"Ich träume davon, aus L.A. abzuhauen"

Sie bleibt bescheiden. Statt Blockbuster dreht Chau lieber kleine Filme mit spannenden Themen. Foto: AFP
Interview mit Hong Chau „Als Asiatin spielt man höchstens die Putzfrau“

Im Film gibt es einen unglaublichen Moment, in dem Sie die beiden dazu überreden, Sie nach Norwegen mitzunehmen. Die Szene fängt sehr witzig an und kippt dann ins Herzzerreißende, wobei Ihnen genau im entscheidenden Moment die Tränen aus den Augen schießen. Können Sie auf Kommando weinen?

Nein. Ich arbeite nicht ergebnisorientiert. Ich denke, wenn man sich gefühlsmäßig in die richtige Stimmung versetzt und die Wucht der Worte spürt, dann wird schon das Richtige passieren. Ob in dem Moment Tränen fließen, finde ich gar nicht entscheidend. Was Sie auf der Leinwand sehen, ist übrigens der erste Versuch: Wir haben die Szene nur einmal gedreht. Das liegt aber auch daran, dass sie brillant geschrieben ist.

Wie haben Sie sich das Hinken erarbeitet?

Im Prinzip musste ich für den Film völlig neu gehen lernen. Als Beraterin hatte ich eine Kanadierin, der man – wie meiner Figur Ngoc Lan – das linke Bein unterhalb des Knies amputiert hatte. Sie nahm mich mit in das Reha-Zentrum, in dem sie selbst behandelt worden war; dort arbeitete ich mit ihrer Physiotherapeutin, und viele Patienten teilten ihre Erfahrungen mit mir. 20 Prozent aller US-Amerikaner haben eine körperliche Behinderung, aber im Kino kommt das nicht zum Ausdruck. Vor allem findet man in Hollywoodfilmen so gut wie nie eine derart forsche, zupackende, unsentimentale Behinderte wie in „Downsizing“.

Auch Flüchtlinge kommen in Hollywoodfilmen so gut wie nie vor.

Ja, ich finde es großartig, dass der Film die Frage nach der Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen stellt. Während es in den 70er Jahren noch so etwas wie ein kollektives Mitgefühl gab, wird unsere Gesellschaft heute von Ausgrenzung geprägt. Die meisten Amerikaner werden nie verstehen, was es bedeutet, alles zurückzulassen. Insofern spiegelt „Downsizing“ das Schicksal meiner Eltern und vieler Flüchtlinge wider, nur eben auf kreative, fiktionalisierte Weise. Wenn man schwierige Themen im Kino behandelt, ist es ja wichtig, sie unterhaltsam aufzubereiten, ohne etwas zu verwässern. Und das funktioniert am besten mit Humor. Niemand bringt mich so zum Lachen wie meine Eltern. Ja, kaum zu glauben, aber auch asiatische Einwanderer haben Humor! Es wird höchste Zeit, dass diese Bevölkerungsgruppe im amerikanischen Mainstream-Kino repräsentiert wird. Eine tragende Figur wie Ngoc Lan ist schon mal ein großer Schritt.

Die Frage ist, wie sich diese Entwicklung vorantreiben lässt. Sollte man Rollen, die für Weiße geschrieben wurden, vielleicht auch mal asiatischen Akteuren anbieten?

Klingt super, aber so einfach ist es leider nicht. Es lässt sich ja nicht leugnen, dass es gewisse Unterschiede zwischen mir und einer Weißen, einer Latina oder einer Afroamerikanerin gibt. Und ich möchte spüren, dass ein Autor bedacht hat, was es bedeutet, bestimmte Wurzeln zu haben. Die Figuren sollten stimmig und spezifisch ausgearbeitet sein. Mit oberflächlichen Rollen für Asiaten wäre nicht viel gewonnen. Ebenso wenig ist es ein Patentrezept, Frauen Rollen anzubieten, die eigentlich für Männer vorgesehen waren. In manchen Fällen mag das funktionieren. Aber auch Männer und Frauen sind verschieden, und eine langweilige Filmfigur wird nicht automatisch aufregend, nur weil sie von einer Frau verkörpert wird. Ich habe erst neulich eine solche Rolle abgelehnt, weil ich sie uninteressant fand.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Ich werde meine Projekte weiterhin sorgfältig auswählen. In Los Angeles fühle ich mich mittlerweile wie eine Exotin: Man erwartet von mir, dass ich nun, nach meinem Durchbruch, großspuriger auftrete, ein bestimmtes Image pflege und lukrativen Blockbustern hinterherhechle. Aber all das interessiert mich nicht. Ich lebe weiterhin bescheiden und freue mich auf schräge kleine Filme mit spannenden Themen und sensiblen Regisseuren.

Welche Träume haben Sie?

Ich würde wahnsinnig gern mal mit Pedro Almodóvar arbeiten. Und ich träume davon, aus L.A. abzuhauen, um eine Weile in der Natur zu leben. Als ich Alexander Payne davon erzählte, meinte er: „Ich leihe dir gern das Wohnmobil aus dem Film ,About Schmidt’.“ Ein verlockendes Angebot! Meine Eltern haben einst geschuftet, damit wir Kinder uns irgendwann schöne Dinge leisten konnten. Aber ich war stets wie ein kleiner Hippie: Ich wollte diese Sachen nie. Auch heute reizen mich schicke Autos, Häuser oder sonstige Reichtümer nicht im Geringsten. Und anders als früher denken meine Eltern inzwischen ähnlich wie ich. Sie betreiben mittlerweile eine kleine Bodega in Mississippi. Als ich sie zur „Downsizing“-Galapremiere einlud, meinten sie: „Nein, danke. Keine Zeit. Die Arbeit ruft!“

Zur Startseite