschrieben. Lauter Kleinigkeiten, aber sie konnten drüber sprechen.

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